HAUSGESCHICHTEN

Das Glück ist manchmal schief

Mit dem Parchimer Giebelhaus konnte ein bedeutendes Baudenkmal gerettet werden

Straßenseite zum Marstall: Hier sind die alten Inschriften interessant. Foto: Katja Haescher

Wer kennt das nicht: Da steht ein schönes Haus in der Straße, hundertmal und öfter ist man schon vorbeigegangen. Aber was verbirgt sich hinter der Fassade? Welche Geschichten stecken hinter den Mauern, wer geht hier ein und aus? Denn schließlich sind Geschichten von Häusern immer auch Geschichten von Menschen. In dieser Serie wollen wir gemeinsam mit Ihnen hinter Fassaden blicken. Diesmal: im Giebelhaus in Parchim, das zu den ältesten Fachwerkhäusern Mecklenburgs gehört.

Schief. Das ist ein Wort, das Betrachtern beim Anblick dieses Hauses schnell in den Sinn kommt.So, als hätte jemand von außen kräftig gerüttelt, um rechte Winkel zu vermeiden – Winkel, die der Schweifgiebel ohnehin nicht assoziiert. Innen setzt sich der Eindruck fort. Viele der alten Wände biegen sich hinter Schränken und Regalen zurück und mancher neue Türrahmen ist oben tiefer als unten – und umgekehrt. Trotzdem ist Marko Schirrmeister glücklich, wenn er in dem frisch sanierten Gebäude steht. Der Geschäftsführer der Lewitz Werkstätten gGmbH spricht von einem positiven Zusammentreffen: „Ein Haus, das dem Verfall preisgegeben war, konnte gerettet werden und bekommt eine soziale Nutzung, die die Gesellschaft stark macht.“

Es war Ende 2016, als die Idee reifte, das Giebelhaus für die Lewitz-Werkstätten herzurichten. Die Wohnungsbaugesellschaft Parchim (Wobau) kaufte das denkmalgeschützte Gebäude von der Stadt und sanierte es unter Berücksichtigung des historischen Werts und für die Bedürfnisse des Mieters. Baubeginn war im Herbst 2018, jetzt sind die ersten Bewohner zweier Wohngruppen eingezogen, die in dem Komplex ein Zuhause finden werden.
Ein neues Zuhause für 18 behinderte Menschen und die Rettung eines prägenden Einzeldenkmals für die Stadt:

Das zwischen 1601 und 1604 errichtete Giebelhaus gehört zu den herausragendsten Beispielen dieses Haustyps in Mecklenburg-Vorpommern. Als zu Beginn des 17. Jahrhunderts der Parchimer Ratsherr Johann Busse sein Bauprojekt gegenüber dem Rathaus quasi als Spiegelbild desselben abschloss, untermauerte er damit vor den Augen der Stadtbevölkerung auch einen Repräsentationsanspruch. In dem so genannten Längsdielenhaus nahm die Diele auf der Höhe von zwei Geschossen die komplette Länge des Hauses ein. Hier spielte sich das Leben ab – außer fürs Schlafen war dies der Raum für alle Lebenslagen. Dennoch markiert das Giebelhaus bereits den Übergang zu einer neuzeitlicheren Wohnweise mit unterschiedlichen Nutzungen von unterschiedlichen Räumen.

Etwa 100 Jahre blieb der repräsentative Bau im Besitz der Busses. Nach dem Verkauf gelangte es in die Hände des Gewürz- und Weinhändlers Joachim Brasche und erhielt seinen ersten Umbau. Die Diele im Innern wurde aufgegeben und durch eine Zwischendecke unterteilt, mehrere kleine Räume entstanden. Der Las­tenaufzug wanderte nach außen, an der Traufseite zum Marstall entstand dafür eine Ladegaube.

Weitere Kaufleute folgten in der Reihe der Besitzer. Dem Haus war davon äußerlich nichts anzumerken – bis nach wiederum 100 Jahren ein Mann namens Friedrich Wilhelm Dankert erneut merkbar in die Bausubstanz eingriff. Dankert ließ die Fenster im Giebel vergrößern, vereinheitlichen und symmetrisch anordnen. Zeitgenössische Fotos zeigen, dass er sich dabei recht genau an das historische Vorbild hielt. Trotzdem stammt der Renaissancegiebel des Hauses streng genommen aus den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts.

Um Backsteine im alten Format nutzen zu können, ließ der Bauherr diese vermutlich sogar anfertigen. Nur einmal verließ Dankert die historische Sorgfalt – nämlich, als er die Jahreszahl 1310 im Mauerwerk platzierte. Auf der Grundlage eines 1882 entstandenen Aufsatzes über die Geschichte von Parchim war Dankert nämlich von einem viel älteren Erbe ausgegangen – einem, das Fürst Nikolaus II. von Werle hatte erbauen lassen. Ein Irrtum, den moderne dendrochronologische Untersuchungen aufklären können. Denn das in dem Haus verbaute Eichenholz – übrigens von bester Qualität – war zwischen 1599 und 1603 gefällt worden.

Diese ursprüngliche Fachwerk­kons­truktion ist heute fast vollständig erhalten und nur ein Indiz für den kunsthistorischen Wert des Gebäudes. Als nach abermals 100 Jahren die nächste Sanierung anstand, war es deshalb eine Herausforderung, das Haus in allen seinen Facetten zu erhalten und trotzdem behindertengerecht zu erschließen. Das gelingt mit einem „Komplex Giebelhaus“: Hinter dem Gebäude aus dem 17. Jahrhundert reihen sich eines aus dem 19. Jahrhundert, das ebenfalls saniert wurde, und ein Neubau.

Hier befindet sich ein Fahrstuhl, der alle drei Gebäude zugänglich macht. Und so kommen am Ende lauter Vorteile zusammen, die für Marko Schirrmeister den Reiz des Standorts ausmachen: Bus­halte­stelle vor der Tür, Parkplätze hinterm Haus, Cafés und Einkaufsmöglichkeiten um die Ecke … Dass der historische Charme des Giebelhauses auch die neuen Bewohner fasziniert, freut ihn dabei sehr. Als erste Zimmer waren nämlich die im ältesten Gebäudeteil vergriffen.

Das Haus soll aber auch darüber hinaus zu einem sozialen Zentrum in Parchims Innenstadt werden. Ins Parterre ist die Lebenshilfe eingezogen, außerdem soll dort eine Begegnungsstätte für geistig-behinderte Menschen im Ruhestand ihren Platz finden. Katja Haescher

Zwischen Himmel und Erde

Balkonien ist überall: Schönste Balkone in Westmecklenburg gesucht

Balkone in Ludwigslust Foto: Rainer Cordes

Wer kennt das nicht: Da steht ein schönes Haus in der Straße, hundertmal und öfter ist man schon vorbeigegangen. Aber was verbirgt sich hinter der Fassade? Welche Geschichten stecken hinter den Mauern, wer geht hier ein und aus? Denn schließlich sind Geschichten von Häusern immer auch Geschichten von Menschen. In dieser Serie wollen wir gemeinsam mit Ihnen hinter Fassaden blicken. Oder in diesem Fall besser gesagt davor: auf den Balkon. Nicht auf einen bestimmten, sondern den Balkon im Allgemeinen, der mehr ist als ein paar Quadratmeter vor der Hauswand.

Zu Hause bleiben. So lautet aktuell der Leitspruch, der für jeden von uns eine besondere Herausforderung bedeutet. Wer einen Balkon besitzt, wird ihn jetzt besonders lieben. Denn egal, wie klein der Freisitz ist: Die Möglichkeiten darauf sind nahezu unbegrenzt. Zeit also für eine kleine Kulturgeschichte des Balkons.

Die Definition im Duden klingt etwas unromantisch: „Vom Wohnungsinnern betretbarer offener Vorbau, der aus dem Stockwerk eines Gebäudes herausragt“. Dabei ist ein Balkon ungleich viel mehr. Man kann sich darauf sonnen, gärtnern, Gummihühner halten, in die Sterne gucken, am Computer sitzen, Cocktails schlürfen, Wäsche trocknen, tafeln, Urlaub machen –„Balkonien“ ist fast schon ein geflügeltes Wort. Auch die Gestaltungsmöglichkeiten sind unbegrenzt. Der eine hat den Gartenzwerg im Blumenkasten, der andere den Bierkasten unter der Balustrade. Der eine pflegt hingebungsvoll seine Tomatenpflanzen, während ein anderer die Gummipalme aufbläst und sich frei von gärtnerischen Verpflichtungen der Erholung widmet.

Die ersten Balkone enstanden vermutlich bereits vor Christi Geburt. Der sumerische Stadtfürst Gudea, ein leidenschaftlicher Bauherr, soll vor 4000 Jahren seinen Palast damit geschmückt haben. Spätestens mit dem Repräsentationsdrang des Bürgertums sprossen Balkone an zahlreichen Fassaden. Denn der Austritt in der Höhe war immer auch eine Demonstration von Macht und Bedeutung. Der Papst, die Queen, der FC Bayern München, sie alle sind regelmäßig auf dem Balkon zu sehen. Denn der zeigt sehr schön, wo oben und wo unten ist.

So bedeutungsgeladen hat der Balkon natürlich auch in der Literatur einen Platz. Astrid Lindgrens Pippi Langstrumpf hat ihr Pferd darauf untergebracht und das Liebesgeflüs­ter von Romeo und Julia ist als „Balkonszene“ in die Geschichte eingegangen. Zwar fällt dieses Wort bei Shakespeare gar nicht, der von „Julia am Fenster“ schreibt. Und auch der so berühmte Balkon an der „Casa di Giulietta“ in Verona ist eine Fälschung. Wahrscheinlich hatten die Veroneser irgendwann keine Lust mehr, das Nichtvorhandensein dieses Orts zu erklären und nahmen kurzerhand einen antiken Sarkophag, um ihn an die Wand des Julia-Hauses zu montieren – passt, sieht gut aus und wenn‘s auch falsch ist: Den Verliebten ist‘s egal.

Heute sind Balkone aus dem Gesicht von Städten nicht mehr wegzudenken. Einige der schönsten Exemplare befinden sich oft an Rathäusern: Ludwigslust, Hagenow, Wismar, Neustadt-Glewe, überall Balkone. In der dörflichen Architektur spielt er weniger eine Rolle, hier wurde kein Freisitz vor der Hauswand gebraucht. Lediglich Gutshäuser wurden gern mit repräsentativen Balkonen geschmückt – die Sache mit dem Oben und dem Unten spielte auch hier eine wichtige Rolle.

Und apropos repräsentieren: Gingen die fürs Gesehenwerden be­nö­tig­ten Balkone früher naturgemäß zur Straßenseite, sind bei Stadtbewohnern von heute die Freisitze nach hinten, wenn möglich Süd­seite, beliebt. Blühende Mini-Oasen sind nicht zuletzt Schnell-Res­taurants für viele Insekten und leisten einen nicht zu unterschätzenden Beitrag zur Erhaltung der Artenvielfalt.

Die allerbeste Balkonzeit ist jetzt. Alles ist frisch bepflanzt und das große Wachsen und Blühen be­ginnt. Wo sind die schönsten Balkone in Westmecklenburg? Schicken Sie uns gern ein Foto von Ihrem Lieblingsplatz an redaktion@
journal-eins.de. Katja Haescher

Das Kloster am See

In Dobbertin jährt sich in diesem Jahr die Gründung des Konvents zum 800. Mal

Die einzige doppeltürmige Kirche Mecklenburgs steht in Dobbertin. Foto: Katja Haescher

Wer kennt das nicht: Da steht ein schönes Haus in der Straße, hundertmal und öfter ist man schon vorbeigegangen. Aber was verbirgt sich hinter der Fassade? Welche Geschichten stecken hinter den Mauern, wer geht hier ein und aus? Denn schließlich sind Geschichten von Häusern immer auch Geschichten von Menschen. In dieser Serie wollen wir gemeinsam mit Ihnen hinter Fassaden blicken. Diesmal im Kloster Dobbertin, das in diesem Jahr 800 Jahre Geschichte feiert.

Es war im Jahr 1220, als Benediktinermönche am Ufer des Jawir-Sees ein Kloster gründeten. Lange blieben sie nicht: Schon zwischen 1231 und 1234 folgten Nonnen des gleichen Ordens und übernahmen bereits einige Bauten und ein kleines Bethaus. Im Laufe der Zeit wuchs daraus eine Anlage, die zu den am besten erhaltenen Klöstern im Land zählt. Und so sind es heute 800 Jahre Mecklenburger Geschichte, die hier geschrieben wurden. Aufmüpfige Nonnen und tugendhafte Damen, Küchenmeister und Hexen, der Dichter Fontane und viele andere spielten darin eine Rolle.

Ora et labora. Bete und arbeite. Diese Säulen bestimmten den Tages­ablauf. Fürs Gebet und den Gottesdienst entstand im 13. Jahrhundert eine Kirche mit Empore. Dort versammelten sich die Benediktinerinnen bereits in aller Frühe zum Morgenlob – auch deshalb schloss sich unmittelbar das Dormitorium, der Schlafsaal, an. Die Oberkirche verfügte über einen eigenen Altar und ein eigenes Chorgestühl. Beides ist nicht erhalten. Ans Mittelalter erinnern hier heute neben der Gliederung nur noch einige Fugenmalereien.

Angesichts einer zugemauerten Tür erzählt Klosterführer Horst Alsleben, der hier viele Jahre als verantwortlicher Bauleiter tätig war, eine besondere Geschichte. Als in Zeiten der Reformation den Klöstern Säkularisierung drohte, wollten sich die Dobbertiner Nonnen damit nicht abfinden. Eine herzogliche Visitationskommission, die für die Durchsetzung der neuen Lehre sorgen sollte, empfingen sie mit Steinwürfen und Wassergüssen von der Empore. Die Tür zwischen Dormitorium und Kirche wurde daraufhin zugemauert. Trotzdem dauerte der „Nonnenkrieg“ mehrere Jahre und so manche Kommission musste unverrichteter Dinge abziehen, während die Schwestern längst wieder die Horen sangen.

1572 war damit Schluss. Das Klos­ter wurde in ein „evangelisches Damenstift zur christlichen Auferziehung inländischer Jungfrauen“ umgewandelt. Inländisch bedeutete mecklenburgisch – und wieder ist es die Empore, die von dieser Geschichte erzählt. Aktuell wird hier gebaut, aber nach Fertigstellung der Oberkirche werden mehr als 150 aus Zinn gefertigte Wappen an der Wand in altem Glanz erstrahlen. Sie sind ein „Who ist Who“ der mecklenburgischen Adelsfamilien, die ihre Töchter in Dobbertin unterbrachten. Auch ein Kanzelaltar und Adelslauben aus dem 18. Jahrhundert sind hier erhalten.

Viel gibt es noch zu sehen. Den Kreuzgang mit jahrhundertealten Grabplatten. Das Refektorium, später Teil der Wohnung der Kloster­dame und Fontane-Freundin Mathilde von Rohr, die den Dichter hier auch zu Gast hatte. Gefängniszellen, in denen der Hexerei Beschuldigte und andere Delinquenten bis zu ihren Prozessen schmorten. Die Wohnhäuser der Damen und die Häuser von Klosterhauptmännern und Küchenmeistern. Letztere waren Geschäftsführer und Finanz­beamte des Klosters, das im 19. Jahrhundert zu den größten Wirtschaftsunternehmen Mecklenburgs zählte – mit Land- und Forstwirtschaft, Handwerk und Betrieben.

Heute ist die Anlage Sitz des Diakoniewerks Kloster Dobbertin. Hier leben, lernen und arbeiten behinderte Menschen, deren Privatsphäre Touristen bei ihren Besuchen akzeptieren müssen. Davon abgesehen ist viel Raum für ein harmonisches Miteinander. Spazierwege am wunderschönen See, jahrhundertealte Bäume und die Kloster­gastronomie laden ein. Am liebsten, so schrieb Fontane, wäre er alle sechs Wochen nach Dobbertin gereist: „… um die verbrauchten Nerven durch Ruhe, frische Luft und Rotwein wiederherzustellen“. Katja Haescher

Wo der Bergfried grüsst

In Neustadt-Glewe lockt Mecklenburgs älteste Wehrburg zum Spaziergang durch die Geschichte

Die Burganlage entstand um 1300, der Turm kam im 15. Jahrhundert dazu. Foto: Katja Haescher

Wer kennt das nicht: Da steht ein schönes Haus in der Straße, hundertmal und öfter ist man schon vorbeigegangen. Aber was verbirgt sich hinter der Fassade? Welche Geschichten stecken hinter den Mauern, wer geht hier ein und aus? Denn schließlich sind Geschichten von Häusern immer auch Geschichten von Menschen. In dieser Serie wollen wir gemeinsam mit Ihnen hinter Fassaden blicken. Diesmal: in Neustadt-Glewe, wo Mecklenburgs älteste Wehrburg thront.

Vom Graben ist nur ein kleiner Teich geblieben. Hier raschelt das Schilf, während gleich nebenan die Flügel der schweren Holztür weit offen stehen: Die alte Burg in Neustadt-Glewe ist heute ein einladender Ort. Und trotzdem: Angesichts von Bergfried und Wehrgängen, meterdicken Mauern und Schießscharten braucht es nicht viel Phantasie, um zurück in die Blütezeit dieses Orts zu reisen.
Die begann nach der Ostexpansion unter Heinrich dem Löwen im 13. Jahrhundert. Damals ging es heiß her an der südöstlichen Grenze der jungen Grafschaft Schwerin. Ein Verteidigungsstützpunkt war vonnöten, um das Territorium zu sichern. Um 1300 entstand das rechteckige Burgareal, dem vermutlich schon ein weiterer Bau vorausgegangen war.

Zwei Längshäuser, der Bergfried und die nördliche Wehrmauer haben die Zeiten überdauert – das macht das Ensemble zu einer der besterhaltenen Burgen Mecklenburgs. Wenn Museumsleiterin Britta Kley heute Besucher mit auf die Zeitreise nimmt, führt der Weg zuerst ins Neue Haus. Wie der Name verrät, ist es das jüngere der beiden Längshäuser. Es entstand in der Mitte des 15. Jahrhunderts und wurde als Wohnhaus genutzt. Klarer hervor tritt die Aufteilung im  16. Jahrhundert dank eines Inventars von 1576, das die herzoglichen Gemächer im Obergeschoss beschreibt. Im Erdgeschoss befand sich eine große Hofstube, in der man zu Beratungen, zum Essen und nach erfolgreicher Jagd zusammen kam. Auf letzteres weist ein Fries mit Jagdszenen hin, dessen Fragmente heute noch zu sehen sind. Und hier entdeckte Bärenknochen mit Schnittspuren sind ein Indiz, dass fürstlich geschmaust wurde.

Die Burg befand sich zu diesem Zeitpunkt im Besitz der Herzöge von Mecklenburg. Albrecht II. hatte sie 1358 von den Erben der Grafschaft Schwerin erworben. Allerdings war Neustadt-Glewe keine Residenz – die Herrschaften nutzten den Ort zum Beispiel während ihrer Jagdausflüge in die Lewitz. Das bedeutete jedoch nicht, dass sie auf Bequemlichkeiten verzichten wollten. Davon erzählt eine mittelalterliche Fußbodenheizung, die unterhalb der Hofstube im Neuen Haus entdeckt wurde. Sie stammt aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts, konnte von außen befeuert werden und entließ die Wärme über Öffnungen im Boden in den Saal. Heute geben begehbare Glasscheiben einen Blick darauf frei.

Wärme war auf der Burg ein kostbares Gut. Das erfahren Besucher auch im Obergeschoss, wo eine Ausstellung Auskünfte über den Alltag gibt. Der war alles andere als romantisch: „Ruß und Gestank, Dunkelheit, Zugluft und Kälte, Ratten, Mäuse, Läuse und Flöhe gehörten dazu“, zählt Britta Kley auf. Ob Herzog Adolf Friedrich I. deshalb 1618 den Bau eines Schlosses gleich gegenüber in Auftrag gab? Fest steht, dass es gut 100 Jahre dauerte, bis mit Christian Ludwig II. ein Mitglied des Herrscherhauses hier einzog. Gut zwei Jahrzehnte später, 1750, wurde das Neue Haus zum Marstall umgebaut.

Fast 300 Jahre zuvor hatte die Burg noch einmal aufgerüstet. Im 15. Jahrhundert entstanden Bergfried, Wehrmauern und Zinnen. 28 Meter misst der Turm von der Sohle des Verlieses bis zur Spitze und die zwei bis drei Meter dicken Mauern scheinen zu sagen: Rein gehts hier nur mit Einladung. Oder mit Anklage: In dem acht Meter tiefen Verlies, dessen einziger Zugang eine Luke in der Decke – das so genannte Angstloch – ist, sollen der Hexerei beschuldigte Frauen und Männer bis zu ihren Prozessen geschmachtet haben. „Bis ins 18. Jahrhundert wurden Menschen in Neustadt-Glewe und Umgebung öffentlich auf dem Scheiterhaufen verbrannt“, erzählt Britta Kley aus einem dunklen Kapitel der Geschichte.

Wesentlich beschwingter ging es in dem im 16. Jahrhundert aufgesetzten Wohngeschoss des Turms zu. Verteidigung spielte jetzt keine Rolle mehr. Davon zeugen große Fens­ter mit Vorhangbögen, in deren Nischen man Platz nahm, plauderte und auf die liebliche Landschaft zu Füßen des Turms schaute – echte Burgromantik eben. Ein Kamin und ein Abort-Erker sorgten zusätzlich für Komfort.

Und so erzählt Neustadt-Glewes Burg die Geschichte eines Landstrichs genauso wie die der Menschen, die hier zu Hause waren. Eine gut aufbereitete Ausstellung macht das Entdecken auf eigene Faust leicht. Wer eine Führung wählt, erfährt zusätzlich manch spannende Anekdote. Katja Haescher

Ein Haus vom Feinsten

Willkommen bei Schabbells: Im stadtgeschichtlichen Museum Wismar ist das Gebäude Exponat

Das Schabbellhaus mit dem gedrehten Giebel Foto: Christoph Meyer

Wer kennt das nicht: Da steht ein schönes Haus in der Straße, hundertmal und öfter ist man schon vorbeigegangen. Aber was verbirgt sich hinter der Fassade? Welche Geschichten stecken hinter den Mauern, wer geht hier ein und aus? Denn schließlich sind Geschichten von Häusern immer auch Geschichten von Menschen. In dieser Serie wollen wir gemeinsam mit Ihnen hinter Fassaden blicken. Diesmal in Wismar, wo an der Schweinsbrücke 6 und 8 zwei Häuser zum stadtgeschichtlichen Museum zusammengewachsen sind.

Kaufmann, Brauer, Ratsherr, später Bürgermeister: Heinrich Schabbell war in seiner Heimatstadt Wismar ein einflussreicher Mann. Und jeder sollte es sehen: Wohl auch deshalb griff er tief in die Tasche, als er sich mit Blick auf die Nikolaikirche ein repräsentatives Wohn- und Geschäftshaus errichten ließ.

450 Jahre später zieht das Gebäude immer noch die Blicke auf sich. Um so mehr, als nach siebenjähriger Res­taurierung hier seit 2017 das stadtgeschichtliche Museum mit einer neu konzipierten Ausstellung und deutlich mehr Platz einlädt. Denn zum ursprünglichen Museumssitz an der Schweinsbrücke 8 ist das Haus Nummer 6 hinzugekommen. Das passt auch historisch: Heinrich Schabbell kam durch die Heirat mit Anna Dargun in den Besitz dieses Gebäudes und des darauf liegenden Brauprivilegs. Zwischen 1569 und 1571 ließ er daneben das Haus an der Schweinsbrücke 8 errichten.

„Und so sind die Häuser selbst bei uns Exponate“, sagt Museumsleiterin Corinna Schubert. Eine der angebotenen Führungen führt quer durch die beiden Gebäude zu den „Häusern des Heinrich Schabbell“. In der Zeit geht es dabei sogar weiter zurück als bis in die Renaissance, in der der Hausherr lebte. Denn die Nummer 6 – ein Dielenhaus mit Kemladen – entstand bereits im 14. Jahrhundert. Auf 1364 datiert das dendrochronologische Gutachten den Dachstuhl, der noch genauso zu besichtigen ist wie die Kellerwände aus dem Mittelalter. Um den Spaziergang durch die Zeit noch spannender zu machen, stehen neben Originalbefunden so genannte „Erklär-Stelen“, mit deren Hilfe Besucher selbst durch die Geschichte navigieren können.

Ebenfalls zum Konzept des Museums gehört, dass alle Räume vom Keller bis zum Dach geöffnet sind. Der Weg führt von einem Haus ins andere und wieder zurück, vom ältes­ten Gebäudeteil mit Kemladen über einen neuen, modernen Verbindungstrakt in den repräsentativen Seitenflügel bis ins Giebelhaus der Renaissance.

Apropos Giebel: Den ließ Schabbell – entgegen dem Lübischen Baurecht – kurzerhand in Richtung Nikolaikirche drehen, anstatt ihn neben dem bereits vorhandenen der Nummer 6 auszurichten. „Das ist nur eines von vielen Dingen, die an diesem Haus ungewöhnlich sind“, sagt Corinna Schubert. So beauftragte der Bauherr mit Philipp Brandin auch einen ausländischen Meis­ter. Der Niederländer hatte bereits in fürstlichen Diensten gestanden und brachte neben modernsten Auffassungen so jede Menge Pres­tige mit. Brandin, der später die Wismarer Wasserkunst konzipierte, nutzte Vorlagebücher, die gerade drei Jahre zuvor erschienen waren.

Für die Außenfassade verwendete er anstelle der großen, einheimischen Backsteine im Klosterformat zierlichere, in Holland gebräuchliche Abmessungen. Mit Schmuckfriesen aus gotländischem Sandstein und dem schwarzen Schieferdach musste dieses Haus einfach auffallen – und dank des gedrehten Giebels konnte es auch jeder in voller Pracht sehen, der vom Poeler Tor der Lübschen Straße als wichtigster Ost-West-Verbindung zustrebte.

Heute ist das ganze Ensemble eine Schatzkiste, die viel verrät. Von der Geschichte Wismars, vom Mittelalter bis in die Neuzeit, von Handwerkstraditionen und Wohnverhältnissen. So leistete sich Schabbell zum Beispiel eine innenliegende Wendeltreppe. Und auch der Abort­schacht ist erhalten, dessen verzierte Öffnungen verraten, dass vermutlich kein Vorhang den Blick auf den Toilettennutzer versperrte.

Am 31. Dezember 1600 starb Heinrich Schabbell. Bis 1701 blieb das Gebäudeensemble im Besitz seiner Familie, die Nummer 8 war bis 1924 Brauhaus. 1933 zog das bereits 1863 gegründete kulturhistorische Museum Wismars ein und einige Jahre später wieder aus, bis es dann 1950 erneut seinen Platz an der Schweinsbrücke erhielt und seitdem hier geblieben ist. Katja Haescher

Kirche erzählt Dorfgeschichte

In Kladow steht ein kleines Gotteshaus mit vielen Besonderheiten / Glocke ist ältestes Stück

Die kleine Winzer-Orgel hat ein Manual und zwei Register. Foto: Katja Haescher

Wer kennt das nicht: Da steht ein schönes Haus in der Straße, hundertmal und öfter ist man schon vorbeigegangen. Aber was verbirgt sich hinter der Fassade? Welche Geschichten stecken hinter den Mauern, wer geht hier ein und aus? Denn schließlich sind Geschichten von Häusern immer auch Geschichten von Menschen. In dieser Serie wollen wir gemeinsam mit Ihnen hinter Fassaden blicken. Diesmal: in der Kirche Kladow, die sich – von außen eher unscheinbar – im Innern als Schatzkästlein zeigt.

Ein bisschen duckt sie sich hinter den Bäumen des Friedhofs, reckt nur den Turm heraus. Deshalb fährt so mancher durch Kladow, ohne einen Blick auf die Kirche zu werfen. Das ist schade. Denn das kleine Gotteshaus in dem Ort nahe Crivitz hat eine Menge aus der Dorfgeschichte zu erzählen.

Und das, obwohl das Gebäude mit dem Backsteinturm und dem verputzten, klassizistischen Chor noch gar nicht so alt ist – zumindest nach Kirchenmaßstäben betrachtet. 1780 wurde es unter Verwendung mittelalterlicher Umfassungsmauern errichtet. „Es gab Vorgängerbauten, aber Zeichnungen sind nicht überliefert“, sagt Norbert Wolfram. Der Kladower erledigt die Aufgaben des Küsters und steht auch dem Förderverein vor. Dieser leistet seinen Beitrag, die Anfang des 20. Jahr­hun­derts im Jugendstil umgebaute Kir­che zu erhalten.

Eine Glocke aus dem 15. Jahrhundert, per Hand zu läuten, Glasbilder eines Silbermedaillengewinners auf einer Weltausstellung und ein Kanzelaltar mit symbolischer Bedeutung, ein versteckter Schornstein und die Grabplatte eines renitenten Pastors auf dem Kirchhof – wer sich auf die Entdeckungsreise begibt, findet eine Menge Geschichten. Die auf 1488 datierte Bronzeglocke ist das älteste Ausstattungsstück – und klares Indiz für einen Vorgängerbau. In Schwingung wird sie mit Hilfe eines Seils gesetzt, das durch den Glockenboden bis ins Erdgeschoss des Turms reicht.
Allerdings herrscht aktuell Läutverbot, denn die Köpfe der mächtigen Eichenbalken, die das Gerüst des Turms bilden, sind stark geschädigt – ein nächster Punkt auf dem Aufgabenzettel bei der Sanierung. Ein anderer ist gerade abgehakt: Norbert Wolfram freut sich, dass die Klinker des Turms neu verfugt und auch die Verbindung zwischen Turm und Schiff abgedichtet wurde. Wasserflecken im Innern des Turms zeugen noch von den Schäden.
Das Innere des hübschen Kirchenraums mit der bemalten Holzbalkendecke wurde bereits 1999 erneuert. Ein Blickfang sind hier sechs farbige Bleiglasfenster, die der in Crivitz geborene Glasermeister

Rudolf Königsberg schuf. Königsberg hatte 1904 im amerikanischen St. Louis an der Weltausstellung teilgenommen und dort als einziger Handwerker aus Mecklenburg eine Silbermedaille gewonnen. Die Kladower gaben ihre Kirchenfenster im Jahr darauf also bei einem Meister mit internationalem Renomee in Auftrag. Die bunten Bleiglasflächen stecken voller Symbolik: Da sind die Taube als Sinnbild des Heiligen Geistes, der Anker für die Hoffnung, der Kelch und das Kreuz, der Weinstock und die Korngarbe. Die Einheit von Wort und Sakrament wiederum symbolisiert der so genannte Kanzelaltar, ein Typ Altar, der typisch für die Zeit nach der Reformation ist. Der Predigtstuhl befindet sich hier direkt über dem Altar an der Ostwand der Kirche.

Die Inneneinrichtung – Fußboden, Gestühl, Fenster – entstand 1905. An den Bänken weisen Inschriften wie Augustenhof, Kölpin, Basthorst darauf hin, welche Orte zum Kirchspiel gehörten und wessen Einwohner in welcher Kirchenbank schwitzten. Das ist durchaus wörtlich zu nehmen: Wird der alte eiserne Ofen geheizt, ist es im Gotteshaus mollig warm. Ein kleiner Dachreiter auf dem Kirchenschiff verbirgt den Schornstein und auch das Ofenrohr ist im Innern hinter dem Altar kaum auszumachen.

Es bliebe noch viel mehr zu sagen, Über die Orgel, die der in Mecklenburg wirkende Meister Friedrich Wilhelm Winzer baute – seine kleinste soll es sein. Über die Tür hinterm Altar, durch die der Pfarrer, aus dem Pfarrhaus kommend, in die Kirche huschen konnte. Vor dieser Tür wurden vor einigen Jahren zwei Grabplatten ent­deckt, die an den Kladower Pastor Laße und seine Frau erinnern. Dieser Laße war einige Jahre vor seinem Tode wegen ungebührlichen Verhaltens suspendiert worden. Einzelheiten hat Norbert Wolfram bisher nicht in Erfahrung bringen können. Es gibt also noch Gelegenheit, weitere Geschichten rund um die Kladower Kirche zu entdecken. Katja Haescher

Ein Haus, ein Dorf, Ein Plan

Das Kulturhaus Mestlin sollte einst Herz eines sozialistischen Musterdorfs sein – und blüht neu auf

Das Kulturhaus am Marx-Engels-Platz: Sogar Karat trat hier auf. Foto: Rainer Cordes

Wer kennt das nicht: Da steht ein schönes Haus in der Straße, hundertmal und öfter ist man schon vorbeigegangen. Aber was verbirgt sich hinter der Fassade? Welche Geschichten stecken hinter den Mauern, wer geht hier ein und aus? Denn schließlich sind Geschichten von Häusern immer auch Geschichten von Menschen. In dieser Serie wollen wir gemeinsam mit Ihnen hinter Fassaden blicken. Diesmal: im Kulturhaus Mestlin, das von der Geschichte des einstigen sozialistischen Musterdorfs erzählt.

Wenn das Wort „Koloss“ zu einem Gebäude passt, dann zu diesem. Es wäre für keine Großstadt zu klein, steht aber in Mestlin, da, wo sich eine leicht holprige Dorfstraße zum Marx-Engels-Platz öffnet.
Das Kulturhaus ist vielerlei. Ein Erbstück. Ein Denkmal, sogar eines von nationaler Bedeutung. Ein Haus, das sich auch heute noch für Veranstaltungen eignet – Platz ist da. Gerade an diesem Wochenende – vom 15. bis 17. November – findet hier der Kunsthandwerkermarkt „hinterland“ statt.

Um mit dem Erbstück zu beginnen: Anfang der 1950-er Jahre beschloss die DDR den Ausbau so genannter sozialistischer Musterdörfer. Ziel war, in Stadt und Land gleiche Lebensbedingungen zu schaffen. Dazu musste die Chance gehören, sich als sozialistische Persönlichkeit auch kulturell umfassend zu bilden. Zwischen 1954 und 1957 entstand zu diesem Zweck das Kulturhaus im Stil des Neoklassizismus, auch sozia­listischer Klassizismus oder Stalin-Barock genannt. Architekt war Erich Bentrup, aus dessen Skizzenbuch auch das Schweriner Kino Capitol stammt. Mit dem großen Walmdach und dem zum Marx-Engels-Platz vortretenden Mittelrisalit ist das 57 Meter lange Gebäude einem Gutshaus nicht unähnlich – eine ironische Fußnote vor dem Hintergrund, dass hier die „Überlegenheit des Sozialismus“ demonstriert werden sollte.

Damit kommt auch das Denkmal Mestlin ins Spiel, zu dem nicht nur das Kulturhaus, sondern das gesamte Ensemble um den Marx-Engels-Platz gehört. Dort waren zwischen 1954 und 1962 weitere Gebäude – darunter Schule sowie Häuser mit Wohnungen und Geschäften – entstanden. Kurze Wege zum Arzt und zum Einkaufen, zum Friseur, ins Restaurant und ins Konzert sollten den Dorfbewohnern ähnliche Annehmlichkeiten wie in der Stadt gewähren. Mehrere hundert dieser Musterdörfer plante der junge Arbeiter- und Bauernstaat. Am Ende wurde nur Mestlin realisiert, weshalb der Marx-Engels-Platz mit seinen Bauten heute steingewordenes Zeugnis dieser sozialistischen Utopie ist. Das Ensemble steht bereits seit 1977 unter Denkmalschutz und wurde wegen seiner Einmaligkeit 2011 als Denkmal von nationaler Bedeutung eingestuft.

Mittendrin das Kulturhaus, dessen Kernstück der große Saal mit Bühne und Orchestergraben ist. Jugendweihen und Erntefeste, Tanz, Kino und Konzerte fanden hier statt, Bands wie Karat aus der ersten Riege der DDR-Rockmusik traten auf. Die Veranstaltungen lockten im Jahr 50.000 Besucher. Daneben gab es noch einen kleinen Saal und Räume für Gastronomie und Arbeitsgemeinschaften, ein Hörstudio und Büros.

Mit der Wende änderte sich alles. Das Kulturhaus wurde jetzt Großraumdisko. Ein Betreiber ließ dafür die Wände im Innern schwarz streichen – auch die Decken. Der Nächs­te ließ fuhrenweise Sand in den Saal karren, um Flair für Beachpartys zu schaffen. Zahlreiche Einrichtungsgegenstände und ein großer Teil der Ausstattung verschwanden während dieser Episode. Das Kulturhaus war jetzt in einem noch bedenklicheren Zustand als zum Ende der DDR.

Aber es gab Menschen, die es nicht aufgeben wollten. Ende der 1990er-Jahre fand sich ein erster Förderverein zusammen, der zum Beispiel die Dachsanierung auf den Weg brachte. 2008 gründete sich der Verein „Denkmal Kultur Mestlin“, der 2017 für sein Engagement mit dem Deutschen Preis für Denkmalschutz geehrt wurde.
Es gibt wieder Veranstaltungen, ambitionierte Ausstellungen, Gedankenaustausch. Damit hat sich eines in den mehr als 60 Jahren des Bestehens nicht geändert: Kultur hat einen Platz mitten im Leben. Katja Haescher

Wasserhaus und Schatzkammer

Fontänenhaus in Ludwigslust versorgte einst Springbrunnen im Park und ist heute Natureum

Die Rückseite des Fontänenhauses mit dem Ludwigsluster Schloss im Hintergrund Foto: Katja Haescher

Wer kennt das nicht: Da steht ein schönes Haus in der Straße, hundertmal und öfter ist man schon vorbeigegangen. Aber was verbirgt sich hinter der Fassade? Welche Geschichten stecken hinter den Mauern, wer geht hier ein und aus? Denn schließlich sind Geschichten von Häusern immer auch Geschichten von Menschen. In dieser Serie wollen wir gemeinsam mit Ihnen hinter Fassaden blicken. Diesmal: im Fontänenhaus in Ludwigslust, das älter ist als das danebenstehende Schloss.

So ein Springbrunnen ist eine feine Sache. Morgens nach dem Aufstehen auf das sprudelnde, hüpfende Wasser zu schauen, erfreut Auge und Herz. Das sagte sich vermutlich auch Herzog Christian Ludwig von Mecklenburg, als er hinter seinem neuen Jagdschloss einen Park anlegen ließ – mit zwei Springbrunnen auf dem Rasenparterre. Nur: Mit dem Wasser war es schwierig. Einen Fluss oder See gab es in der Nähe des Schlosses nicht, so dass die Springbrunnen mit Hilfe des Grundwassers beplätschert werden mussten. Aus diesem Grund entstand im Park ein „Fontänenhaus“, auch Pumpenhaus genannt, das einen Wasserbehälter beherbergte und die Brunnen speiste.

Das Fontänenhaus ist älter als das heutige Schloss, ein Nachfolgebau von Christian Ludwigs einstöckigem Anwesen. Wie alt – das lag lange im Dunkeln. Dann wurde vor einigen Jahren in Schwerin ein Konvolut aus Bauzeichnungen, Gebäudeplänen und Rechnungen entdeckt – der so genannte Planschatz. Mit dabei auch ein detaillierter Kos-tenvoranschlag für das Fontänenhaus, aus dem sowohl der Name des Erbauers als auch die Bauzeit – 1752/53 – hervorgehen. Damit wird klar, was zuvor bereits vermutet worden war: Landbaumeister Anton Wilhelm Horst plante das Gebäude.

Zum damaligen Zeitpunkt bestand es lediglich aus drei Fensterachsen, war also nahezu quadratisch. Im Innern gab es keine Decken, sondern ein Stützsystem, das den Wasserbehälter hielt. Rund 20 Kubikmeter konnten dort hinein und in die Höhe gepumpt werden, um dann über Rohrleitungen in Richtung Springbrunnen zu fließen. Einfluss auf die Ausführung des Baus nahm möglicherweise später auch Hofbaumeister Jean-Laurent Le Geay, der dennoch an Horsts Arbeit kein gutes Haar ließ: Nicht gut gelegen sei das Gebäude und nicht gut dekoriert. „Es gleicht einem, das man aus einer Stadt entführt hat und in einem Garten duldet“, ließ Le Geay verlauten. Dass Horst darüber sauer war – nicht zuletzt, weil ihm der Franzose den Posten als Hofbaumeister weggeschnappt hatte – ist klar. Und so war das Verhältnis der beiden Architekten von Intrigen geprägt.

Das Haus jedoch stand, wenngleich die Karriere als Pumpenhaus nicht lange währte. Der Bau des Ludwigsluster Kanals zwischen 1756 und 1760 als Verbindung zwischen Stör und Rögnitz machte eine ganz andere Dimension von Wasserspielen möglich – Wasserspiele, die auch ohne Pumpen sprudelten, denn der Kanal hatte allein im Park ein Gefälle von acht Metern.

Im Fontänenhaus entstanden jetzt Wohnungen für Hofbedienstete. Um 1800 wurde das Gebäude um zwei Achsen erweitert. Weil die Haustür jetzt nicht mehr mittig saß, erhielt das Haus um der Symmetrie willen eine Scheintür, in Wahrheit ein Fenster. Fach- und Mauerwerk bekamen den monochromen hellen Anstrich, auf den die heutige Farbfassung zurückgeht. „Möglicherweise auch ein Mittel, um das einfache Fachwerk so dicht neben dem Schloss zu verstecken“, sagt Uwe Jueg. Er ist Vorsitzender der Naturforschenden Gesellschaft Mecklenburgs, womit man bei der aktuellen Nutzung des Fontänenhauses angekommen ist. Es beherbergt heute das Natureum, ein vom Verein betriebenes naturkundliches Museum, das die Natur Westmecklenburgs präsentiert. Flora, Fauna, Gesteine – das von außen so klein wirkende Haus offenbart sich im Innern als großartige Schatzkammer, die einer der wertvollsten naturkundlichen Sammlungen des Landes Raum gibt. Ein Besuch lohnt sich!

Auch der „Hülle“ um diese Sammlung widmet sich der Verein. Nach der Übernahme des Gebäudes durch die Naturforschende Gesellschaft begann 2004 die Sanierung des Fontänenhauses, die neben Städtebaufördermitteln und Fördermitteln der Bingo-Umweltlotterie auch durch Eigenleistungen der Mitglieder und eingeworbene Sponsorengelder möglich wurde. So ist alles im Fluss – und das kleine Haus am Rande des Schlossparks vom Wasserspender für Springbrunnen zum Museum geworden. Katja Haescher

Das Haus des Barbiers

Deutsches Haus in Rehna ist eins der ältesten kleinstädtischen Fachwerkgebäude Mecklenburgs

Der Ursprungsgiebel mit den dekorativen Fächerrosetten ist noch heute in der Fassade erkennbar. Foto: Katja Haescher

Wer kennt das nicht: Da steht ein schönes Haus in der Straße, hundertmal und öfter ist man schon vorbeigegangen. Aber was verbirgt sich hinter der Fassade? Welche Geschichten stecken hinter den Mauern, wer geht hier ein und aus? Denn schließlich sind Geschichten von Häusern immer auch Geschichten von Menschen. In dieser Serie wollen wir gemeinsam mit Ihnen hinter Fassaden blicken. Diesmal: in der Gletzower Straße in Rehna, wo das „Deutsche Haus“ die Blicke der Vorüberfahrenden auf sich zieht.

Schere und Barbiermesser sind sorgfältig in den Balken geschnitten. Hans Seehase, der hier in Rehna „in Gottes Gnade“ ein Haus bauen ließ, war Wundarzt und Barbier. So richtig ließen sich diese Berufe im
16. Jahrhundert nicht trennen: Beide mussten mit dem Messer umgehen können und Barbiere rasierten nicht nur, sondern kümmerten sich auch ums Zähneziehen, den Aderlass und die Versorgung von Wunden. Hans Seehase musste es zu einigem Wohlstand gebracht haben, denn der reiche Holzzierat in der Fassade des Fachwerkbaus war sicher von keinem armen Schlucker in Auftrag gegeben worden.

Heute gehört das so genannte Deutsche Haus in Rehna zu den ältesten kleinstädtischen Fachwerkhäusern Mecklenburgs – und zweifellos auch zu den schönsten. 500 Jahre hat es auf dem Buckel – oder muss man bei Häusern sagen auf dem Gebälk? Das zumindest gibt Auskunft über das wahre Alter: Ein dendrochronologisches Gutachten datiert die Entstehung des Fachwerkbaus ins 16. Jahrhundert. Dies betrifft allerdings nur den ältesten Teil des Hauses, dessen ursprünglicher Giebel sich noch heute im Fachwerk der Vorderfront abzeichnet. Nachfolgende Generationen brauchten mehr Platz, so dass das Haus rund 100 Jahre nach seiner Errichtung verbreitert wurde und eine vorspringende, so genannte „Utlucht“ bekam.

Wenn sie in diesem „Ausguck“ Platz nimmt, ist Rebekka Duge davon überzeugt, den schönsten Arbeitsplatz der Stadt zu haben. Bis zum Rehnaer Marktplatz reicht der Blick aus der heutigen Stadtbibliothek – sicher ein Grund für den Anbau, der möglicherweise auch modischen Erwägungen der Zeit folgte.

In der Liste der Bewohner, die auf Hans Seehase folgten, gibt es einige weiße Flecken. Fest steht, dass ein Johann Kassow dazugehörte – er hinterließ seinen Namen in der Inschrift über der Eingangstür. Das war im Jahr 1750.
Später war das Deutsche Haus Schmiede und Ausspanne. Die Familie Grevismühl, die hier zusammen mit Angestellten lebte, betrieb außerdem einen Ausschank. „Das bot sich ja auch an, wenn jemand zum Beispiel auf sein Pferd warten musste“, sagt Rebekka Duge, Chefin der Rehnaer Bibliothek. Möglicherwiese leitet sich aus dieser Gastronomie-Episode auch der heute gebräuchliche Name des Gebäudes ab. Mehrere Gastwirtschaften und Hotels in ganz Deutschland tragen den Namen „Deutsches Haus“.

Ob es Grevismühls in dem immer wieder erweiterten und verschachtelten Fachwerkbau bequem hatten – wer weiß. Während die Ausfachungen der hohen Diele heute weiß gekalkt sind, waren die Farbfassungen früherer Jahre dunkel – sicher auch vom Ruß der Schmiede. Berühmte Gäste sind ebenfalls überliefert: Der Martensmann, der einmal im Jahr mit einem Fass Rotspon von Lübeck nach Schwerin reist, soll bei seiner Übernachtung in Rehna im Deutschen Haus geschlafen haben. Zu DDR-Zeiten lebten sogar mehrere Familien in den teils winzigen Stuben des Fachwerkbaus.

Nach der Sanierung 2004 ist die Stadtbibliothek ins Deutsche Haus eingezogen. Rebekka Duge genießt das historische Flair. Und sie vergisst auch nicht, Besucher beim Betreten der Anmeldung ans Kopf-Einziehen zu erinnern: Die Türöffnung hat noch die Höhe aus der Zeit Hans Seehases. Katja Haescher

Fachwerk in der Bunten Stadt

Das Rathaus in Grabow entstand im 18. Jahrhundert nach dem großen Stadtbrand

Das Grabower Rathaus entstand 1727 nach dem großen Stadtbrand. Foto: Katja Haescher

Wer kennt das nicht: Da steht ein schönes Haus in der Straße, hundertmal und öfter ist man schon vorbeigegangen. Aber was verbirgt sich hinter der Fassade? Welche Geschichten stecken hinter den Mauern, wer geht hier ein und aus? Denn schließlich sind Geschichten von Häusern immer auch Geschichten von Menschen. In dieser Serie wollen wir gemeinsam mit Ihnen hinter Fassaden blicken. Diesmal: im Rathaus in Grabow, das zusammen mit einer ganzen Stadt entstand.

Der 3. Juni 1725 teilt die Geschichte von Grabow in ein Davor und ein Danach. An diesem Tag brannte die kleine Ackerbürgerstadt innerhalb weniger Stunden fast vollständig ab. Die Flammen fraßen sich durch die dichtgedrängt stehenden Häuser und Buden in den verwinkelten Straßen, fanden in Strohdächern und Holzschuppen reichlich Nahrung, sprangen ins Schloss, das Rathaus, die Kirche. Innerhalb weniger Stunden war der Ort ein schwelender Trümmerhaufen.

Neben den repräsentativen Bauten waren rund 300 Häuser ein Raub der Flammen geworden.
Die Grabower standen vor einer gigantischen Aufgabe: Es ging nicht darum, ein paar neue Häuser zu bauen, sie brauchten eine neue Stadt. Ob das der Grund war, dass schon zwei Jahre nach dem Brand an ursprünglicher Stelle wieder ein Rathaus als Ort wichtiger politischer Entscheidungen stand? Wer weiß. Fest steht, dass mit dem prächtigen Fachwerkgebäude am Markt auch ein Impulsgeber für den Wiederaufbau und die Entstehung der Fachwerkstadt Grabow errichtet wurde.

Bis 1740 folgten nach einem Regulierungsplan zahlreiche Fachwerkbauten – „die bunte Stadt an der Elde“ erhielt ihr heutiges Gesicht. Bauholz war in der Gegend reichlich vorhanden und die Zimmerer hatten jahrelang zu tun. Herzog Carl Leopold nutzte die Tabula rasa gleichzeitig, um das neue Grabow moderner und sicherer zu machen: Die Straßen wurden breiter, Holzschindeln und Stroh als Material zum Dachdecken waren genauso verboten wie Scheunen und Schuppen innerhalb des Ortes.

Das 1998 gründlich sanierte Rathaus gehört heute zu den wertvollsten Stücken im Schmuckkästchen Grabow. Amtsbaumeister Christian Reichel und Zimmermeister Joachim Schlubeck bauten das zweigeschossige Haus mit dem hohen Mansarddach im Stil des Barock. Gekrönt wird das Dach von einem kleinen Turm mit Haube, einer so genannten Laterne, die eine Wetterfahne mit Mond und Sternen schmückt. Dieses Stadtwappen geht in der jetzigen Form auf die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts zurück. Bereits nach der Reformation im 16. Jahrhundert hatten die Grabower den Heiligen Georg aus ihrem Wappen verbannt und sich für einen Mond mit Stern als heraldisches Symbol entschieden, der sich über die Jahre zur heutigen Form wandelte.

Und während das historische Rathaus vor seiner Sanierung Ende des 20. Jahrhunderts zusätzlichen Platz im Innern benötigte, war es bei seiner Entstehung in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts großzügig dimensioniert. So großzügig, dass es neben ein bis zwei Verwaltungsräumen und der Bürgermeisterwoh­nung auch noch ein Hotel, ein Billardzimmer und einen Konditoreiladen beherbergen konnte.

Eine spannende Fußnote in der Geschichte erhielt es 1839, als der Gefangene Fritz Reuter aus Graudenz auf die Festung Dömitz verlegt wurde. Auf dem Weg dorthin machte der begleitende Gendarm mit dem Delinquenten im Grabower Rathaus Station. Dort traf Reuter seinen alten Freund Franz Floerke, mit dem er auf dem Gymnasium Parchim die Schulbank gedrückt hatte. Dieser war inzwischen Hofrat und Bürgermeister und setzte sich als solcher in der darauffolgenden Zeit sehr für die Freilassung Reuters ein. Nachdem dieser 1840 das Gefängnis verlassen durfte, besuchte er Grabow erneut.

Über die nächtliche Begegnung vor dem Rathaus schrieb Reuter später in seiner „Festungstid: „,Gun Abend, Franz!‘ röp ick ut den Wagen, ,täuw noch en beten!‘ – Un as ick nu mit minen Schandoren tau Rum un gegen ‘t Licht kamm, freu‘te de oll Knaw sick ordentlich un verget ganz, dat hei Burmeister was un ick Delinquent (…) Äwer den Abend wull de Schandor ganz utenanner gahn, as hei hürte, dat de Burmeister sick mit den Vagebunden duzte, un as hei sach, dat hei mit em ‘ne Buddel Win drünk (…)“.

So setzte Reuter der Stadt Grabow, ihrem Bürgermeister und auch dem Rathaus in seinem Werk ein literarisches Denkmal. Und apropos Denkmal: Auf dem Kirchenplatz hinterm Rathaus stehen die beiden Freunde Reuter und Floerke noch heute. Aus Bronze und mit Weingläsern in der Hand stoßen sie aufs Wiedersehen an.
Katja Haescher

Die Hüter der Hafeneinfahrt

Die Geschichte von Wismars Baumhaus ist noch heute eng mit der Schifffahrt verbunden

Blick vom Baumhaus auf St. Nikolai
Foto: Katja Haescher

Wer kennt das nicht: Da steht ein schönes Haus in der Straße, hundertmal und öfter ist man schon vorbeigegangen. Aber was verbirgt sich hinter der Fassade? Welche Geschichten stecken hinter den Mauern, wer geht hier ein und aus? Denn schließlich sind Geschichten von Häusern immer auch Geschichten von Menschen. In dieser Serie wollen wir gemeinsam mit Ihnen hinter Fassaden blicken. Diesmal: im Baumhaus am Alten Hafen von Wismar.

Es ist ein Arbeitsplatz mit Aussicht.  Im Sommer lässt Sylvia König die Außentür auf und blickt direkt vom Empfangstresen auf die Silhouette von Wismar. Auf  den steil emporragenden Turm von St. Marien und das hohe Schiff der Nikolaikirche, die dem Schutzpatron der Seefahrer geweiht ist. Auf die flanierenden Touristen, die Räucherfischkutter, die alten Speicher und Silos. Und damit ist Sylvia König mittendrin in Wismars maritimem Erbe, dem jetzt eine Ausstellung im Baumhaus am Alten Hafen gewidmet ist.

Das Baumhaus selbst ist Teil dieser Geschichte. Seinen Namen bekommt es weniger von den beiden Linden vor der Tür, als von seiner einstigen Funktion als Wächterhaus: An dieser Stelle musste der „Bohmschlüter“ vor Einbruch der Nacht eine Kette vor die Hafeneinfahrt ziehen und den Hafen mit einem Schlagbaum sichern. „Hier war natürlich ein neuralgischer Punkt“, sagt Sylvia König. Wer die Hafeneinfahrt passiert hatte, stand vor der Stadtmauer. Unerlaubtes Einlaufen galt es aber auch aus anderen Gründen zu verhindern: Neben den Waren reisten häufig auch Krankheiten mit den Schiffen.

Bereits Mitte des 16. Jahrhunderts soll es deshalb in Wismar ein Haus „up‘n Bohm“ gegeben haben. Dieses Gebäude wurde Mitte des 18. Jahrhunderts durch das heutige Baumhaus ersetzt. Das Ziegelgebäude im Barockstil war der Sitz des Hafenmeisters, der hier auch eine Dienstwohnung hatte. An seine Zeit erinnert eine Windrose an der Decke des Foyers, die über eine Stange mit der Wetterfahne auf dem Dach verbunden ist. „Der Hafenmeister brauchte seine Nase also nicht in den Wind zu stecken“, sagt Sylvia König. Ob nun Nord-Nordwest oder Süd-Südost, alles ließ sich bequem von der bunten Scheibe im Innern des Hauses ablesen. Durchaus gemütlich – um so mehr, da der Hafenmeister eine Zeitlang sogar über das Schankrecht verfügt haben soll. „Das wurde ihm allerdings schnell wieder entzogen, vielleicht, weil es sich für eine Amtsperson nicht schickte“, sagt Sylvia König.

Das barocke Gebäude diente einst den „Bohmschlütern“ als Unterkunft.

Sie betreut zusammen mit ihrem Mann Werner König und Gerd Lemke die Ausstellung im neu geschaffenen maritimen Traditionszentrum. Die drei gehören zum Förderverein „Poeler Kogge“, der das Baumhaus von der Stadt 2018 in Erbbaurecht übernahm und seitdem zusammen mit den Fördervereinen „Schoner Atalanta“ und „Marlen“ mit Leben füllt. Die Ausstellung widmet sich der Geschichte von Hafen und Werft, erzählt aus der Zeit der Hanse und legt den Fokus auf die drei Schiffe, denen sich die Vereinsmitglieder verschrieben haben. Ein besonders spannendes ist eine Kogge, die 1999 vor Poel gefunden wurde und deren Nachbau, die „Wissemara“, noch heute die Zeit der Hanse wieder aufleben lässt. Regelmäßig nimmt die Koggen-Crew, zu der auch Sylvia und Werner König gehören, Touristen mit an Bord, verschiedene Touren  sind  im Angebot. „So nah am Wasser ist man auf keinem Kreuzfahrtschiff“, schwärmt Sylvia König, die sich selbst als echtes „Küstenkind“ bezeichnet und sich freut, wenn sie vom Baumhaus die Kogge an deren Liegeplatz im Alten Hafen sieht.

Das unter Denkmalschutz stehende Haus als maritimes Zentrum kommt bei Touristen und Einheimischen gut an. Täglich kommen zahlreiche Besucher durch die von zwei Schwedenköpfen flankierte Tür. Auch die bunten Herren haben ihren Platz vor dem Baumhaus nicht erst seit gestern. Die so genannten Herkulesbüsten waren ursprünglich barocke Schiffsdekorationen und standen später auf Dalben in der Hafeneinfahrt. Dort beschädigte sie 1902 ein finnisches Schiff. Anschließend wurden Nachgüsse von den Köpfen angefertigt, ein Original befindet sich heute im stadtgeschichtlichen Museum. Die beiden Herkulesköpfe vor der Tür des Baumhauses sind also Repliken und wachten bereits zu Zeiten des Seefahrtsamts, das sich zu DDR-Zeiten hier befand, über den Eingang.

Später war das Baumhaus noch eine kleine Galerie, nun erzählt es als Ganzes und mit einer ambitionierten, von den Vereinen zusammengestellten Ausstellung Seefahrtsgeschichte. Und wer jetzt schon immer mal wissen wollte, wie das Kalfatern funktioniert oder was ein Krängungsmesser ist, der sollte sich die Präsentation unbedingt anschauen. Geöffnet ist von April bis Oktober montags bis sonntags von 11 bis 17 Uhr und von November bis März freitags bis sonntags von 11 bis 15 Uhr.

 

Der Letzte einer ganzen Burg

Wahrzeichen und Markenzeichen: Amtsturm prägt das Bild von Lübz

Der spätromanische Amtsturm: Er gehört heute zum Stadtmuseum und kann besichtigt werden Foto: Katja Haescher

Wer kennt das nicht: Da steht ein schönes Haus in der Straße, hundertmal und öfter ist man schon vorbeigegangen. Aber was verbirgt sich hinter der Fassade? Welche Geschichten stecken hinter den Mauern, wer geht hier ein und aus? Denn schließlich sind Geschichten von Häusern immer auch Geschichten von Menschen. In dieser Serie wollen wir gemeinsam mit Ihnen hinter Fassaden blicken. Diesmal: im Lübzer Amtsturm, dem letzten Zeugen der alten Eldenburg.

Mitte des 19. Jahrhundertsbrauchte die Stadt Lübz eine öffentliche Uhr. Ein Platz war schnell gefunden: der Amtsturm. Hier ging jeder jeden Tag vorbei, während sich die Stadtkirche in zweiter Reihe den Blicken entzog.
Das zum Uhrturm beförderte Bauwerk war zu diesem Zeitpunkt schon 550 Jahre alt. Zwischen 1306 und 1308 war der Wehrturm als Teil einer Burg von den Markgrafen Otto und Hermann von Brandenburg gebaut worden.

In der Gegend, die damals noch zu Brandenburg gehörte, ging es zu dieser Zeit hoch her. Auch die mecklenburgischen Nachbarn hatten ein Auge auf Land und Burg geworfen. Die 2,20 Meter dicken Mauern des Lübzer Amtsturms erzählen noch heute davon, dass es besser war, wenn man sich zu verteidigen wusste. Der Turm hat dabei allerdings eine Besonderheit, über die schon viele Historiker gegrübelt haben: Die Wendeltreppe in der Mauer dreht sich nicht wie anderenorts rechts-, sondern linksherum – für Verteidiger, die den rechten – den Schwertarm – frei bewegen müssen, ungünstig.

„Wir haben schon gescherzt, dass der Baumeister vermutlich Linkshänder war“, sagt Ilona Paschke. Sie kennt den Amtsturm wie ihr Wohnzimmer, leitete jahrlang das Museum und ist heute beim Verein Lübzer Land beschäftigt, in dessen Trägerschaft sich der Turm befindet.

Und apropos Wohnzimmer: Als die Eldenburg nach einigen Scharmützeln schließlich zu Mecklenburg gehörte und es im Lande ruhiger geworden war, brauchte man Platz zum Wohnen. Aus der unbequemen Burg wurde ein Schloss, das noch zwei weitere Türme hatte.

1547 zog hier Anna, die Witwe Herzogs Albrecht VII., ein. Ihr folgten zwei weitere verwitwete Herzoginnen, darunter 1591 Sophie. Die Frau Johann VII. war zu diesem Zeitpunkt erst 23 Jahre alt. Sie verwaltete ihre Güter sehr umsichtig und bot sogar Wallenstein die Stirn. Im Gegensatz zu ihren Söhnen, den Herzögen Adolf Friedrich I. und Johann Albrecht II., ließ sie sich nicht außer Landes jagen.

Nach Sophies Tod 1634 verfiel das Schloss. Die Steine wurden anderswo verbaut. Warum der Turm als einziger dem Baustoffrecycling widerstand – wer weiß. Er blieb stehen und wurde erst Uhrturm und 1976 Museum. Die 1856 eingebaute Uhr ist übrigens im obersten Geschoss zu besichtigen. Einmal in der Woche muss sie aufgezogen werden. Gern übernehmen Besucher die Aufgabe, die drei Feldsteingewichte nach oben zu kurbeln. Die Steine wandern dabei durch alle Geschosse des 23,70 Meter hohen Turms.

Der ist übrigens seit 1925 Markenzeichen des wohl berühmtesten Unternehmens der Stadt. Die Lübzer Brauerei trägt den Turm im Wappen und so haben ihn schon Bierliebhaber in aller Welt gesehen. Katja Haescher

Ein Schloss hoch über dem See

Zweimal Johann Albrecht: Wiligrad ist mit Herzögen dieses Namens verbunden

Der Eingangsbereich mit dem Braunschweiger Löwen Foto: Katja Haescher

Wer kennt das nicht: Da steht ein schönes Haus in der Straße, hundertmal und öfter ist man schon vorbeigegangen. Aber was verbirgt sich hinter der Fassade? Welche Geschichten stecken hinter den Mauern, wer geht hier ein und aus? Denn schließlich sind Geschichten von Häusern immer auch Geschichten von Menschen. In dieser Serie wollen wir gemeinsam mit Ihnen hinter Fassaden blicken. Diesmal in Wiligrad, dem jüngsten der einst landesherrlichen Schlösser.

Wiligrad ist slawisch und bedeutet „Große Burg“. Dass Herzog Johann Albrecht ausgerechnet diesen Namen für sein Schloss wählte, ist wohl der Familiengeschichte geschuldet. Das Haus Mecklenburg zählt zu den ältesten deutschen Dynastien und kann seinen Stammbaum direkt bis zu den slawischen Obotriten und deren Fürst Niklot zurückverfolgen.

Doch ein bisschen trügt die historisch klingende Bezeichnung, denn Schloss Wiligrad ist das jüngste der großherzoglichen Schlösser im Land. Johann Albrecht ließ es zwischen 1896 und 1898 nach Plänen des Architekten Prof. Dr. Albrecht Haupt bauen – und zwar mit allem, was die Moderne zu bieten hatte. Wiligrad verfügte über eine eigene Wasser- und Stromversorgung, einen Elektroaufzug im Gästeflügel, Zentralheizung, Telefon und sogar eine Sprinkleranlage, für die im großen Turm ein Wasserbehälter eingebaut wurde. Nach außen allerdings zeigte sich das Anwesen mit einer Neorenaissance-Fassade deutlich traditioneller.

Die in Mecklenburg auch Johann-Albrecht-Stil genannte Bauweise ist von Terrakotta-Bändern geprägt, wie sie auch an Schlössern in Gadebusch und Schwerin oder am Fürstenhof in Wismar zu finden sind. Mit dem Erbauer von Schloss Wiligrad hat der Name allerdings nichts zu tun. Es war ein berühmter Vorfahre, der hier Pate stand: der Renaissance-Fürst Johann Albrecht I. (1525-1576), Förderer von Kunst, Architektur und Wissenschaft.

Im Gegensatz zu ihm war der im 19. Jahrhundert geborene Johann Albrecht, fünftes Kind des Großherzogs Friedrich Franz II. und dessen erster Frau Auguste, kein regierender Herzog – wenngleich doch Regent. Als sein älterer Bruder Friedrich Franz III. 1897 starb, übernahm er für seinen noch minderjährigen Neffen, den späteren Großherzog Friedrich Franz IV., bis zu dessen 19. Geburtstag 1901 die Regierungsgeschäfte. Außerdem war er 1895 Präsident der deutschen Kolonialgesellschaft geworden.

Reiseandenken aus aller Welt schmückten auch die Räume des Schlosses Wiligrad – auf alten Fotos sind sie noch zu sehen. Zu den repräsentativen Räumen gehört die Halle mit der nach oben zur Galerie führenden Treppe. Heute ist sie einer der Ausstellungsräume des Kunstvereins Wiligrad, der neben dem Landesamt für Bodendenkmalpflege Mieter in dem landeseigenen Schloss ist.

Ein besonderer Schatz des Anwesens befindet sich jedoch draußen vor der Tür: der 210 Hektar große Park, der fließend in den Wald zwischen Wiligrad und Lübstorf und an der Steilküste zum Schweriner Außensee übergeht. Hier entdecken Spaziergänger die Elisabethquelle und ein Stück weiter die Kaisertreppe, die zum Fähranleger am See führt und nach einem Besuch Wilhelms II. diesen Namen erhielt.

Johann Albrecht empfing häufiger in seinem kleinen Reich hochrangige Gäste. Während des ersten Weltkriegs handelte er mit dem bulgarischen König auf Wiligrad den Vertrag aus, der Bulgarien zum Kriegseintritt an der Seite der Mittelmächte verpflichtete. 1920 starb der Herzog in seinem Schloss und wurde von hier nach Bad Doberan gebracht, wo er in der herzoglichen Grablege im Münster seine letzte Ruhe fand.

Schloss Wiligrad wurde nach 1945 Parteischule und später Ausbildungsstätte der Polizei. Der einzigartige Park wurde dabei schwer geschädigt – ein ins Quellental Tre Fontane eingebauter Schießstand ist nur ein Beispiel dafür. Heute sind der vom Land denkmalgerecht sanierte Park und das Schloss wieder Juwelen. Und auch ein Nachguss des Welfen-Löwen hat vor dem Eingang seinen Platz gefunden und erinnert daran, dass Johann Albrecht zwischen 1907 und 1913 als Regent über das Herzogtum Braunschweig geherrscht hatte. Katja Haescher

Zwischen Romanik und Gotik

Die Stadtkirche Gadebusch steht auf der Liste der Denkmäler von nationaler Bedeutung

Die Kapellen auf der Nordseite, an der sich der Haupteingang befindet Foto: Katja Haescher

Wer kennt das nicht: Da steht ein schönes Haus in der Straße, hundertmal und öfter ist man schon vorbeigegangen. Aber was verbirgt sich hinter der Fassade? Welche Geschichten stecken hinter den Mauern, wer geht hier ein und aus? Denn schließlich sind Geschichten von Häusern immer auch Geschichten von Menschen. In dieser Serie wollen wir gemeinsam mit Ihnen hinter Fassaden blicken. Diesmal in der Stadtkirche Gadebusch, der ältesten romanischen Hallenkirche im südlichen Ostseeraum.

In jeder Sage steckt ein Körnchen Wahrheit. Ob das auch in Gadebusch, einer der ältesten Städte Meck­lenburgs, so ist? Der Legende nach stammt die Bronze, welche die Rosette der Stadtkirche fasst, aus der Krone des Slawenkönigs Radegast. Zurzeit laufen Untersuchungen mit dem Ziel, das Alter des Metalls zu bestimmen. Und Krone hin, Krone her: Wenn die Bronze wirklich aus altslawischer Zeit stammt, wäre das eine kleine Sensation und wie so vieles an dem Bauwerk einzigartig.

1194 wird in Schriftstücken erstmals eine Kirche erwähnt, 1206 war das Gotteshaus fertig. „In Mecklenburg ist oft von Backsteingotik die Rede, hier haben wir es sogar mit Backsteinromanik zu tun“, sagt
Dr. Gerhard Schotte, der dem Förderverein der Gadebuscher Kirche vorsteht. Wer das Gebäude durch das Südportal betritt, passiert ein Kapitell, das noch aus der Bauzeit stammt und von der Steinmetzkunst der Meister der Ratzeburger Dombauhütte zeugt. Die waren von dort weiter nach Gadebusch gezogen – ein Weg, den Mitte des
12. Jahrhunderts Heinrich der Löwe geebnet hatte. Dem Sachsenherzog folgten deutsche Siedler, die zumeist aus Westfalen kamen und Hallenkirchen aus ihrer Heimat kannten. Es wurde also eine Kirche „wie zu Hause“, hier im fernen Nordosten, der noch vom slawischen Erbe geprägt war.

Der Übergang von der gotischen in die romanische Kirche Foto: Katja Haescher

Die alte romanische Hallenkirche – drei gleich hohe Schiffe, die von wuchtigen Pfeilern getrennt werden – ist noch heute ein spiritueller Ort. Einziger Schmuck sind die farbig verglaste Rosette im Westgiebel und vier kleine Fenster in der Südwand, die im Zuge der 2011 beendeten Sanierung ihre romanischen Dimensionen zurückbekamen und eher den Luken einer Trutzburg ähneln.

Diese „rote Kirche“, wie er sie nennt, liebt Gerhard Schotte besonders. Trotzdem wäre sie nicht vollständig ohne die „weiße Kirche“. Denn während zu Zeiten der Gotik viele Gemeinden ihre romanischen Kirchen abrissen oder komplett umbauten, gingen die Gadebuscher einen anderen Weg: Mutig brachen sie die Ostwand auf und fügten der schlichten romanischen Halle eine gotische Kirche hinzu. Drei Stufen führen heute hinauf in diesen Altarraum und wer sie steigt, schreitet von einer Stilepoche hinüber in die nächste. Der gotische Anbau im Stil einer Basilika mit hoch aufstrebendem Mittelschiff entstand um 1430.

Wenige Jahre zuvor hatte Herzogin Agnes ihrem verstorbenen Mann Albrecht III. eine Kapelle gestiftet, die auch viele schwedische Besucher in die Kirche lockt. Die „Tre Kronors“, die drei Kronen des schwedischen Wappens, sind in dem auch Königskapelle genannten Anbau an mehreren Stellen zu finden. Nicht ohne Grund: Albrecht III. saß zwischen 1364 und 1389 auf dem schwedischen Thron, wenn auch mäßig erfolgreich. Er starb 1412 und wurde im Doberaner Münster beigesetzt. Seine Frau Agnes jedoch fand ihre letzte Ruhe in der Gadebuscher Königskapelle, wo ihre Grabplatte noch heute erhalten ist. Eine Tauffünte aus gotländischem Kalkstein ist in dieser Kapelle und in der ganzen Kirche das älteste Inventarstück.

Dies sind jedoch nicht die einzigen Fäden, die nach Schweden führen. Nachdem die Schweden 1712 in der Schlacht bei Wakenstädt während des großen Nordischen Krieges die Dänen besiegten, sollen deren Offiziere in der Gadebuscher Kirche gefangen gesetzt worden sein. Napo­leonische Truppen nutzten das Gotteshaus ein knappes Jahrhundert später als Pferdestall.
Heute ist die Kirche wieder Kirche. Und was für eine: Aufgrund ihrer besonderen Bauweise wurde sie in die Liste der Denkmäler von nationaler Bedeutung aufgenommen. Katja Haescher

Ein Haus fürs Welterbe
Gebäude in Wismar beherbergt viele Schätze und eine ambitionierte Ausstellung

Der bemalte Boden des Kemladens missfiel dem neuen Besitzer im 19. Jahrhundert. Er drehte die Bretter um und ließ sie verputzen. Foto: Katja Haescher
Der Tapetensaal: Der Farbauftrag der Motive für die Telemach-Tapete erfolgte mit mehr als 2000 hölzernen Druckplatten. Foto: Katja Haescher

Wer kennt das nicht: Da steht ein schönes Haus in der Straße, hundertmal und öfter ist man schon vorbeigegangen. Aber was verbirgt sich hinter der Fassade? Welche Geschichten stecken hinter den Mauern, wer geht hier ein und aus? Denn schließlich sind Geschichten von Häusern immer auch Geschichten von Menschen. In dieser Serie wollen wir gemeinsam mit Ihnen hinter Fassaden blicken. Heute in der Lübschen Straße 23 in Wismar, wo das Welt-Erbe-Haus aus der Geschichte der Hanse erzählt.

Der Blick aus den Fenstern des Vorderhauses fällt auf die Lübsche Straße. Nach Westen, wo in einer Entfernung von 665 Kilometern Amsterdam liegt. Und nach Osten, 685 Kilometer bis nach Danzig, 1542 nach Tallinn. Letzteres waren mehr als 51 Tagesreisen. Sogar nach Stralsund war ein Reisender fast fünf Tage unterwegs zu einer Zeit, als über die heutige Lübsche Straße die wichtige Handelsroute der Via Baltica verlief. Damals, zur Zeit der Hanse, be­ginnt die Geschichte des rund 700 Jahre alten Dielenhauses. Und die Hansezeit ist es auch, die der Stadt das vermachte, was sie heute zusammen mit Stralsund zum Welterbe krönt. Aber der Reihe nach.

Das Doppelgiebelhaus in der Lübschen Straße wurde laut dendrochronologischem Gutachten 1351 gebaut. Es verfügte über eine große Diele im Erdgeschoss, in der der Hauseigentümer seiner Profession nachging – welcher, das konnte noch nicht geklärt werden, sagt Norbert Huschner, der das Amt für Welterbe, Tourismus und Kultur in der Hansestadt leitet. Der Raum im Dachgeschoss war der Lagerraum. Fast scheint es, als sei in dieser prosperierenden Zeit alles wichtiger als das Wohnen gewesen. Lediglich ein länglicher Anbau zum Hof, der so genannte Kemladen, beherbergte Tisch und Bett.

Etwas deutlicher werden die Spuren der Hausbewohner zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Damals erwarb die Ratsherrenfamilie Lembke das Doppelhaus und führte es zu einer gemeinsamen Nutzung zusammen. Beim Umbau leisteten Lembkes ganze Arbeit: Die Diele wurde abgesenkt, damit eine weitere Decke eingezogen und eine Beletage zur standesgemäßen Repräsentation geschaffen werden konnte. Lembkes Statusdenken bescherte dem Haus und damit auch der Hansestadt Wismar einen Schatz, der heute das Glanzstück der Innenausstattung ist: den Tapetensaal. „Die Tapete entstand 1823 in der Pariser Manufaktur Dufour et Leroy und kam 1828 nach Wismar“, sagt Norbert Huschner. Die Wände des Saals sind vollständig damit ausgekleidet. In einem Bilderzyklus wird die Reise von Odysseus‘ Sohn Telemach auf die Insel der Calypso dargestellt. Das Motiv war seinerzeit ein Exportschlager – heute gehört die aufwendig restaurierte Wismarer Tapete zu den wenigen erhaltenen vollständigen Zyklen. Einen weiteren gibt es zum Beispiel in der Villa des einstigen US-Präsidenten Jackson in Tennessee.

Nachdem 1923 der letzte Lembke kinderlos gestorben war, erwarb die Wismarer Kaufmannskompanie das Haus. Es folgten Zweiter Weltkrieg und ein Systemwechsel; ab 1950 wurde das Gebäude Haus der Kultur und Philatelisten, Numismatiker und Künstler zogen ein. Viel für die Erhaltung der Substanz konnte damals nicht getan werden – es wurde hier mal etwas gestrichen, dort ein bisschen geölt. „Aber es wurde geheizt, das Haus wurde genutzt und das war das Wichtigste“, sagt Norbert Huschner. Seine schlimmste Zeit hatte das Gebäude zwischen 1990 und 2005 – als es leer stand. Nachdem die Hansestadt Wismar das Haus übernommen hatte, wurden mit Hilfe von Städtebaufördermitteln sofort Giebel und Kemladen gesichert. „Sonst hätten wir 2010 nichts mehr zu sanieren gehabt“, ist Nobert Huschner überzeugt.

Dank eines Förderprogramms für ­UNESCO-Welterbestätten konnte die Stadt die Mammutaufgabe schließlich anpacken und zu einem guten Ende führen. Seit dem 1. Juni 2014 erzählt das Haus seine Geschichte – und die eines einzigartig erhaltenen Stadtkerns einer mittelalterlichen Hansestadt, der Wismar neben der wunderbaren Backsteinarchitektur den Platz auf der exklusiven Welterbeliste sichert. Was seit der Wende bei der Erhaltung und Sanierung der historischen Bau­substanz geleistet wurde, verdeutlichen auch diese Zahlen: Damals gab es in der Altstadt 1750 unsanierte Gebäude, Ende 2017 waren es noch 128. Und anstelle von 5000 Einwohnern im alten Kern sind es heute 8000. Katja Haescher

Die Alte Synagoge Hagenow

Das frühere Zentrum jüdischen Lebens ist heute Museum, Begegnungsstätte und Veranstaltungsort

Außenansicht des Hauptgebäudes, der einstigen Synagoge. Foto: Rainer Cordes

Wer kennt das nicht: Da steht ein schönes Haus in der Straße, hundertmal und öfter ist man schon vorbeigegangen. Aber was verbirgt sich hinter der Fassade? Welche Geschichten stecken hinter den Mauern, wer geht hier ein und aus? Denn schließlich sind Geschichten von Häusern immer auch Geschichten von Menschen. In dieser Serie wollen wir gemeinsam mit Ihnen hinter Fassaden blicken. Diesmal: die Alte Synagoge Hagenow.

Im Jahr 1820 war die jüdische Gemeinde in Hagenow so groß geworden, dass der bereits seit 1781 bestehende Betraum nicht mehr reichte und die Gemeinde eine eigene Synagoge benötigte. So erwarb der Gemeindevorsteher Hirsch Samuel Meinungen 1820 ein Gartengrundstück in der damals nur sehr wenig bebauten Hagenstraße. Auf dem kleinen Stück Land sollte nun die Synagoge entstehen, ergänzt durch eine Wagenremise sowie ein Schul- und Gemeindehaus inklusive Lehrerwohnung. Dabei galt aber zu beachten, dass seinerzeit die jüdischen Gebetshäuser nicht an eine Straße grenzen durften. Der Plan sah daher vor, das Gemeinde- und Schulhaus direkt an die Straße zu bauen und die Synagoge dahinter. Den Antrag auf Baugenehmigung stellte die Gemeinde entsprechend. Erst 1822, zwei Jahre später, wurde die Erlaubnis erteilt. Am 15. August 1828 wurde die Synagoge, wie die anderen beiden Häuser ein schöner Fachwerkbau, endlich eröffnet.

Bis 1907 war der Ort Zentrum des jüdischen Lebens in Hagenow. In jenem Jahr fand der letzte Gottesdienst statt, nachdem kurz zuvor der letzte Lehrer Marcus Juda gestorben war. Die Gemeinde erhielt die Immobilie trotz knapper Mittel jedoch weiterhin.

In der Pogromnacht 1938, ein Jahr nach dem Tod von Samuel Meinungen, zertrümmerten die Nazis die Inneneinrichtung der Synagoge fast vollständig. Nach der Enteignung der jüdischen Gemeinde wurde die Synagoge 1942 an ein NSDAP-Mitglied zwangsverkauft. Er ließ die Gebäude in den Folgejahren mehrfach umbauen und vermietete Teile der Immobilie an eine Nährmittelfirma. Zu DDR-Zeiten befand sich auf dem Synagogengelände zunächst eine Eierannahmestelle und später der Sitz der Bäckergenossenschaft. 1969 gingen Grundstück und Bauten in Volkseigentum über und wurden 1982 unter Denkmalschutz gestellt.

Anfang der neunziger Jahre übernahm die Jewish Claims Conference das Synagogenensemble, 2001 kaufte die Stadt Hagenow der Claims Conference die leerstehenden, verfallenden Gebäude ab.

Das war der Startpunkt für die Neubelebung: An der Langen Straße 79 sollte ein Kulturzentrum entstehen. Zuvor mussten alle drei Bauten saniert werden. Dies kostete Aufwand – und Geld: 1,2 Millionen Euro. Die Restaurierung wurde aus unterschiedlichen Quellen finanziert. Land, Kreis und Stadt leisteten ihren Beitrag, ein großer Teil des Geldes setzte sich aber auch aus Spenden zusammen.

Gearbeitet wurde ab Januar 2006 in drei Bauabschnitten (Vorarbeiten aber schon ab 2004): zuerst die Wagenremise, dann das Haupthaus und zuletzt das Schulhaus. Der Wittenburger Architekt Marcel Rafi Bakhsh leitete die Restaurierung baufachlich. Die sanierte frühere Synagoge selbst wurde im September 2007 mit einem Konzert von Daniel Hope und Alexander-Sergei Ramirez eröffnet.

Im April 2009 war das Schulhaus fertig. Hier wurde während der Arbeiten übrigens die Mikwe wiederentdeckt, ein rituellen Zwecken dienendes Tauchbad. Heute beherbergt dieser Bau die Ausstellung „Spuren jüdischen Lebens in Hagenow und Westmecklenburg“. Zu Ehren der Enkelin von Samuel Meinungen, die 1942 im Alter von zwei Jahren nach Auschwitz deportiert wurde, heißt das Gebäude seit 2010 Hanna-Meinungen-Haus.
Die Alte Synagoge ist heute Teil des Museums Hagenow, sie wird für Kulturveranstaltungen und als Begegnungsstätte genutzt. S. Krieg

Das Schloss, das gar keines ist

Die Geschichte des Herrenhauses Schloss Bothmer in Klütz

Zum Hauptportal des Schlosses gelangt man über die berühmte Girlandenallee aus Holländischen Linden.

Wer kennt das nicht: Da steht ein schönes Haus in der Straße, hundertmal und öfter ist man schon vorbeigegangen. Aber was verbirgt sich hinter der Fassade? Welche Geschichten stecken hinter den Mauern, wer geht hier ein und aus? Denn schließlich sind Geschichten von Häusern immer auch Geschichten von Menschen. In dieser Serie wollen wir gemeinsam mit Ihnen hinter Fassaden blicken. Diesmal: das Schloss Bothmer in Klütz.

Der Weg ist das Ziel, könnte man fast sagen, wenn man sich auf selbigen begibt, um zum Schloss Bothmer zu gelangen. Der 270 Meter lange Hohlweg wird von Holländischen Linden gesäumt, deren Kronen gespalten und über Jahrzehnte so erzogen wurden, dass sie zwei Girlanden bilden. Deswegen wird die zum Schloss führende Straße auch Festonallee genannt.

Wer diesen wundervollen Weg zwischen den rund 70 Bäumen durchschritten hat, gelangt zunächst auf den Ehrenhof des Schlosses und erblickt den Mittelteil des Haupthauses; die anderen Gebäudeteile sind seitlich symmetrisch angeordnet. Aus der Luft ähnelt das gesamte Ensemble einer Art überdimensionaler Heftklammer.

Ein Schloss in Form einer Krampe? So etwas gibt‘s? In diesem Fall tatsächlich nicht: In Wahrheit handelt es sich bei Schloss Bothmer nicht wirklich um ein Schloss im engeren Sinn, denn das Gebäude diente nie als Residenz adliger Herrscher.

Namensgeber war Johann Caspar Graf von Bothmer, meistens kurz Hans Caspar von Bothmer genannt. In Niedersachsen geboren wirkte er ab 1683 als Diplomat und dies von 1711 bis zu seinem Tod 1732 in London, wo er zum Schluss seinen Dienstsitz in 10 Downing Street hatte.

Das Schloss – wir bleiben jetzt mal bei dem Begriff – ließ der Graf als Stammsitz seiner Familie erbauen. Er selbst wohnte jedoch nie darin, denn er verstarb bereits kurz vor Fertigstellung seines herrschaftlichen Hauses. Baumeister Johann Friedrich Künnecke ließ das Backsteingebäude von 1726 bis 1732 errichten. Er orientierte sich dabei auf Geheiß des Bauherrn an niederländischen und englischen Landhäusern. Dazu muss man wissen, dass Graf von Bothmer vor seiner Zeit in London unter anderem als Diplomat in Den Haag unterwegs war.

„Bedenke das Ende!“ Ob dies der Leitspruch des Adligen war, ist nicht bekannt. Jedenfalls ziert das Motto in Latein das Wappen. Und so steht außen über dem Hauptportal noch heute: „Respice finem“.

Erste Bewohner des Schloss genannten Herrenhauses waren der Neffe des Bauherrn Hans Caspar Gottfried von Bothmer und dessen Gattin Christine Margarethe. Das Anwesen blieb trotz zeitweiliger Streitereien mit einer anderen Adelsfamilie mehr als 200 Jahre im Besitz der von Bothmers.

Wenige Monate nach dem Ende des zweiten Weltkriegs wurden sie jedoch enteignet. Zuvor funktionierte bereits die Wehrmacht Teile des Gebäudekomplexes zu einem Lager um, und ab 1943 waren auch Flüchtlinge dort untergebracht. Dann nutzten kurzzeitig britische Truppen das Haus, und im September 1945 wurde es zu einem Krankenhaus. Zu dieser Zeit lebte noch Hans Kaspar von Bothmer in dem Haus (der Rest der Familie war bereits geflohen); er starb 1946. Auf das Krankenhaus folgte unter anderem ein Seniorenheim, das 1994 geschlossen wurde.

Nach einigem Hin und Her und dem Scheitern eines privaten Investors landete Schloss Bothmer vor elf Jahren im Besitz unseres Landes, inzwischen wird es hier von der Oberen Landesbehörde Staatliche Schlösser, Gärten und Kunstsammlungen Mecklenburg-Vorpommern verwaltet.

Das Land ließ die Immobilie innen und außen umfangreich sanieren, und seit 2015 steht es den Bürgern als Museum und Kulturveranstaltungsort zur Verfügung. Die Ausstellung befindet sich in den früheren Wohnräumen; der angeschlossene Park lädt nicht nur zu schönen Spaziergängen ein, sondern dort können in den Sommermonaten auch klassische Konzerte genossen werden. S. Krieg