HAUSGESCHICHTEN

Eine Stadt und ihre Rathäuser
In Wismar entstand vermutlich schon 1270 erstes Rathaus – das heutige Gebäude ist Nummer vier

Das Rathaus mit seiner klassizistischen Front dominiert den Wismarer Marktplatz. Fotos: Rainer Cordes

Wer kennt das nicht: Da steht ein schönes Haus in der Straße, hundertmal und öfter ist man schon vorbeigegangen. Aber was verbirgt sich hinter der Fassade? Welche Geschichten stecken hinter den Mauern, wer geht hier ein und aus? Denn schließlich sind Geschichten von Häusern immer auch Geschichten von Menschen. In dieser Serie wollen wir gemeinsam mit Ihnen hinter Fassaden blicken. Diesmal: im Wismarer Rathaus, das einen der größten Marktplätze Norddeutschlands dominiert.
Mit ihrem mittelalterlichen Stadtkern und ihren großen gotischen Kathedralen steht die Stadt Wismar auf der UNESCO-Weltkulturerbeliste. Da ist es fast überraschend, in diesem Umfeld auf ein klassizistisches Rathaus zu stoßen – doch nur auf den ersten Blick. Denn dieses steht in einer Reihe von Vorgängerbauten und verfügt durchaus über mittelalterliche Spuren – dazu später mehr.
Vermutlich ist das den Wismarer Markt dominierende hell verputzte Gebäude bereits das vierte Rathaus der Hansestadt. Schon um 1270 soll hier ein hölzernes Ratsgebäude gestanden haben – allerdings an der
nordöstlichen Ecke des Platzes. 1292 bauten die Wismarer dann ein Haus aus Stein, das sich höchstwahrscheinlich in der heutigen Straße „Hinter dem Rathaus“ befand. Wie in norddeutschen Hansestädten üblich, war es nicht nur Amts- und Ratsstube, sondern auch Geschäftshaus von Tuchhändlern und Gewandschneidern. Auch der Weinkeller des Rates war hier untergebracht – ein echtes Multifunktionsgebäude also. Dieses Rathaus
wurde im Jahr 1350 ein Raub der Flammen.
Das dritte Rathaus stand bereits am heutigen Ort und damit an repräsentativer Stelle auf dem Marktplatz. Vermutlich wurde dafür lediglich eine Gerichtslaube an das Gewandhaus angebaut; den Keller nutzten die Tuchhändler auch noch, nachdem das Gebäude Rathaus geworden war. Dieser Keller mit mittelalterlichem Kreuzrippengewölbe ist bis heute erhalten und geht vermutlich auf die zweite Hälfte des 13. Jahrhunderts zurück.
In der Schwedenzeit, die 1648 mit dem Ende des 30-jährigen Krieges begann, verfiel das Rathaus immer mehr. Den neuen Machthabern waren andere Dinge wichtig – wie der Ausbau Wismars zur Seefestung. Dass es mit dem Nordischen Krieg Anfang des 18. Jahrhunderts schon den nächsten Händel gab, machte die Sache nicht besser.
1807 stürzte das Rathausdach ein und den Ratsherren blieb nichts anderes übrig, als ihre Dienststunden in die eigenen Wohnungen zu verlegen. Spätestens jetzt war klar: Es wurde Zeit für Nummer vier. Die Einwohner von Wismar ließen sich nicht lumpen und spendeten so viel Geld, dass ein Rathausneubau realistisch schien. 1819 war es soweit: Das von Hof- und Landbaumeister Johann Georg Barca projektierte Gebäude konnte mit Pomp und schönen Reden eingeweiht werden. Dass Barca in seinen Bau noch brauchbare Gebäudereste des Vorgängerhauses
einbezogen hatte, war einer gewissen Sparsamkeit geschuldet. Immerhin beliefen sich die Kosten für das neue Rathaus auf rund 33.000 Taler – 5000 davon wurden zum Beispiel mit dem Verkauf der städtischen Ratsapotheke finanziert. So kommt es, dass ausgerechnet die an mittelalterlichen Baudenkmälern so reiche Hansestadt Wismar über ein Rathaus von klassizistischer Schlichtheit verfügt. Im Innern beherbergt das Rathaus die einstige „Große Audienz“, den heutigen Bürgerschaftssaal. Hier fand im Jahr 1948 wieder eine Sitzung der Stadtverordneten statt, nachdem 1942 eine Bombe das damals mit dunklem Tarnanstrich versehene Gebäude getroffen und schwer
beschädigt hatte 1990 gab es dann noch einmal eine Schicksalsstunde für das Wismarer Rathaus: Am 19. Dezember brach ein Feuer im Dachstuhl aus, Flammen und Löschwasser setzten dem Gebäude zu. Doch die Wismarer retteten ihr Rathaus ein weiteres Mal: 1992 wurde das wiederaufgebaute Gebäude im Herzen der Stadt feierlich eingeweiht.

Katja Haescher

Umzug mit Dach und Fach
Bechelsdorfer Schulzenhaus wurde in den 1960er-Jahren nach Schönberg umgesetzt

Auch wenn das Haus transloziert – also umgesetzt wurde – steht es trotzdem unter Denkmalschutz.

Wer kennt das nicht: Da steht ein schönes Haus in der Straße, hundertmal und öfter ist man schon vorbeigegangen. Aber was verbirgt sich hinter der Fassade? Welche Geschichten stecken hinter den Mauern, wer geht hier ein und aus? Denn schließlich sind Geschichten von Häusern immer auch Geschichten von Menschen. In dieser Serie wollen wir gemeinsam mit Ihnen hinter Fassaden blicken. Heute im Bechelsdorfer Schulzenhaus in
Schönberg, dem ältesten Freilichtmuseum Mecklenburgs.

Wie denn nun – Bechelsdorf oder Schönberg? Das Dorf liegt fünf Kilometer von der Kleinstadt entfernt und wenn die Schulzen dort ihren Stammsitz hatten, scheint die Frage des Ortes klar. Oder auch nicht, denn das reetgedeckte Bauernhaus steht schließlich in Schönberg. Des Rätsels Lösung ist ein Umzug mit Dach und Fach: In den 1960er-Jahren wurden Haus und Scheune als Kerngebäude eines alten Hofes nach Schönberg versetzt.
Ein gewaltiger Aufwand, der nur deshalb in Angriff genommen wurde, weil das Ensemble etwas ganz Besonderes ist. Das Haus überstand den 30-jährigen Krieg und andere Stürme, es wurde gebaut, als Reformator Martin Luther seine Thesen in Wittenberg an die Schlosskirche hämmerte. Die Bauzeit von 1517 für das Haus und 1523/24 für die
benachbarte Scheune ergaben dendrochronologische Untersuchungen in den 1990er-Jahren. Und hielt man das Schulzenhaus zuvor auch für jünger, so erkannten dennoch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts schon die Mitglieder des Heimatbundes für das Fürstentum Ratzeburg dessen Wert. Sie waren die ersten, die einen Umzug mit dem Ziel „Freilichtmuseum“ anschoben – allerdings fehlte ihnen das Geld.
Das ging der Hausbesitzerin Antonie Burmeister nicht anders, die sich 1928 in einem Schreiben an den Landrat wandte und auf die großen Reparaturen verwies, die an dem Gebäude nötig wären – übrigens vergeblich. In den 1950er-Jahren nutzte die LPG das Haus dann unter anderem als Schweinestall und Kunstdüngerlager, was den Zustand nicht verbesserte.
Auch Holzbohlen wurden herausgerissen und verheizt. So war der Umzug vermutlich die Rettung für das Gebäude, wenngleich sich daraus neue Probleme ergaben. Das hölzerne Ständerwerk wurde nämlich nach dem Abbau mehrere Jahre nicht fachgerecht gelagert, was feuchtigkeitsbedingten Pilzbefall zur Folge hatte.
Am Aufbau arbeiteten dann zahlreiche Helfer über das Nationale Aufbauwerk. Ein Fundament musste gelegt, das Ständerwerk gerichtet, das Dach mit Reet gedeckt werden. Danach öffnete das Bechelsdorfer Schulzenhaus als Freilichtmuseum – es ist heute das älteste Mecklenburgs. War das mittelalterliche Hallenhaus ursprünglich durch Diele und Abseiten geprägt, so zeigt es heute das Wohnen im 19. Jahrhundert.
Am Giebel der großen Diele
geht es in die Stuben, die vom Ofen in der Küche aus beheizt werden. Solche Räume mit Funktion waren
erst im 17. Jahrhundert entstanden, vermutlich in der Folge der „Kleinen Eiszeit“. Diese Kälteperiode veränderte den Alltag, da die Menschen jetzt sommers nicht mehr ausschließlich auf der kühlen Diele leben wollten.
Die Familie Oldörp machte da keine Ausnahme. Ihre Geschichte ist eng mit der des Hauses verbunden. Mehr als 400 Jahre lang stellten die Oldörps den Schulzen, den Dorfvorsteher von Bechelsdorf. Hans Hinrich Oldörp, der letzte Schulze aus dieser Familie, starb 1846 unverheiratet,worauf den Hof seine jüngere Schwester erbte.
Wer sich im Bechelsdorfer Schulzenhaus auf die Zeitreise begibt, betritt das Gebäude durch die große Tür. Sie führt auf die acht Meter breite Diele, die bei schlechtem Wetter auch Platz zum Dreschen oder Flachshecheln bot. Hier hatte ursprünglich der Herd seinen Platz. In den Abseiten befanden sich Kammern, die nicht beheizbar waren,
aber auch Ställe für das Vieh. Zur Wohnsituation des 19. Jahrhunderts, wie sie anhand anderer Bauernhäuser im Fürstentum Ratzeburg rekonstruiert wurde, gehören Küche, Wohnstube und Altenteilerstube.
Möbel und Alltagsutensilien machen den Eindruck authentisch. Als Teil des Volkskundemuseums in Schönberg kann das Bechelsdorfer Schulzenhaus Dienstag bis Donnerstag von 11 bis 17 Uhr und am Sonnabend von 13 bis 17 Uhr besichtigt werden.

Katja Haescher

Die Herzogin und das Landleben
Schweizerhaus im Ludwigsluster Schlosspark erzählt von der Sehnsucht nach der Idylle

Bilder aus dem Stadtarchiv: Ein Volksfest 1984 am Schweizerhaus

Wer kennt das nicht: Da steht ein schönes Haus in der Straße, hundertmal und öfter ist man schon vorbeigegangen. Aber was verbirgt sich hinter der Fassade? Welche Geschichten stecken hinter den Mauern, wer geht hier ein und aus? Denn schließlich sind Geschichten von Häusern immer auch Geschichten von Menschen. In dieser Serie wollen wir gemeinsam mit Ihnen hinter Fassaden blicken. Diesmal: im Schweizerhaus im Ludwigsluster Schlosspark, das von der Sehnsucht einer Herzogin nach der ländlichen Idylle erzählt.
Das 18. Jahrhundert war eine Zeit des Umbruchs. Die Aufklärung
ließ eine neue Empfindsamkeit entstehen, Rousseau proklamierte eine Rückkehr zum Naturzustand und Herzogin Luise in Ludwigslust wünschte sich ein Stück vom idyllischen Landleben. In den Jahren 1789 und 1790 entwarf und baute Johann Joachim Busch im Auftrag von Herzog Friedrich Franz I. deshalb einen Sommersitz im Landhausstil. Und fragte man damals, wer den erfunden hat, lautete die Antwort ganz klar: die Schweizer! Das Alpenvolk, so die vorherrschende Meinung, sei rein und natürlich, wovon sich wiederum durch eine Nachahmung des Baustils eine gute Scheibe abschneiden ließe. So entstanden zu dieser Zeit vielerorts Bauwerke, die ob ihres Stils Schweizerhaus genannt wurden. In Ludwigslust baute Busch ein neunachsiges Gebäude mit Reetdach und bewusst einfachen weiß verputzten Wänden. Gärten und landwirtschaftliche Nutz- und Weideflächen umgaben das Haus und machten die Suggestion einer Dorflandschaft perfekt. Hier verbrachte Herzogin Luise die Sommerfrische und gern auch die Wochenenden abseits des Hofzeremoniells.
„Das Schweizerhaus ist allerliebst“, stellte Johann Stephan Schütze in seinen 1812 veröffentlichten „Humoristischen Reisen durch Mecklenburg, Holstein, Dänemark, Ostfriesland etc.“ fest. Wie in einer Frauenzeitschrift wandte sich der Autor bei der Beschreibung der Räume ausdrücklich an die Leserinnen – möglicherweise in der Annahme, dass diese an den Wohnverhältnissen des Adels mehr interessiert wären als lesende Herren. „Ein Schlafzimmer der regierenden Herzogin, so niedlich klein (es fehlt mir am Verkleinerungswörtchen, um die Niedlichkeit anschaulich zu machen)“, schreibt Schütze und außerdem:
„Es ist nicht viel zu sehen, aber viel Hübsches“, die Zimmer „simpel, aber nett verziert“. Luise allerdings lebte zu diesem Zeitpunkt nicht mehr: Sie war 1808 gestorben und ruht unweit ihres Landhauses in dem für sie errichteten Luisen-Mausoleum im Schlosspark. In Erinnerung an die Herzogin wurden am Schweizerhaus weiterhin weiße Tauben gehalten. Um Tiere und Haus kümmerte sich ein so genannter „Schlafdienst“: Das waren Bedienstete wie Hofgärtner oder Gartenvögte, die im Schweizerhaus übernachteten, die Tauben fütterten und das Gebäude in einem guten Zustand hielten. Die monatliche Entschädigung von 5 Mark war dazu ein gutes Salär. Bis 1918
soll es diesen Schlafdienst gegeben haben.
Nachdem 1920 der Jungdeutsche Bund das Schweizerhaus übernommen hatte, wurde es Landesjugendheim, 1933 wurde der Mietvertrag dann mit dem Reichsbund für Deutsche Jugendherbergen geschlossen. Während des Zweiten Weltkrieges und kurze Zeit danach hielten sich außerdem Tuberkulosekranke im Schweizerhaus auf. 1947 war es die FDJ, die das Cottage als Jugendstätte erhielt. Zu diesem Zeitpunkt soll das Schweizerhaus
bereits einen verwahrlosten Eindruck gemacht haben und die Freie Deutsche Jugend rief in pathetischen Worten zum Aufbau der künftigen Kulturstätte auf.
Nächster im Bund der Nutzer war in den 1960er-Jahren die HO, die hier ein Naherholungszentrum mit Gaststätte etablierte. Eine Minigolfanlage sorgte genauso wie regelmäßige Platzkonzerte und Volksfeste dafür, dass die Ludwigsluster in Scharen zu Luises Häuschen pilgerten. In den 1990er-Jahren dann ein ähnliches Bild: Das Haus verfiel. Dass es dennoch Schätze enthielt, wurde 1997 besonders deutlich, als im Obergeschoss wertvolle Wandmalereien aus der Mitte des 19. Jahrhunderts entdeckt wurden. Im Jahr 2000 begann die Stadt Ludwigslust,
das Schweizerhaus zu sanieren.
Allerdings gingen gastronomische Konzepte nicht auf: Die Lage mitten im Park machte die Nutzung über den Saisonbetrieb hinaus schwierig, es gibt keine Gästeparkplätze vor der Tür.
Seit 2014 gehört das Schweizerhaus dem Land Mecklenburg-Vorpommern. Es ist einer der Schätze in der zwischen 2008 und 2013 sanierten Parkanlage. Und wo die Herzogin einst im „Schooße der Natur“ die „Luft der Freiheit und des Glücks“ atmete, genießen heute Spaziergänger einen der größten und schönsten barocken Schlossparks Norddeutschlands – Idylle für alle inklusive.
Katja Haescher

Ein Rathaus, das keines mehr ist
Eines der ältesten Gebäude Grevesmühlens zeugt von einschneidenden Ereignissen der Stadtgeschichte

Die Laube an der Schmalseite mit den großen Glasfenstern beherbergt seit
kurzem ein Eiscafé. Fotos: Rainer Cordes

Wer kennt das nicht: Da steht ein schönes Haus in der Straße, hundertmal und öfter ist man schon vorbeigegangen. Aber was verbirgt sich hinter der Fassade? Welche Geschichten stecken hinter den Mauern, wer geht hier ein und aus? Denn schließlich sind Geschichten von Häusern immer auch Geschichten von Menschen. In dieser Serie wollen wir gemeinsam mit Ihnen hinter Fassaden blicken. Diesmal: im „Alten Rathaus“ in der Grevesmühlener August-Bebel-Straße 1, das heute gar kein Rathaus mehr ist.
Nicht überall, wo Rathaus dransteht, ist auch ein Rathaus drin. In Grevesmühlen befindet sich in der
August-Bebel-Straße 1 ein Gebäude, das den Namen dennoch zu Recht trägt: Jahrhundertlang entschieden an dieser Stelle Ratsleute über die Geschicke der Stadt, sprachen Richter Urteile und nahmen Reisende manchen Schluck. Allerdings: An dieser Stelle heißt nicht immer in diesem Haus. Schuld daran waren die Wechselfälle der Stadtgeschichte, die in Grevesmühlen bereits bis ins Jahr 1226 zurückreicht. Damit gehört der Ort zu den ältesten Städten Mecklenburgs. Als slawische Siedlung entstanden, wurde „Grevesmulne“ im 13. Jahrhundert von deutschen Siedlern zur Stadt ausgebaut. Der Ort im Hinterland der Ostsee gedieh und hatte auch noch im 14. Jahrhundert eine Blütezeit. Vermutlich gab es zu dieser Zeit auch schon ein Rathaus auf der Südseite des Marktes – also ungefähr an dem Standort, an dem sich heute die Adresse August-Bebel-Straße 1 befindet. Vermutlich war es mehr oder weniger ein Multifunktionsgebäude, das neben Ratsstube, Kämmerei und Gericht auch eine Trinkstube und einen Verkaufsraum für Fleisch beherbergte und 1563 abbrannte. Lediglich die Kellergewölbe überstanden das Feuer, so dass hier von mittelalterlichen Strukturen auszugehen ist. Philipp Brandin übernahm nun die Aufgabe des Neubaus. Der Niederländer war ein renommierter Architekt, der beispielsweise die Wasserkunst für Wismar entworfen hatte. 1585 war das Rathaus fertig. Zu dieser Zeit hatte in Grevesmühlen bereits ein wirtschaftlicher Niedergang eingesetzt, der vom Zerfall der Hanse und dem damit einhergehenden Rückgang des Landhandels bedingt wurde. Der 1618 beginnende dreißigjährige Krieg und ein Großfeuer taten ein Übriges: Am 15. Juni 1659 brannte Grevesmühlen und auch das gerade einmal ein Dreivierteljahrhundert alte Rathaus
wurde ein Opfer der Flammen.
Nummer 3 wurde gebraucht – und schließlich auch gebaut. 1715 entstand an gleicher Stelle wieder ein Rathaus, vermutlich nach den alten Plänen von Nummer 2. Das Gebäude ist ein zweigeschossiger Putzbau mit Walmdach, der auf den Resten des abgebrannten Vorgängerbaus errichtet wurde. Auffällig sind eine Laube an der Schmalseite zum Markt, die bei der Restaurierung in den 1990er-Jahren wieder hevorgehoben wurde, und drei Wappen
über dem Hauptportal. Links ist dort das einstige Grevesmühlener Stadtwappen zu sehen, das 1897 aufgegeben wurde und zuvor seit 1350 nachweislich in Gebrauch war. Somit dokumentiert das Gebäude auch eine heraldische Tradition – stammt doch die Wappendarstellung aus dem 16. Jahrhundert und überstand den großen Stadtbrand Zum „Alten Rathaus“ wurde das Walmdachhaus, als die Stadtverwaltung auszog und das Amtshaus zum Rathaus wurde. Das Gebäude stand eine Zeitlang leer, bevor es dann unter anderem mit Hilfe von Städtebaufördermitteln
saniert wurde.
Seine wechselvolle Geschichte nehmen kleine Kunstwerke auf, die der Bildhauer Wolfgang Friedrich im Jahr 2000 für Geländer und Türgriff schuf und die unter anderem Katastrophen wie den großen Stadtbrand thematisieren. Heute werden in dem Haus süße Träume wahr: Seit Anfang Juni lockt in den Lauben an der Schmalseite
Jannys Eis alle Leckermäuler; die Kellerräume könnten perspektivisch für Musikveranstaltungen genutzt werden. Ins Ober- und Dachgeschoss ist im vergangenen Jahr die Wirtschaftsförderungsgesellschaft des Landkreises Nordwestmecklenburg eingezogen; gute Gedanken und leibliche Erfrischung sind also wie schon im Mittelalter im alten Grevesmühlener Rathaus zu finden.

Katja Haescher

Im Zeichen des Elefanten
Traditionsreiches Schweriner Hotel war einst Töpferwerkstatt, Zigarrenfabrik und Konzertrestauration

Eine Sehenswürdigkeit des Hauses ist der traditionelle Elefantensaal, hier wird das Frühstück serviert. Foto: Hotel Elefant

Wer kennt das nicht: Da steht ein schönes Haus in der Straße, hundertmal und öfter ist man schon vorbeigegangen. Aber was verbirgt sich hinter der Fassade? Welche Geschichten stecken hinter den Mauern, wer geht hier ein und aus? Denn schließlich sind Geschichten von Häusern immer auch Geschichten von Menschen. In dieser Serie wollen wir gemeinsam mit Ihnen hinter Fassaden blicken. Diesmal: im Hotel „Elefant“, das hinter schlichter Fassade große Pracht birgt.

Im Schweriner Zoo leben keine Elefanten. Umso mehr Rüssel sind dagegen in der Schweriner Goethestraße zu sehen: Hier macht das Hotel „Elefant“ seinem Namen alle Ehre, denn allein in dem historischen Saal erreichen Elefanten nahezu Herdenstärke. Warum aber nun ausgerechnet der Elefant? Die Begründung dafür liegt in der Geschichte des Hauses, das der Fabrikant Homann 1870 zu einer Tabak- und Zigarrenfabrik ausbauen ließ. Damals hieß die heutige Goethestraße noch Rostocker Straße und Homann hatte in eben dieser eine ehemalige Töpferei erworben und für seine Zwecke umgestaltet. Auf den Tabaksdosen, die Homanns Fabrik verließen, prangte – ganz exotisch – ein Elefantenmotiv. Da war es naheliegend, dass das Tier auch im neuen Saal auftauchte, der zeitgleich
als Vereinsraum und für Gesellschaften entstand. Über den Stuckleisten der Wände sind zahlreiche Elefantenköpfe zu sehen, die dem Saal seinen Namen geben. Die Gäste des heutigen Hotels „Elefant“ genießen hier unter der kunstvoll bemalten Decke und den wachsamen Blicken der Dickhäuter ihr Frühstück. Aber zurück zu Herrn Homann und den Zigarren: Die wurden vermutlich noch geraucht, als Anton Feltmann 1896 in dem Gebäude ein Restaurant mit Pensionsbetrieb eröffnete. Bereits zuvor hatte es einen einfachen Gastraum gegeben, straßenseitig gelegen und an den Saal angrenzend. Der neue Eigentümer war Besitzer einer Brauerei, die sich zwischen der Goethestraße und der Stiftstraße befand. Klar, dass der Ausschank damit gesichert war: „Drum hör‘ auf mich und weil‘ nur dort, wo Feltmann-Biere sind am Ort!“ ließ der Chef auf Werbeplakaten verkünden. Das Restaurant war ein solcher Ort und zu denen, die gern hier weilten, gehörten auch die Mitglieder des humoristischen Elefantenclubs. In Schwerin war das Haus jetzt ein beliebter Treffpunkt, eine Tatsache, die Ende des 19. Jahrhunderts durch den Einbau eines neuen Tanz- und Konzertsaals unterstrichen wurde. Sogar in Reiseführern fand das Restaurant Erwähnung – ging doch der Blick vom Konzertgarten direkt aufs Schloss. Eine innerstädtische Idylle sozusagen, mit Augen- und Ohrenschmaus, von den kulinarischen Freuden der als gut gerühmten Küche
ganz zu schweigen. Hier konzertierten die Musiker des Trompeter- Corps des Artillerie-Regiments Nr. 60, die auf dem Ostorfer Berg stationiert waren, hier fanden im Saal Ausstellungen und Tagungen statt, wurden Stummfilme und Tierschauen gezeigt – letztere allerdings ohne Elefanten. In den 1930er-Jahren dann der nächste Umbau: Am 1. Mai 1936 öffnete das Restaurant „Zum Elefanten“, doch es waren unruhige Zeiten. Immer schneller wechselte das Haus jetzt seine Funktion: Es war Flüchtlingsnotunterkunft nach dem Krieg, dann kurze Zeit erneut Tanzgaststätte, Stadtküche für Bedürftige, Klubhaus der Arbeiter und Intelligenz und schließlich Klubhaus
der Kabelwerker. Heute ist das „Elefant“ wieder ein Hotel mit Restaurant und Eventlocation. Eine Sanierung in den 1990er-Jahren hat viel vom alten Charme des Hauses geweckt – vor allem die Hotelzimmer hatten zahlreiche Ausstattungsdetails verloren, nachdem sie zu DDR-Zeiten zu funktionalen Büroräumen umgebaut worden waren.
Im Zeichen des Elefanten genießen Urlauber hier ihren Schwerin- Aufenthalt.
Katja Haescher

Einer der Ältesten im Land
Kirch Stück trägt Namen nicht ohne Grund: Schon im 12. Jahrhundert ist von einer Kirche die Rede

Die Kirche von Kirch Stück grüßt Vorbeifahrende – es lohnt sich, anzuhalten.
Den Schlüssel zur Kirche gibt es in der benachbarten Galerie. Fotos: Katja Haescher

Wer kennt das nicht: Da steht ein schönes Haus in der Straße, hundertmal und öfter ist man schon vorbeigegangen. Aber was verbirgt sich hinter der Fassade? Welche Geschichten stecken hinter den Mauern, wer geht hier ein und aus? Denn schließlich sind Geschichten von Häusern immer auch Geschichten von Menschen. In dieser Serie wollen wir gemeinsam mit Ihnen hinter Fassaden blicken.

Diesmal: in der Kirche in Kirch Stück, die als plattdeutsches Zentrum überregionale Ausstrahlung hat.
Vielleicht ist nicht jeder hundertmal vorbeigegangen. Vorbeigefahren aber bestimmt – die Kirche von Kirch Stück steht direkt an der Bundesstraße zwischen Schwerin und Wismar. Und es lohnt sich, einmal anzuhalten: Der Kirchenraum birgt nicht nur Kunstschätze und Geschichte, sondern ist auch ein Ort tiefer Spiritualität. Zwischen zwei Seen erhebt sich der Turm aus Backstein. Hier in der Niederung soll sich bereits eine slawische Siedlung befunden haben – auf halbem Wege zwischen den Burgen in Schwerin und Dorf Mecklenburg. Im 12. Jahrhundert wird dann bereits ein Kirchenstandort erwähnt. Damit reicht die Geschichte eines Gotteshauses in Kirch Stück bis in die Zeit des Dombaus zu Schwerin – jetzt hatte sich das Christentum im Nordosten endgültig etabliert.
Bau und Ausstattung lassen noch heute die Bedeutung von „Kerkstuke“ erahnen. Im mittelalterlichen Chor, dem ältesten Teil des Gebäudes, befindet sich ein Glasfenster aus dem 14. Jahrhundert, das zu den ältesten Kirchenfenstern Norddeutschlandsgehört und den wohl größten Schatz der Kirche darstellt. Es zeigt einen Ritter mit Schild und Lanze, der als Darstellung des Heiligen Georgs gedeutet wird. Ihm ist die Kirche geweiht – dafür sprechen eine Georgsglocke oben im Turm und die Darstellung auf dem Altar, die den Drachtentöter bei der Arbeit
zeigt.
Gerade den Georg wollten viele Helfer unter ihre Fittiche nehmen, als der Altar saniert und Paten für die Figuren gesucht wurden. „Sogar das Georgskrankenhaus in Hamburg hatte angefragt“, erinnert sich Jürgen Hansen, der dem Förderverein vorsteht. Diesem Förderverein und seinen vielen Unterstützern ist es auch zu verdanken, dass nicht nur der Altar aus dem 15. Jahrhundert, sondern die ganze Kirche gerettet werden konnte. So führen die Heutigen ein Werk fort, das Menschen in Kirch Stück über den Lauf von Jahrhunderten vereint. Wer zurückblicken
möchte, ist allerdings mit einer schwierigen Quellenlage konfrontiert: Ein Großteil der Unterlagen wurde beim Schweriner Archivbrand im 19. Jahrhundert zerstört.
Die jüngste Bauzeichnung, die aktuell existiert, stammt deshalb aus den 1930er-Jahren. Jüngster Bestandteil des mittelalterlichen Baus ist das Schiff, das im 19. Jahrhundert neu aufgemauert wurde. Jetzt machte die Neogotik alles noch ein bisschen spitzer: „Wir finden im Schiff die für das 19. Jahrhundert typischen Fenster“, sagt Sigrid
Hagenguth, eine versierte Kirchenführerin. Damals wurde das Schiff auch schmaler – jeweils ein Meter ging zu den Seiten verloren. Dafür machten die Restauratoren des 19. Jahrhunderts den Turm höher, ein Eingriff, der bei der Sanierung im 21. Jahrhundert korrigiert wurde. Inzwischen erklingt auch wieder ein dreistimmiges Glockengeläut vom Turm. Noch vor zehn Jahren herrschte hier Stille, weil die wertvolle Georgsglocke aus dem 14. Jahrhundert wegen einer Rissbildung nicht bewegt werden durfte.
Heute ist nicht nur der Glockenstuhl restauriert, mit dem Neuguss von zwei Glocken konnte das Geläut im vergangenen Jahr wieder komplettiert werden.
Und fast könnten die schwingenden Glocken symbolisch für die Bewegung stehen, die in den zurückliegenden Jahren in die Kirch Stücker Kirche gekommen ist: Der Turmraum kann für Versammlungen genutzt werden, durch eine Glastür fällt der Blick dabei ins wunderbar sanierte Innere des Gotteshauses. Dort ist mit einem Podest vor dem Altar ein Bühnenraum entstanden, der einer weiteren Funktion Rechnung
trägt: Als plattdeutsches kirchliches Zentrum gibt das Gotteshaus der plattdeutschen Sprache besonderen Raum, zu den plattdeutschen Gottesdiensten kommen zahlreiche weitere Veranstaltungen.
Katja Haescher

Der Stolz einer Stadt

Mittelalterliches Rathaus von Parchim wurde im 19. Jahrhundert komplett umgebaut

Wer kennt das nicht: Da steht ein schönes Haus in der Straße, hundertmal und öfter ist man schon vorbeigegangen. Aber was verbirgt sich hinter der Fassade? Welche Geschichten stecken hinter den Mauern, wer geht hier ein und aus? Denn schließlich sind Geschichten von Häusern immer auch Geschichten von Menschen. In dieser Serie wollen wir gemeinsam mit Ihnen hinter Fassaden blicken. Diesmal im Parchimer Rathaus, das vom Stolz einer Stadt erzählt – und davon, wie im 19. Jahrhundert umgebaut wurde.

Johann Georg Barca war nicht zimperlich. Als der Land- und Hofbaumeister 1818 den Auftrag zum Umbau des Parchimer Rathauses für das Mecklenburgische Oberappelationsgericht bekam, hielt er sich mit bestehenden Strukturen nicht lange auf. Das ging so weit, dass Zeitgenossen sogar von einem „neu gebauten Tribunal“ sprachen – Barca hatte dem Rathaus das Mittelalter gründlich ausgetrieben. Dabei brachte das Gebäude am Parchimer Schuhmarkt jede Menge Tradition mit – ganz abgesehen von den oberirdisch mehr als einen Meter
dicken Mauern, die wie geschaffen dafür schienen, die Jahrhunderte zu überdauern. In seiner Substanz ist das Rathaus ein gotischer Fachwerkbau aus dem 14. Jahrhundert. Im 13. Jahrhundert war Parchim zur Stadt geworden
und entwickelte rund um die Georgenkirche ein städtisches Zentrum, das mit der um die Marienkirche entstehenden Neustadt seine Ergänzung fand. Dank der günstigen Verkehrslage und des Reichtums an Acker, Wiesen und Wald in der städtischen Feldmark wuchs eine mächtige mecklenburgische Landstadt heran.
Klar, dass sich diese Macht auch nach außen darstellen wollte und die Parchimer Ratsmänner einen Treffpunkt brauchten.

Das Parchimer Rathaus mit dem von Barca angelegten Eingang Foto: Axel Schott

Es entstand das Rathaus, das zur gleichen Zeit Funktionsbau und Wahrzeichen städtischer Selbstständigkeit
war. Über das Aussehen des mittelalterlichen Baus geben Archivalien Auskunft, nach denen Rekonstruktionszeichnungen entstanden sind. Ein darauf fußendes Bild ist heute im Treppenhaus des Rathauses zu sehen. Es zeigt eine rechteckige Laube an der Schmalseite des Gebäudes zum Alten Markt hin, deren Länge der Breite des Bauwerks entsprach. Bürger konnten diese Laube von drei Seiten aus betreten. Innerhalb der Laube – übrigens Tagungsstätte des Niedergerichts – befand sich auch der Eingang. Das Erdgeschoss bestand aus einem einzigen Raum, einer Kaufhalle, in der die Ratswaagen standen. Dies spiegelt einen wichtigen Aspekt mittelalterlicher Rathäuser, die oft für Geschäftliches genutzt wurden. Im Parchimer Rathaus waren es ab 1370 die Wandschneider, also die Händler mit auswärtigen Tuchen, die hier ihre Verkaufsstände hatten. Die Ratsherren tagten im Obergeschoss und natürlich durfte ganz unten auch ein Weinkeller nicht fehlen.
Der Keller ist heute der Raum, in dem das Mittelalter noch fühlbar ist – auch wenn inzwischen ein Fahrstuhl dorthin führt. Das Kreuzrippengewölbe ruht auf achteckigen Pfeilern und ist größtenteils noch im Original erhalten.
Ansonsten trägt das Parchimer Rathaus deutlich die Handschrift Barcas, der aus Gotik Neogotik machte und Klassizistisches hinzufügte. Dazu muss man sagen, dass es vor dem grundlegenden Umbau aber auch nicht gut um das Gebäude gestanden hatte, das im Lauf seiner Geschichte zudem Sitz der Finanzverwaltung, verschiedener Gerichte, Verpflegungsmagazin, Stall und Scheune gewesen war.
Heute ist das Rathaus wieder Dienstsitz des Parchimer Bürgermeisters. Es beherbergt Büros, Beratungssäle und den Sitzungssaal auf drei Etagen – Barca hatte eine zusätzliche in das Gebäude eingebaut. Auch die Verlegung des Haupteingangs an die Querseite zum Schuhmarkt, flankiert von vier weiß verputzten Halbsäulen in einem neuen
Nordostgiebel, und die hohen Spitzbogenfenster gehen auf seine Pläne zurück. Der gotische Schaugiebel über der Laube war bereits 1808 wegen Baufälligkeit abgerissen worden.
In den 1990er-Jahren erhielt Barcas Rathaus eine gründliche Sanierung. Neu hinzugefügte Elemente sind als solche erkennbar. Und mit einer modernen technischen Ausstattung ist das Mittelalter längst im 21. Jahrhundert angekommen.

Katja Haescher

Gotteshaus voller Symbolik

Ludwigsluster Stadtkirche entstand im 18. Jahrhundert im Zuge des planmäßigen Ausbaus der Stadt

Die barocke Stadtkirche trägt das Christogramm über dem Giebel. Foto: Katja Haescher

Wer kennt das nicht: Da steht ein schönes Haus in der Straße, hundertmal und öfter ist man schon vorbeigegangen. Aber was verbirgt sich hinter der Fassade? Welche Geschichten stecken hinter den Mauern, wer geht hier ein und aus? Denn schließlich sind Geschichten von Häusern immer auch Geschichten von Menschen. In dieser Serie wollen wir gemeinsam mit Ihnen hinter Fassaden blicken. Diesmal in der Stadtkirche Ludwigslust, die von der Geschichte einer Residenz erzählt.

An Friedrich dem Frommen kommt man einfach nicht vorbei. Nicht in der Geschichte und auch nicht in der Kirche selbst, in welcher der Sarkophag des Herrschers prominent im Mittelgang steht und Brautpaare vor die Frage stellt: Trennen wir uns hier beim Vorbeigehen schon zum ersten Mal? Es war der Herzog, der im 18. Jahrhundert Ludwigslust zur Planstadt ausbauen ließ – und dabei mit der Kirche begann. Schließlich trug Friedrich nicht ohne Grund den Beinamen „der Fromme“ und wollte Jesus Christus, dem „großen Erlöser der Sünder“ hier einen Tempel weihen. So steht es in lateinischen Worten im Giebelfeld des Portikus. Bekrönt wird das Gebäude vom Christus­monogramm, den übereinander stehenden griechischen Buchstaben Chi und Rho.

„Einige Besucher lesen darin Pax, das lateinische Wort für Frieden, aber die Symbolik des Christogramms ist bewusst gewählt“, sagt Hans-Joachim Marschall. Der profunde Kenner der Stadtkirche führt regelmäßig Besucher durch das Gotteshaus und erklärt dabei, dass Herzog Friedrich und sein Architekt Johann Joachim Busch darin nichts dem Zufall überließen.
Das gilt auch für andere Teile des barocken Ensembles. Stadtkirche und Schloss bilden die Endpunkte einer Strecke, die vom Ehrenhof des alten Jagdhauses aus gedacht wurde. Um diesen Bezug herzustellen, drehte Busch die Kirche um 90 Grad mit dem Chor in Richtung Süden. „Der Goldene Saal und der Altar befanden sich somit genau auf einer Linie“, erklärt Marschall. Saß der Herzog im Thronsessel, blickte er zumindest gedanklich auf das Kruzifix.

Die Zahlensymbolik der Bibel findet sich nicht nur bei der Abmessung der Strecke zwischen Schloss und einstiger Hofkirche, sondern auch in dem Gotteshaus selbst: Die Drei für die Trinität, die Vier als Zahl der Welt und die aus beiden bestehende Sieben als Zahl der Schöpfung tauchen immer wieder auf. Zehn Stufen – analog zu den zehn Geboten – führen zum Altar.
Dort öffnet sich dann der Himmel: Das Altarbild der Ludwigsluster Stadtkirche gehört zu den größten Europas – auf 350 Quadratmetern ist die Verkündigung an die Hirten dargestellt. Konzipiert wurde das Bild von Hofmaler Johann Dietrich Findorff, der damit für seinen Herzog den offenen Himmel in die Kirche holte. Allerdings konnte er das monumentale Werk nicht vollenden: Findorff starb 1772 und erst 1803 setzte sein Nachfolger Johann Heinrich Suhrlandt den letzten Pinselstrich. Gemalt ist das dreidimensionale Bild auf eine gewaltige Holzwand, auf der aufgesetzte Pappmaché-Platten den Eindruck von Natursteinen vermitteln.

Und überhaupt das Pappmaché. Es ist in Ludwigslust überall und so natürlich auch in der Stadtkirche. Pappmaché oder besser gesagt – der Ludwigsluster Carton – steckt in den Kerzen des Altars genauso wie in Stuckaturen, Schmuckleisten und den Quasten der Fürstenloge. „Hier wurden Steuerakten verbaut“, sagt Hans-Joachim Marschall und erklärt auch wie: In ein Model, also eine Hohlform, wurde Papierschicht auf Papierschicht gelegt und zwischendurch mit Leim fixiert – alte Akten ließen sich so bestens recyceln. Denn nach Ende des Siebenjährigen Krieges 1763 war auch das herzogliche Portmonee leer, als Friedrich 1765 mit dem Bau der Kirche begann.

Hier hat der Herrscher auch seine letzte Ruhe gefunden. Inzwischen ruhen seine Gebeine im Kirchenboden unter dem im Mittelgang aufgestellten Sarkophag. Dieser wurde in der Schweriner Schleifmühle aus einem bei Groß Laasch gefundenen Findling geschnitten. Und natürlich hat Hans-Joachim Marschall auch dazu eine Anekdote parat: Weil Friedrichs Neffe und Nachfolger, Friedrich FranzI., sich darüber zu ärgern pflegte, dass einige Herren während des Gottesdienstes ihre Zylinder auf dem Sarkophag ablegten, soll er verfügt haben, sein eigenes Grabmal mit einem Spitzdach zu versehen – damit jeder Hut herunterrutschen müsste. So ist es auch gekommen – wie an Friedrich Franz‘ letzter Ruhestätte im Doberaner Münster zu sehen. Katja Haescher

Lokschuppen mit Drehscheibe

Im einstigen Bahnbetriebswerk Wismar wird Eisenbahngeschichte lebendig

Der Ringlokschuppem mit der Drehscheibe, die Richtungswechsel von Lokomotiven möglich macht. Foto: Katja Haescher

Wer kennt das nicht: Da steht ein schönes Haus in der Straße, hundertmal und öfter ist man schon vorbeigegangen. Aber was verbirgt sich hinter der Fassade? Welche Geschichten stecken hinter den Mauern, wer geht hier ein und aus? Denn schließlich sind Geschichten von Häusern immer auch Geschichten von Menschen. In dieser Serie wollen wir gemeinsam mit Ihnen hinter Fassaden blicken. Diesmal: in der Poeler Straße in Wismar, wo sich im Ringlokschuppen alles um die Eisenbahn dreht.

Ein Schuppen unter Denkmalschutz? Oh ja. Der Ringlokschuppen und weitere Gebäude des ehemaligen Bahnbetriebswerks Wismar stehen nicht nur am unmittelbaren Rand der Altstand, sondern auch auf der Denkmalliste der an Denkmalen reichen Hansestadt. Und das nicht ohne Grund: Hier wird Eisenbahngeschichte erlebbar – auch dank des Engagements der Eisenbahnfreunde Wismar.

Im Juli 1848 bekam die Stadt einen Eisenbahnanschluss. Damals standen Stadtmauer und Befestigungsanlagen noch und um zum Bahnhof zu kommen, musste das Stadttor passiert werden. Der Ausbau der Bahn mit den dafür benötigen Nebenflächen war einer der Gründe für den Abriss der Fortifikation – diese stand der weiteren Stadtentwicklung wortwörtlich im Weg. Der markante Ringlokschuppen wurde in den 1880er-Jahren gebaut – zusammen mit der Lokomotiven-Drehscheibe, die eigentlich eine Drehbrücke ist – dazu gleich mehr.

Nach einer Erweiterung in späteren Jahren bot das Gebäude „Parktaschen“ für zwölf Loks, in der Eisenbahnersprache heißen sie Stände. Die Gleise führen deshalb bis ins Innere des Lokschuppens, wo sie zumeist an Arbeitsgruben enden – hier wurden die Lokomotiven überprüft und bei Bedarf repariert. Gleichzeitig diente das Gebäude dazu, die Maschinen angemessen unterzustellen. „Dampflokomotiven mussten warm gehalten werden, denn wenn man sie immer wieder abkühlen ließ und neu anheizte, führte dies zu Dehnungen im Metall, die auf Dauer schädlich waren“, sagt Andreas Nielsen. Er ist Vorsitzender des Vereins der Wismarer Eisenbahnfreunde und, wie er von sich selbst sagt, „gelernter Museumsbahner“.

Fürs Warmhalten der Zugmaschinen sorgte auch im Wismarer Lokschuppen ein so genannter Schuppenheizer. Als das Gebäude 2009 ein neues Dach bekam, wurde es im Innern gleich deutlich heller. „Die alte Decke war so verrußt, das war schwärzestes Schwarz“, erinnert sich Nielsen. Über Jahrzehnte hatten Dampf und Öl ihre Spuren darauf hinterlassen.

Das Herz des Ringlokschuppens befindet sich vor dem Gebäude: die Drehscheibe. Mit ihrer Hilfe können Loks die Richtung ändern. Das war in der Vergangenheit vor allem bei den Schlepptender-Dampflokomotiven wichtig – denjenigen Maschinen, die den Vorratswagen für Kohle und Wasser hinter sich herzogen. Mit ihnen ließ sich nicht oder nur schlecht rückwärts fahren. An jeden der zwölf Stände des Lokschuppens, die sich ringförmig um die Scheibe gruppieren, konnte deshalb das auf der drehbaren Brücke befindliche Gleis angedockt werden. Stand dann die Lok darauf, ließ sich diese mit einer weiteren Drehbewegung wieder auf Kurs bringen – mit dem Schornstein voran.

Die 23 Meter lange Drehbrücke ist dabei so konstruiert, dass sie 230 Tonnen trägt – damit wird die stärks­te Lok bewegt. Und die Konstruktion hat einen weiteren Vorteil: Sie dient dem Ringlokschuppen als Ersatz für eine Weichenanlage und das bei deutlichen geringerem Platzbedarf. Nur bei starken Schneefällen gibt es ein Problem: Türmen sich die Flocken in dem tiefergelegenen Rund, sind die Loks bei hohen Schneebergen eingesperrt. „Vermutlich deshalb nutzt man zum Beispiel in Schweden wirklich Scheiben, welche die gesamte Kreisfläche bedecken“, weiß Nielsen.

Besitzerin von Ringlokschuppen und Drehscheibe ist die Hansestadt Wismar. Dem Verein gehören weitere Gebäude des einstigen Bahnbetriebswerks, das 1997 endgültig den Betrieb einstellte. Ziel der Wismarer Eisenbahnfreunde ist es, das Bahnbetriebswerk mit seinen Gebäuden museal zu erhalten. Das Gleiche gilt für Lokomotiven, die in der Vergangenheit für den Bahnbetrieb in der Region typisch waren. Nicht zuletzt gab es bis 1947 auch noch die Triebwagen- und Waggonfabrik Wismar, die ihre Waggons nach ganz Deutschland lieferte und in deren Historie sich hier ebenfalls reisen lässt.

Zur Reise in die Eisenbahngeschichte begrüßen die Vereinsmitglieder schon jetzt regelmäßig Besucher – wie unlängst zu den Tagen der Industriekultur. Mit dem weiteren Ausbau des Ringlokschuppens und der Sanierung weiterer Waggons und Lokomotiven darin soll das Angebot weiter ausgebaut werden. Und natürlich gehören zur Eisenbahngeschichte nicht nur Lokomotiven und Wagen. Gerade haben die Vereinsmitglieder einige Holzbänke, wie sie einst typisch für die dritte Klasse waren, erworben. Dazu fällt dann Andreas Nielsen gleich noch ein Witz ein: Der Sohn des Bahnhofsvorstehers kommt in die Schule. Er schaut auf das Schild an der Tür und sagt: 1. Klasse? Und warum ist kein einziger Stuhl gepols­tert? Katja Haescher

Eine barocke Schönheit

Das Boizenburger Rathaus ist ein Beispiel für die Fachwerkarchitektur des 18. Jahrhunderts

„Ein angenehmer Eindruck auf das Auge“ – eine Reihe Bäume und die Arkaden prägen das Boizenburger Rathaus. Foto: Rainer Cordes

Wer kennt das nicht: Da steht ein schönes Haus in der Straße, hundertmal und öfter ist man schon vorbeigegangen. Aber was verbirgt sich hinter der Fassade? Welche Geschichten stecken hinter den Mauern, wer geht hier ein und aus? Denn schließlich sind Geschichten von Häusern immer auch Geschichten von Menschen. In dieser Serie wollen wir gemeinsam mit Ihnen hinter Fassaden blicken. Diesmal im Boizenburger Rathaus, das zeigt, wie schön norddeutscher Barock sein kann.

Seht her, da bin ich! So scheint es das Boizenburger Rathaus zu sagen, das auf dem Marktplatz der kleinen Stadt seinen prominenten Auftritt hat. Weder rückt es bescheiden in die Häuserlinie noch duckt es sich gegenüber der Kirche. Und es kann sich ja auch wirklich sehen lassen: Im Fachwerk-Look, mit Arkaden, Mansardendach und Türmchen ist es ein besonders schönes Beispiel für ein Amtsgebäude aus der Periode des Barock.

Das fanden durchaus auch Zeit­genossen des 18. Jahrhunderts, die in einer Chronik von 1797 das Rathaus als „recht artiges und mit einem Thurme, worin eine Schlaguhr ist, geziertes Gebäude an dem Markte“ beschrieben. Damals war das Rathaus noch keine 100 Jahre alt, denn der Vorgängerbau war dem großen Stadtbrand 1709 zum Opfer gefallen. 1789 war das 1712 errichtete Gebäude dann repariert und erweitert worden und so dürfte die Beschreibung aus der Chronik bereits dem Stand entsprechen, den Stadtplaner und Denkmalpfleger vor der Sanierung 1994 vorfanden.

Das erste schriftliche Zeugnis zum Rathaus enthält auch Informationen zur Raumaufteilung: Unten wohnte der Ratskellerwirt, oben befanden sich Ratsstube und Gerichtsstube. Und apropos Gericht: Das tagte zweimal wöchentlich und verurteilte Übeltäter wurden durchaus gleich vor Ort ins Halseisen gelegt, das sich unter den Kolonnaden des Rathauses befand und zum Beispiel bei Feld- und Gartendieben zum Einsatz kam. Boizenburg besaß aber auch die „Criminalgerichtsbarkeit“ – und das bedeutete zumeist härtere Strafen als einen Tag am Pranger. 1723 wurden auf dem Markt die Mitglieder einer Bande von Straßenräubern geköpft, die zuvor längere Zeit in der Gegend ihr Unwesen getrieben hatten und schließlich in Boizenburg geschnappt worden waren. Die letzte Enthauptung fand den Akten zufolge 1729 vor dem Rathaus statt: Angeklagt war eine Dienstmagd, die ihr Kind aus Angst vor öffentlicher Schande nach der Geburt getötet hatte. Ein Stein mit dem Abdruck einer Hand soll die Hinrichtungsstelle markieren.

Eine so blutige Geschichte lässt sich nur schwer mit dem freundlichen Gebäude in Verbindung bringen, das „mit seinen weiß angestrichenen Pfeilern … einen angenehmen Eindruck auf das Auge macht“ – so die Chronik von 1797. Da waren aber auch der Henker und sein Schwert schon eine Weile Geschichte. Aus dem Erker über dem Eingang sind in den Aufzeichnungen zum Gebäude aber auch musikalische Auftritte überliefert: „Vormittags und abends bläset der Stadtmusikus aus dem Erker der oberen Etage ab.“

Und Musik hin oder her: Das Boizenburger Rathaus überstand die Jahrhunderte – wenngleich nicht immer gut. Da es vermutlich teilweise über dem Keller des Vorgängerbaus gegründet worden war, war der Bauuntergrund zum Teil recht labil, was der Gebäudestruktur nicht guttat. Auch darüber hinaus hatte das Haus im Laufe der Jahre viel von seinem historischen Charme eingebüßt: In den 1930er-Jahren und dann auch noch einmal zu DDR-Zeiten war es ziegelrot gestrichen worden, das Fachwerk braun. In den 1960er-Jahren hatte die Volkspolizei Räume im Rathaus bezogen und in diesem Zusammenhang versucht, die Fenster im Untergeschoss vergittern zu lassen – dies wurde zum Glück als Verschandelung ablehnt.

Dennoch gab es viel zu tun, als das Boizenburger Rathaus in den 1990er-Jahren von Grund auf saniert wurde. Dabei wurden die Anbauten abgerissen und das Gebäude komplett entkernt – angesichts der kompletten Folienverpackung witzelten die Boizenburger sogar, dass hier Christo für die Reichstagsverhüllung geübt habe.
Die Zahlen dieses Umbaus lassen staunen: 22 Kubikmeter Eichenholz und fast 43 Kubikmeter Kiefernholz, 17.280 Mauerziegel und 5460 Dachziegel stecken in dem Gebäude – genauso wie 920 Fensterscheiben.

Das Ergebnis ist ein Kleinod, eines der schönsten Rathäuser weit und breit, außen nach historischem Muster und innen modern ausgestattet, das Anfang 1996 an die Stadtgemeinschaft übergeben werden konnte. Und auf der Wikipedia-Seite von Boizenburg wird das freistehende Rathaus mit seinem Türmchen unter den Sehenswürdigkeiten der Stadt an erster Stelle aufgelistet. Katja Haescher

Größe in Backstein

Sternberger Stadtkirche erzählt aus der Geschichte einer Region – von Wallfahrt bis Reformation

Von der Aussichtsplattform des Turmes bietet sich aus 55 Metern Höhe ein wunderbarer Blick auf die Umgebung. Foto: Katja Haescher

Wer kennt das nicht: Da steht ein schönes Haus in der Straße, hundertmal und öfter ist man schon vorbeigegangen. Aber was verbirgt sich hinter der Fassade? Welche Geschichten stecken hinter den Mauern, wer geht hier ein und aus? Denn schließlich sind Geschichten von Häusern immer auch Geschichten von Menschen. In dieser Serie wollen wir gemeinsam mit Ihnen hinter Fassaden blicken. Diesmal: in der Stadtkirche Sternberg, in deren Historie ein Herzog mit Ambitionen, Wallfahrten und die Reformation eine Rolle spielten.

Warum hat ein so kleiner Ort eine so große Kirche? Diese Frage hört Kirchenführerin Mechthild Quade immer wieder. Die Antwort beginnt mit einer verpatzten Hochzeit: Als Herzog Heinrich II. im Jahr 1308 seine Tochter in Wismar verheiraten wollte, blieben ihm dafür die Stadttore verschlossen. Kurzerhand zog er die Sache in Sternberg durch – und machte die Stadt danach zu seiner Residenz. Zeugnis dieser Zeit ist die Stadtkirche, die zwischen 1309 und 1321 entstand und vom Ehrgeiz eines Fürsten zeugt.

50 Meter lang und 25 Meter breit zeigt sich das Gotteshaus im Innern als dreischiffige Hallenkirche, deren 66 Meter hoher Turm einen wunderbaren Blick aufs Sternberger Seenland ermöglicht. „Am schönsten ist der Ausblick, wenn der Raps blüht“, sagt Mechthild Quade – die Mühsal der 180 Stufen ist dann schnell vergessen.

Wer vom Turm kommend die Kirche betreten möchte, legt zuerst den Kopf in den Nacken. Nur so gelingt der Blick auf das monumentale Bild von Fritz Greve, das in der Turmhalle die Wand über dem Eingang schmückt. Es entstand Ende des 19. Jahrhunderts und zeigt – historisierend nach der Mode der Zeit – den Landtag an der Sagsdorfer Brücke. 1549 wurde dort die Reformation für Mecklenburg verkündet.

Referenz auf dieses Ereignis nehmen auch andere Ausstattungsstücke in der Stadtkirche. So zeigt ein Glasfenster an der Südseite den Reformator Martin Luther, flankiert von den Herzögen Heinrich V. und Johann Albrecht I. – letzterer setzte im Land die Reformation durch.

So lange zurück reicht die Geschichte der Fenster allerdings nicht. Sie stammen von 1895, aus dem Jahr, in dem die bis dato vorletzte große Kirchenrenovierung stattfand. Damals war der Innenraum neogotisch ungestaltet worden. Zwei weitere wichtige Ereignisse liegen in den Jahrhunderten zuvor, wobei das Jahr 1492 mit einer dunklen Episode verbunden ist. In jenem Jahr wurden Sternberger Juden von einem Priester beschuldigt, Hostien durchbohrt zu haben, worauf diese nicht aufgehört hätten zu bluten.

Es kam es zu einem Pogrom, 27 Menschen starben auf dem Scheiterhaufen. In der Folge mussten alle Juden das Land verlassen, ihre Vermögen wurden von den Mecklenburger Herzögen eingezogen. Neben ihnen profitierte auch die Kirche: In Sternberg präsentierte man fortan die angeblich wundertätigen Hostien, was für einen stetigen Pilgerstrom sorgte. „Auf alten Karten war der Ort damals genauso groß eingezeichnet wie Jerusalem und Rom“, sagt Mechthild Quade.

Nur zwei Jahre nach dem Pogrom wurde die so genannte Heilig-Blut-Kapelle an die Kirche angebaut. Heute gibt diese einem Kunstwerk von Wieland Schmiedel Raum: ein schwebendes Kreuz, das von einem Pendel an der Decke hängt und einen Abdruck in einem auf dem Boden liegenden Tuch hinterlassen hat. „Stigma“ lautet der Name des Kunstwerks, das für die Wunden steht, die den Juden zugefügt wurden. Neben der Kapelle ein Gedenkstein mit dem fünften Gebot: Du sollst nicht töten. Es gibt also nicht nur viel zu sehen, es gibt auch viel zu denken bei einem Besuch der Sternberger Stadtkirche.

1751 ist eine weitere wichtige Jahreszahl in der Historie des Gebäudes: Damals war das Gotteshaus nach dem letzten großen Stadtbrand 1741 wieder aufgebaut worden – maßgeblich vorangetrieben von
David Franck. Das Gemälde des Rektors und Predigers hängt unter der Orgelempore.

Und apropos Orgel: Mit ihrem Ins­trument beherbergt die Stadtkirche einen besonderen Schatz. Die Walcker-Orgel von 1895 ist ein Geschenk des gebürtigen Sternbergers Julius Heinrich Zimmermann, der es unter anderem als Hersteller von Musik­instrumenten zu Wohlstand gebracht hatte. Sie ist eines von nur drei Instrumenten einer Baureihe, deren andere Orgeln in der Frankfurter Peterskirche und im Petersdom im Vatikan standen. Und in einem Kirchenraum, dessen Akustik bis zu sechs Sekunden Nachhall ermög­licht, entfaltet sie noch heute ihren schönsten Klang. Katja Haescher

Mühle mit schwarzer Küche

Natur-Museum in Goldberg bewahrt fachkundig und humorvoll Geschichte(n) einer Landschaft

Die einstige Wassermühle steht direkt am Ufer der Mildenitz. Fotos: Haescher

Wer kennt das nicht: Da steht ein schönes Haus in der Straße, hundertmal und öfter ist man schon vorbeigegangen. Aber was verbirgt sich hinter der Fassade? Welche Geschichten stecken hinter den Mauern, wer geht hier ein und aus? Denn schließlich sind Geschichten von Häusern immer auch Geschichten von Menschen. In dieser Serie wollen wir gemeinsam mit Ihnen hinter Fassaden blicken. Diesmal im Müllerweg 2 in Goldberg, wo das Natur-Museum frisch saniert und konzipiert zum Hinein­gehen lockt.

Da müsste man noch mal einen Zahn zulegen! Wer in der alten Küche des Goldberger Museums steht, kann sich die Herkunft der Redensart vor Augen führen. Hier hängt der Kochtopf noch an einer Kette – ein Zahn mehr brachte die Suppe dichter ans Feuer und zum Brodeln. Umgeben von den geschwärzten Wänden des einstigen Rauchabzugs fällt es leicht, in die Vergangenheit einzutauchen. In Zeiten, als im gemauerten Herd die Flammen loderten, die Küche der wärmste Raum des Hauses war und der aufsteigende Rauch Schinken und Wurst konservierte.

Die „Schwarze Küche“ ist der Kern des 1730 errichteten Gebäudes –nach der Kirche eines der ältesten Häuser Goldbergs. Gebaut wurde es als Wassermühle. Die am Haus vorbeiplätschernde Mildenitz ließ hier das Mühlrad klappern – bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts. Zu diesem Zeitpunkt wurde der Spiegel des Goldberger Sees um mehr als einen Meter abgesenkt, um den Serrahn – einst ebenfalls ein See – trockenzulegen. An der Mühle fehlte in der Folge das Wasser und die Bewohner des Fachwerkhauses mussten fortan als Ackerbürger für ihr Auskommen sorgen.

Dennoch sollte die enge Verbindung von Haus und Natur bestehen bleiben und sogar noch Aufschwung nehmen. 1960 zog das Heimatmuseum in die einstige Wassermühle ein. Die Sammlung brauchte mehr Platz: Der Goldberger Maler Heinrich Eingrieber hatte schon 1927 neben der Kirche eine kleine Heimatstube gegründet und viele Gegenstände dem Vergessen entrissen. Sein Nachfolger Hans Hentschel baute die Einrichtung am neuen Standort thematisch weiter aus. „Das Haus wurde zum Bezirksnaturkundemuseum und übernahm viele Stücke aus dem Meeresmuseum Stralsund“, sagt Fred Ruchhöft, der die Einrichtung seit 2018 leitet und die nun gezeigte Ausstellung maßgeblich konzipiert hat.

Denn mit einer im vergangenen Jahr abgeschlossenen Sanierung hat das Museum nun den Sprung in die Gegenwart vollzogen. Ein neu angebauter Funktionstrakt bietet Platz für Empfangsbereich, Tourist-Information und die Museumsbibliothek. Von hier führt der Weg ins alte Fachwerkhaus und von dort zurück in der Zeit: in vergangene Erdzeitalter, von denen Fossilien erzählen, zu den Spuren früher Besiedlung, dokumentiert durch Schmuck und Alltagsgegenstände, durch Wälder und Waldglashütten bis ins bürgerliche Wohnzimmer – wie es die letzte Stiftsdame im benachbarten Kloster Dobbertin dem Museum hinterlassen hat.

Wichtig ist Fred Ruchhöft immer der Blick auf den Alltag: Der Zahnstocher in Fischform, den das Fräulein von Bassewitz im Klosterstift nutzte, aufwändige Stickarbeiten und die Liste des Konditors, der den Kuchen für die Kaffeetafel lieferte, erzählen in einem Raum von einem sorgenfreien Leben fern von Alltagsnöten, während schon eine Tür weiter von der mühseligen Plackerei in der Landwirtschaft die Rede ist.

Und natürlich steht auch Goldberg selbst im Fokus – angefangen bei der Ortsgeschichte über die Herkunft des Namens bis hin zum Vorwurf, die Stadt der drei Lügen zu sein – kein Gold, kein Berg, keine Stadt. Während Fred Ruchhöft diese Unterstellung sofort entkräftet – schließlich stammt Olympiagold-Hochspringer Gerd Wessig von hier und die Berge sind einfach nur nicht ganz so hoch wie anderswo – stellt er sich dem Thema Lügen aktuell mit einer Sonderausstellung zum „Kaukasischen Hangmümmler“ auf besondere Weise. Wer diese Präsentation besucht, hat danach nicht nur viel gelacht, sondern auch erfahren, wie Manipulation und Fake-News funktionieren können und dass kritisches Denken und gesunder Menschenverstand eine wichtige Rolle spielen.

Geöffnet ist Mittwoch bis Freitag von 11 bis 16 und an Sonn- und Feiertagen von 11 bis 17 Uhr sowie im Winter (1. November bis 31. März) Mittwoch bis Sonntag von 11 bis 16 Uhr.

Katja Haescher

Ein Spätbarockes Herrenhaus

Dreilützow entstand als Sitz derer von Bernstorff – und ist heute fest in der Hand junger Leute

Die Gartenseite von Schloss Dreilützow: Die Tür führte direkt aus dem so genannten Gartensaal ins Freie. Foto: Haescher

Wer kennt das nicht: Da steht ein schönes Haus in der Straße, hundertmal und öfter ist man schon vorbeigegangen. Aber was verbirgt sich hinter der Fassade? Welche Geschichten stecken hinter den Mauern, wer geht hier ein und aus? Denn schließlich sind Geschichten von Häusern immer auch Geschichten von Menschen. In dieser Serie wollen wir gemeinsam mit Ihnen hinter Fassaden blicken. Diesmal: im Schloss Dreilützow, dessen Geschichte bis ins 18. Jahrhundert reicht.

Was ist eigentlich ein Schloss? Streng genommen der Wohnsitz eines regierenden Fürsten, in kindlicher Definition ein Gebäude mit Türmen und einem König. Beides hat Dreilützow nicht zu bieten und dennoch ist das größte Haus im Ort als Schloss bekannt. Es wirkt ja auch majestätisch mit seiner Größe, der herrschaftlichen Auffahrt und dem großzügigen Park.

Bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts reicht die Geschichte des Herrenhauses. Nachdem das Gut ursprünglich den Herren von Lützow gehört hatte, kaufte es der hannoversche Premierminister Andreas Gottlieb Freiherr von Bernstorff d.Ä. 1725 für 105.000 Reichstaler. Unter Andreas Gottlieb von Bernstorff d.J. begann 1735 der Bau des barocken Herrenhauses. Ob man sich Zeit ließ oder Unerwartetes dazischenkam – wer weiß. Erst 18 Jahre später waren Haus und Barockgarten fertig.
An Stelle des letzteren befindet sich heute ein Landschaftspark, zu dem der Garten in der ers­ten Hälfte des 19. Jahrhunderts umgestaltet wurde – solche Gärten waren damals schwer in Mode.

Während der Weltwirtschaftskrise musste das Gut verkauft werden. Kurz darauf starb der letzte auf Dreilützow ansässige Graf Andreas Gottlieb von Bernstorff am 5. Juli 1929 – sein Grab befindet sich neben der Kirche. Die Nationalsozialisten nutzten das Schloss für den Reichsarbeitsdienst und brachten hier so genannte Arbeitsmaiden, also zum Arbeitsdienst verpflichtete junge Frauen, unter. Nach dem zweiten Weltkrieg kaufte die katholische St.-Anna-Gemeinde das Schloss und es war nacheinander Kinder- und Behindertenheim.

Seit 1994 ist es Bildungs- und Freizeitstätte der Caritas – und viele Kinder aus Schwerin und West­meck­lenburg waren seitdem bereits im Haus der Grafen zu Bernstorff zu Gast. Für Stefan Baerens, Leiter der Kinder- und Jugendübernachtungsstätte, ist das Schloss auch ein Ort für den Ausflug in die Historie. Wenn er sagt „Diese Tür ist älter als deine Oma“ können viele Kinder damit mehr anfangen, als mit pauschalen Alt-Angaben.

Zu den Schätzen des Herrenhauses gehört der Gartensaal mit seinen Malereien, die in der Fassung von 1890 restauriert wurden. In einem weiteren Raum ist eine wertvolle Malerei mit pompejanischen Motiven erhalten – in Mecklenburg eine absolute Rarität. Hier befanden sich einst die Gesellschaftsräume der adligen Bewohner, während die Wohnräume vermutlich in der oberen Etage lagen. Die barocke Raumstruktur ist gut erhalten. Nur die Nutzung ist eine andere, denn heute schwingen junge Leute das Zepter. Die Jagdtrophäensammlung im Eingangsflur wurde durch einen Plüschelch ergänzt, die repräsentativen Säle im Parterre stehen als Gruppenräume für Workshops zur Verfügung.

Und auch den historischen Wert wissen die jungen Gäs­te dabei zu schätzen: „Freiheit kombiniert mit Vertrauen funktioniert besser als zehn Museumswärter“, sagt Stefan Baerens.
Die heutigen Nutzer engagieren sich auch für die Erhaltung des Ensembles – Remise und Scheune wurden wieder aufgebaut, die eins­tige Orangerie gesichert. Und es gibt immer wieder neue Projekte. Die spätbarocke Anlage – kulturhis­torisch für die Region etwas Besonderes – ist bereit für die Zukunft. Spannende Geschichten aus der Vergangenheit inklusive.

So lebte für einige Zeit auf Dreilützow auch Andreas Peter Graf von Bernstorff. Er stand zu Zeiten der Aufklärung als Staatsminister im Dienst des dänischen Königs und gilt im 18. Jahrhundert als einer der größten Staatsmänner Dänemarks. Seine zweite Frau Augusta Louise, geborene Gräfin zu Stolberg-Stolberg, korrespondierte mit den Geistesgrößen ihrer Zeit, zahlreiche Briefe wechselte sie mit Goethe. Auf dem Friedhof in Dreilützow fand sie an der Seite ihres Mannes und ihrer Schwester – dessen erster Frau – die letzte Ruhe.

Katja Haescher

Dat schönste Rathus ringsümher

Wittenburger Verwaltungssitz im Tudorstil fällt auf dem Marktplatz sofort ins Auge

Wie eine kleine Burg: Das Wittenburger Rathaus wurde 1852 fertiggestellt und kostete 10.000 Taler. 150 Taler waren das Honorar für Baumeister Demmler. Foto: Volkmar Eggert

Wer kennt das nicht: Da steht ein schönes Haus in der Straße, hundertmal und öfter ist man schon vorbeigegangen. Aber was verbirgt sich hinter der Fassade? Welche Geschichten stecken hinter den Mauern, wer geht hier ein und aus? Denn schließlich sind Geschichten von Häusern immer auch Geschichten von Menschen. In dieser Serie wollen wir gemeinsam mit Ihnen hinter Fassaden blicken. Diesmal: im Wittenburger Rathaus, an dem Baumeister Demmler seiner Vorliebe für Bögen, Türmchen und Zinnen freien Lauf ließ.

Ob sich Georg Adolph Demmler bei seinem Entwurf vom Namen des Ortes inspirieren ließ? Wer weiß. Fest steht, dass durch das Zutun des Baumeisters auf dem Wittenburger Marktplatz eine Burg steht, die keine ist – sondern das Rathaus. Angeregt von der englischen Tudorgotik und in bester historistischer Tradition entstand das Gebäude in der Mitte des 19.  Jahrhunderts. Es bildet den Abschluss einer Schaffensperiode Demmlers, die mit dessen Entlassung als Hofbaurat zusammenfällt.

Sogar von „Demmlers letzter Rache“ ist die Rede – so auffällig anders ist das Gebäude auf dem kleinstädtischen Platz. Dennoch gehört es für die Wittenburger zu ihrer Stadt. Aus Anlass der Sanierung im Jahr 1999 widmete die plattdeutsche Lyrikerin Ursula Kurz dem Rathaus sogar ein eigenes Gedicht, in dem es unter anderem heißt: „Du büst taun Mittelpunkt fix worden/dat schönste Rathus ringsümher/tau Freud för all uns Wittenborger/sogor mit eigen Füerwehr.“

Letztere war ursprünglich hinter den Türen des Sockelgeschosses untergebracht worden – kein schlechter Platz, wenn man bedenkt, dass der Vorgängerbau des Wittenburger Rathauses in der Nacht vom
19. zum 20. Februar 1848 abbrannte. Die Brandursache geht aus den Akten nicht hervor. Nur einen Tag danach konstatierte eine Kommission unter Leitung des Bürgermeisters Bölte den Totalschaden. Im Sommer gab es Geld von der Versicherung, im Dezember wurde der Brandplatz beräumt. Allerdings fasste der Magistrat für den Rathausneubau eine andere Stelle ins Auge – nicht mehr inmitten des Marktplatzes, sondern eingerückt in die Häuserzeile an der Großen Straße.

Am 23. März 1851 schreiben die Mitglieder des Magistrats nach Schwerin an Georg Adolph Demmler und bitten ihn, die Bauleitung für das neue Rathaus zu übernehmen. Der Architekt hatte zu diesem Zeitpunkt gerade beim Großherzog gekündigt, um seiner Entlassung zuvorzukommen. Bereits zwei Tage später meldet Demmler sich zurück: Wegen geplanter Reisen könne er die gesamte Bauleitung nicht übernehmen. Dennoch ist es keine Absage: Der Schweriner sagt zu, bereits gezeichnete Risse zu prüfen und der Stadt bis zum Juli „in allem, was den Bau betrifft, zur Seite zu stehen“.

Im April besichtigt Demmler den Bauplatz, Anfang Mai schickt er ein 37-seitiges Gutachten nach Wittenburg. In seine Pläne nimmt er Vorentwürfe des Wittenburger Maurermeisters Meincke auf und macht eigene Verbesserungsvorschläge. Im Juni beginnen die Bauarbeiten, im Juli legt Demmler die Bauleitung in die Hände von Ludwig Willebrand, jüngerer Brüder des bekannten Architekten Hermann Willebrand, und geht auf Reisen.

Ende 1852 ist das Rathaus fertig: ein burgenartiger Bau mit vier Ecktürmen, einem Zinnenkranz und einer dreibogigen Blendarkade zum Marktplatz. Was die Bewohner der Ziegel- und Fachwerkhäuschen der kleinen Ackerbürgerstadt wohl dazu gesagt haben? Gewiss ist aber wohl, dass Demmler auch an sie dachte: Mit dem sich zum Markt öffnenden Eingang und dem gleich im Erdgeschoss gelegenen Bürgersaal lässt sich die demokratische Gesinnung des Architekten auch an dem Bau ablesen.

In den Jahren, die auf die feierliche Eröffnung des Rathauses im Januar 1853 folgten, wurde innen immer wieder umgebaut. Als Ende der 1990er-Jahre schließlich eine umfangreiche Sanierung anstand, gab es viel zu tun: Allein der über zwei Etagen reichende Rathaussaal war durch den Einbau von Wänden und Zwischendecken in vier verschiedene Räume geteilt worden.

Heute ist der Rathaussaal wieder das Zentrum des Gebäudes. Und auch die repräsentative zweiläufige Treppenanlage führt zum Eingang in der Portalnische – wenngleich natürlich bei dem Umbau auch ein behindertengerechter Zugang geschaffen wurde. Moderne Elemente wie eine Empore im Rathaussaal und eine Glaswand als Abtrennung zum Foyer ergänzen die sorgfältig sanierten Elemente des 19. Jahrhunderts und fügen das 20. hinzu. Und auch im 21. Jahrhundert wird es Zuwachs gegen: Die Stadt Wittenburg möchte die komplette Verwaltung wieder an den Markt verlegen und hat dafür die ans Rathaus angrenzenden Grundstücke gekauft.

Vor diesem Hintergrund soll zum Abschluss noch einmal die 2018 verstorbene Schriftstellerin Ursula Kurz zu Wort kommen: „So wünsch ick di, min leiwes Rathus/an dat tiedläbens hüng min Hart/dat allens, wat hier ward beslaten/för Wittenburg taun Sägen ward.“ Katja Haescher

 

Ein Stilles Haus für die Prinzessin

Helenen-Paulownen-Mausoleum entstand für Zarentochter und Enkelin Katharina der Großen

Das Mausoleum entstand zwischen 1804 und 1806. Foto: Katja Haescher

Wer kennt das nicht: Da steht ein schönes Haus in der Straße, hundertmal und öfter ist man schon vorbeigegangen. Aber was verbirgt sich hinter der Fassade? Welche Geschichten stecken hinter den Mauern, wer geht hier ein und aus? Denn schließlich sind Geschichten von Häusern immer auch Geschichten von Menschen. In dieser Serie wollen wir gemeinsam mit Ihnen hinter Fassaden blicken. Diesmal: im Helenen-Paulownen-Mauso­leum im Ludwigsluster Schloss­park, das von der Sepulkral­kultur des 19. Jahrhunderts erzählt.

Es ist ein stilles Haus. Hier gibt es kein Türenklappern, kein Stimmengewirr. Die Menschen, die hier vorbeikommen, spazieren durch den Schlosspark von Ludwigslust, in dem das Helenen-Paulownen-Mausoleum an eine jung verstorbene russische Prinzessin erinnert.

Helena Paulowna war die Tochter des russischen Zaren Paul I. Als sie am 23. Oktober 1799 den Erbprinzen Friedrich Ludwig von Mecklenburg-Schwerin heiratete, war sie gerade einmal 15 Jahre alt. Schon im Jahr darauf brachte sie ihr erstes Kind zur Welt, den späteren Großherzog Paul Friedrich. Bei der Geburt ihrer Tochter Marie im März 1803 war Helena 18 – und erkrankte kurz darauf an einer Lungenentzündung. Sie starb im September 1803 in Ludwigslust.

Ihr junger Ehemann war untröstlich. Mit einem Mausoleum im Schloss­park ließ er seiner verstorbenen Frau ein sichtbares Denkmal setzen. Dies sollte auch dem besonderen Rang der Zarentochter und Enkeltochter Katharina der Großen gerecht werden: Hatte doch die Eheschließung eine Verbindung zum Hause Romanow und damit zu einer der einflussreichsten Dy­nas­tien Europas geknüpft. Dies spiegelte das Denkmal wider: 30.000 Reichstaler standen am Ende auf der Rechnung für die Grabkapelle.

Die Architekten des neoklassizistischen Baus waren Joseph Chris­tian Lillie und Joseph Ramée. Nach ihren Entwürfen entstand zwischen 1804 und 1806 ein Gebäude mit rechteckiger Grundfläche, dessen Eingang von vier dorischen Säulen geschmückt wird. Hierher wurden die sterblichen Überreste von Helena Paulowna nach der Fertigstellung überführt – die junge Erbprinzessin war zunächst in der Ludwigsluster Stadtkirche beigesetzt worden.

Da Helena Paulowna auch nach der Hochzeit mit Friedrich Ludwig die russisch-orthodoxe Religion behalten hatte, schmückt ihren Prunk­sarkophag in der Grabkapelle ein russisch-orthodoxes Kreuz mit drei Querbalken. Der aus italienischem Carrara-Marmor gefertigte Steinsarg und ein weiterer, der für ihren Ehemann vorgesehen war, befanden sich ursprünglich im Zentrum der Kapelle.

Im Jahr 1819 folgte der nunmehrige Erbgroßherzog seiner Frau – ohne je an die Regierung gelangt zu sein. Allerdings sollte das Paar im Tode nicht unter sich bleiben. Denn inzwischen waren in der Kapelle bereits die zweite Frau Friedrich Ludwigs und ein früh verstorbener Sohn beigesetzt worden; weitere Familienmitglieder folgten.
Eine Bestattung im Jahre 1897 veränderte dann die komplette Hierarchie innerhalb der Grabkapelle: Friedrich Franz III., der Urenkel Friedrich Ludwigs und Helena Paulownas, hatte den Ort für seine letzte Ruhe gewählt. Der Platz im idyllischen Schlosspark erschien dem Großherzog gegenüber der Grablege im Schweriner Dom weniger prominent.

Aufs öffentliche Zur-Schau-gestellt-werden nach dem Tode verspürte er wenig Lust und so wurde er im April 1897 in Ludwigslust beigesetzt. Zuvor war das Mausoleum umgebaut worden: Die Sarkophage Friedrich Franz III. und seiner Frau Anastasia befinden sich nun, flankiert von den anderen, im Zentrum des Raums. Mit Anastasia, Großfürstin und Enkeltochter des Zaren Nikolaus I., fand ein weiteres Mitglied der Familie Romanow in dem Mausoleum die letzte Ruhe.

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurde das Helenen-Paulownen-Mausoleum wie das auch im Schloss­park gelegene Louisen-Mausoleum geplündert und beschädigt. Ab 1970 nutzte das Museum für Ur- und Frühgeschichte den Raum als Depot. 2002 begann die Sanierung der Grabkapelle, die sich wie Schloss und Park in der Obhut der Staatlichen Schlösser, Gärten und Kunstsammlungen MV befindet und ein Stück Geschichte des Großherzogtums Mecklenburg-Schwerin abbildet. Katja Haescher

Der Schatz am See

Schlossanlage in Raben Steinfeld soll mit Leben gefüllt und überregional bekannt gemacht werden

Schloss Raben Steinfeld – einst Sommerresidenz des Schweriner Hofs Foto: K. Haescher

Wer kennt das nicht: Da steht ein schönes Haus in der Straße, hundertmal und öfter ist man schon vorbeigegangen. Aber was verbirgt sich hinter der Fassade? Welche Geschichten stecken hinter den Mauern, wer geht hier ein und aus? Denn schließlich sind Geschichten von Häusern immer auch Geschichten von Menschen. In dieser Serie wollen wir gemeinsam mit Ihnen hinter Fassaden blicken. Diesmal: im Schloss Raben Steinfeld, das die Gemeinde und ein Förderverein mit neuem Leben füllen wollen.

Zugegeben: Schön ist nicht das erste Wort, das beim Anblick von Schloss Raben Steinfeld in den Sinn kommt. Aber mindestens das dritte oder vierte – nachdem Wörter wie eindrucksvoll, toll gelegen und sehr sanierungsbedürftig gedacht sind. Die Gemeinde Raben Steinfeld und der 2019 gegründete Kultur- und Schlossverein wollen dafür sorgen, dass „schön“ wieder an die erste Stelle rückt – und die Schlossanlage mit neuem Leben füllen.

Dass hier am Ufer des Schweriner Sees ein Schatz gehoben werden kann, ist schnell klar. Die historische Raumstruktur, Stuck und alte Fliesenböden, das Treppenhaus mit dem schmiedeeisernen Geländer, versteckte Steinmalereien, Paneele und historische Tapeten harren ihrer Wiederentdeckung – so wie viele weitere architektonische Details des von Hermann Willebrand entworfenen Baus. Der Oberhofbaurat errichtete in den Jahren 1886 und 1887 das Schloss im Auftrag von Großherzog Friedrich Franz III. als Sommerresidenz des Schweriner Hofs an der Stelle eines alten herzoglichen Jagdhauses.

Später diente das Gebäude Marie von Schwarzburg-Rudolstadt, der dritten Frau des Großherzogs Friedrich Franz II. und Stiefmutter des amtierenden Herrschers, als Witwensitz. „Sie soll oft hier am Steilufer gesessen und über den See in Richtung Schweriner Schloss geblickt haben“, sagt Bürgermeister Klaus-Dieter Bruns. Und man glaubt es aufs Wort, denn auch wenn die Bäume inzwischen viel höher gewachsen sind, hat der Platz am See nichts von seinem Reiz verloren. Ob dies der Grund dafür war, dass die niederländische Königin Wilhelmina diesen Ort liebte?

Ihr Prinzgemahl Heinrich zu Mecklenburg war der jüngste Sohn von Friedrich Franz II. und Marie von Schwarzburg-Rudolstadt und beim Tod seines Vaters gerade einmal sieben Jahre alt gewesen. Er hatte Jahre seiner Kindheit und Jugend in Raben Steinfeld verbracht und so war das Ehepaar – übrigens die Urgroßeltern des heutigen Königs Willem-Alexander – auch später hier zu Gast.

Heinrichs älterer Bruder Adolf Friedrich wiederum schrieb 1909 in „Rabensteinfeld“, wie er es selbst im Vorwort nennt, seinen Bericht über die von ihm 1907/08 geleitete Forschungsreise in das Gebiet des Zentralafrikanischen Grabens, die 1909 unter dem Titel „Ins innerste Afrika“ erschien. Der Forschungsreisende und letzte Gouverneur der deutschen Kolonie Togo wurde 1949 erster Präsident des Deutschen Olympischen Komitees.

Eine Menge Geschichte also, die im Schloss Raben Steinfeld steckt. Das letzte Mitglied der herzoglichen Familie, Elisabeth zu Mecklenburg, hatte 1945 das Schloss verlassen. Durch Heirat Großherzogin von Oldenburg war sie 1910 zu ihrer Mutter Marie nach Raben Steinfeld geflohen, nachdem sie ein Verhältnis mit dem Hauslehrer ihrer Kinder angefangen und später die Trennung von ihrem Mann angestrebt hatte. Schloss Raben Steinfeld wurde 1945 von der Roten Armee besetzt. Zwischen 1947 und 1995 beherbergte es eine Forstschule – Unterrichtsräume sind noch heute erkennbar.

Nach dem Rückkauf durch die Gemeinde Raben Steinfeld 2019 soll nun nach jahrelangem Leerstand ein neues Kapitel aufgeschlagen werden. Hugo Klöbzig, Vorsitzender des Kultur- und Schlossvereins, sieht wie Bürgermeister Bruns das Gebäude als kulturellen Mittelpunkt der Region mit überregionaler Strahlkraft. Denkbar seien museale und gastronomische Angebote, Trauungen, Kongresse und Tagungen, Ausstellungen, Märkte, Familienfeste und andere Feiern.

In Zusammenarbeit mit weiteren Fördervereinen der Region – unter anderem der Schlösser Schwerin, Ludwigslust und Gadebusch – hat ein reger Ideen-Transfer begonnen. In den großen Ferien, hofft Klöbzig, könnte vielleicht ein Sommerfest in dem wunderbaren Park möglich sein. Und natürlich hoffen er und seine Mitstreiter, möglichst viele Menschen für das Schlossprojekt begeistern zu können. Denn hier wartet eine echte Gemeinschaftsaufgabe. Katja Haescher

Frühes Zeugnis des Glaubens

Die Zittower Kirche führt Besucher weit zurück in die Geschichte einer ganzen Region

Kirche in mehreren Bauabschnitten: Der Turm ist am jüngsten. Foto: Haescher

Wer kennt das nicht: Da steht ein schönes Haus in der Straße, hundertmal und öfter ist man schon vorbeigegangen. Aber was verbirgt sich hinter der Fassade? Welche Geschichten stecken hinter den Mauern, wer geht hier ein und aus? Denn schließlich sind Geschichten von Häusern immer auch Geschichten von Menschen. In dieser Serie wollen wir gemeinsam mit Ihnen hinter Fassaden blicken. Diesmal in der Kirche in Zittow, die aus den Zeiten der Christianisierung Mecklenburgs erzählt.

Im 12. Jahrhundert zog Heinrich der Löwe mit seinen Truppen ins Wendenland. Er wollte die Gebiete östlich der Elbe unter deutsche Herrschaft bringen – die dort lebenden Heiden zum Christentum zu bekehren, war ein probates Mittel im Zuge der Machtübernahme. Zwar erwiesen sich die Slawen anfangs als widerspenstig, aber mit der Taufe von Niklots Sohn Pribislaw und dem Zuzug deutscher Siedler in Heinrichs Spur setzte sich die neue Religion bald durch. Im 13. Jahrhundert entstanden in der Region zahlreiche Gotteshäuser – auch in Zuttecowe, wo sich deutsche Einwanderer am See niederließen.

1251 war es Graf Gunzelin III., ein Enkel des Gefolgsmanns Heinrichs des Löwen und ersten Grafen von Schwerin, Gunzelin I. von Hagen, der dem Schweriner Domkapitel Besitzrechte am Dorf Zittow übertrug. Ob die Kirche zu diesem Zeitpunkt schon existierte? Wahrscheinlich. Ein Dach über dem Chor wird am 24. März 1261 erwähnt – fast auf den Tag 760 Jahre ist das jetzt her.

Vermutlich entstand dieser älteste Teil des Gotteshauses, der quadratische Chor mit dem steilen Domikalgewölbe, um 1230/1240. Mit Kreuzrippen und Schlitzfenstern im Ostgiebel ist er ein herausragendes Beispiel für den frühgotischen Sakralbau in Mecklenburg – und ein wirklich stimmungsvolles Zeugnis der frühen Tage des hiesigen Christentums.
Ebenso spirituell geht es an einem Ort weiter, der sich den Augen der Kirchenbesucher gar nicht auf den ersten Blick erschließt – in der mittelalterlichen Sakristei an der Nordseite, gewölbt mit heimischen Feldsteinen. Der ursprüngliche Zweckraum ist heute ein kleiner Andachtsraum, der zur inneren Einkehr genauso einlädt wie zur gedanklichen Zeitreise.

Doch zurück in den Chor, denn Besucher sollten ihn nicht verlassen, ohne nicht wenigstens einen Blick auf das Patronatsgestühl von 1669 zu werfen. „Vermutlich hatte dieses Gestühl früher einen anderen Platz in der Kirche, höchstwahrscheinlich an der Westwand“, sagt Lutz Camin vom Förderverein „Fünf Türme“. Es trägt unter anderem die Wappen des Helmuth von Plessen, im 17. Jahrhundert Patron und Gutsherr auf Cambs, und seiner Frau Oelgard von Oertzen. Und das Gestühl bietet neben viel Schnitzkunst auch eine Beichtfunktion: Durch einen verzierten Spalt in der Holzwand konnten darin Sitzende dem dahinter wartenden Pfarrer ihre Sünden anvertrauen.

100 Jahre jünger als der Chor ist das Kirchenschiff, das im Zuge des Turmbaus Ende des 17. Jahrhunderts nachträglich eingewölbt wurde. Man könnte also von drei Bauabschnitten sprechen – und auch das reicht noch nicht, denn der 1698/99 entstandene Turm hat schon wieder eine besondere Geschichte, sagt Lutz Camin. Doppelt so hoch wie heute mit zwei Kuppeln und acht Säulen korinthischer Bauart soll er einst gewesen sein – bis 1810 ein Gewitter tobte und ein Blitz hineinfuhr. Dem davon angefachten Feuer fielen neben dem Turm Glocken, Orgel und Uhr zum Opfer, auch ein Teil des Gestühls verbrannte. Der im 19. Jahrhundert auf Cambs ansässige Patron Johann Peter Heinrich Diestel (1767-1861) stiftete 1819 eine neue Glocke und 1829 eine neue Orgel, die Jacob Friedrich Friese (Friese I) einbaute.

Und auch ein neuer Turm musste natürlich her – das Äußere des Gotteshaus veränderte sich ein weiteres Mal.
Betreffs des bescheideneren Äußeren des neuen Turmes lässt der zu diesem Zeitpunkt amtierende Pas­tor Hoeffler ausrichten: „Freylich ist der Thurm nicht so schön wie er war, allein der Herr Patronus und ich waren der Meynung, daß es besser sey, Glocken, Uhr und Orgel wieder herzustellen, als alles Geld in die Luft zu bauen!“ Recht hatte er. Und der Wetterhahn von 1699 mit dem Wappen derer von Plessen grüßt ebenfalls wieder von der Spitze. Katja Haescher

Gefährtin des Windes

Die Erdholländer-Windmühle in Wittenburg erzählt Technikgeschichte aus erster Hand

Die ebenerdig gebaute Anlage in Wittenburg wird als Erdholländer-Windmühle bezeichnet. Foto: Volkmar Eggert

Wer kennt das nicht: Da steht ein schönes Haus in der Straße, hundertmal und öfter ist man schon vorbeigegangen. Aber was verbirgt sich hinter der Fassade? Welche Geschichten stecken hinter den Mauern, wer geht hier ein und aus? Denn schließlich sind Geschichten von Häusern immer auch Geschichten von Menschen. In dieser Serie wollen wir gemeinsam mit Ihnen hinter Fassaden blicken. Diesmal in Wittenburg, wo eine Windmühle seit 1876 Flügel in den Wind streckt.

Es gibt Wände, Türen, Fenster, ein Dach. Und trotzdem ist eine Windmühle streng genommen kein Haus. „Es ist eine Maschine“, sagt Tino Oberhack, der zum Freundeskreis der Mühle Wittenburg gehört. Jedes Bauteil hat hier seine Funktion und trägt am Ende dazu bei, dass die Mühle klappern kann. Und das tut die Erdholländer-Windmühle in Wittenburg durchaus – wenngleich nicht im Mahlgang.

Die Flügel sind nämlich aus Sicherheitsgründen festgestellt. Was sich dennoch bewegt, ist die Haube, also der obere Teil der Mühle, an der das Flügelkreuz befestigt ist. Sie dreht sich in den Wind und zwar so, dass dieser von vorn kommt. Dafür sorgt die Windrose, ein kleines Seitenrad mit großer Bedeutung: „Die Mühle ist durch das Gewicht der Flügel vorderlastig. Würde der Wind von hinten drücken, könnte er im schlimmsten Fall die Flügel und mit ihnen gleich die ganze Haube zu Fall bringen“, erklärt Oberhack.

Er ist fasziniert vom Ineinandergreifen der Wellen und Räder. Um das technische Denkmal richtig zu pflegen, zu wissen, was wo zu schmieren ist und neugierige Fragen von Besuchern zu beantworten, hat Tino Oberhack eine mehrtägige Schulung in „Mühlenkunde“ absolviert. Er weiß, wozu die einzelnen Gerätschaften nütze sind: der Kran, um die tonnenschweren Mühlsteine zu heben, der spitze Hammer, um die Rillen im Stein nachzuschärfen, der Sichter, um Schalenteile, Gries und Mehl voneinander zu trennen. Dann wäre da auch noch die zweite Tür, sehr wichtig bei einer Erdholländer-Windmühle: Dreht die sich in den Wind, kann es vorkommen, dass die nah am Boden befindlichen Flügel­enden einen Ausgang versperren.

15 Meter hoch ist die Wittenburger Mühle, das Flügelkreuz hat einen Durchmesser von mehr als 22 Metern. Ursprünglich hatte ein Müller namens Hoffmann 1876 auf der kleinen Anhöhe eine Bockwindmühle errichten lassen; 1890/91 entstand dann auf deren Fundament eine modernere Holländerwindmühle. Später versuchten Müller hier sogar, dem Wind die Arbeit abzunehmen und das Mahlwerk per Dampfmaschine oder Dieselmotor in Betrieb zu setzen.

Nach dem zweiten Weltkrieg nahm sich ein Mühlenbauer mit Namen Wulff der damals schon verfallenen Anlage an. 1947 wurde dann wieder mit Windkraft gemahlen, bis 1955 ein Sturm der Windmüllerei ein Ende setzte. Knapp zwei Jahrzehnte lief der Betrieb noch elektrisch, bevor das Gewerbe 1971 abgemeldet wurde. 1979 öffnete die Stadt Wittenburg ihr Mühlenmuseum. Seitdem ist die Mühle zum Anschauen da – und besonders Kinder staunen, was alles passieren muss, bis endlich Mehl in einer Tüte steckt.

Um das technische Denkmal kümmern sich im Freundeskreis rund 30 Enthusiasten. Besonders dankbar ist Tino Oberhack für das eingebrachte Engagement von Norbert Fenske, der vor einem Jahr starb: „Er hat einfach alles über die Mühle gewusst.“ Und Unterstützung kommt aus vielen weiteren Richtungen – zum Beispiel von der Stadt, mit welcher der Freundeskreis eine gute Zusammenarbeit pflegt. Nachdem die Mühle in den 2000er-Jahren zunehmend verfiel und 2010 mit einem Notdach gesichert werden musste, konnten 2014 Fördermittel für eine umfassende Sanierung eingeworben werden.

Die erfolgte im gleichen Jahr: Wo möglich, blieben alte Eichenbalken im Innern stecken, andere Teile der Konstruktion wurden erneuert. Rund 29.000 Holzschindeln aus Rot-Zeder bilden jetzt die äußere Hülle, die Flügel bestehen aus leichtem Aluminium – trotzdem bringt das Kreuz mit Bruststücken noch 6,2 Tonnen auf die Waage.

Der spannendste Raum befindet sich für Tino Oberhack direkt unter der Haube, wo das gewaltige Kammrad aus Holz über die damit verbundene Rutenwelle die Drehbewegung der Flügel auf die Königswelle überträgt – vorausgesetzt natürlich, die Mühle würde in Betrieb genommen. Allerdings ist dies nicht geplant. Für Schauvorführungen, wie sie zum Beispiel am Mühlentag regelmäßig auf dem Gelände stattfinden, treibt ein kleiner Elektromotor die Flügel an. Katja Haescher

 

Carton-Fabrique wird Rathaus

Gebäude der Ludwigsluster Stadtverwaltung ist wichtiger Teil der barocken Planstadt

Das Rathaus entstand im Zuge des Ausbaus der Planstadt. Foto: Rainer Cordes

Wer kennt das nicht: Da steht ein schönes Haus in der Straße, hundertmal und öfter ist man schon vorbeigegangen. Aber was verbirgt sich hinter der Fassade? Welche Geschichten stecken hinter den Mauern, wer geht hier ein und aus? Denn schließlich sind Geschichten von Häusern immer auch Geschichten von Menschen. In dieser Serie wollen wir gemeinsam mit Ihnen hinter Fassaden blicken. Diesmal in der Schloßstraße 38 in Ludwigslust, wo das Rathaus vom Wachsen einer Planstadt erzählt.

Mit der Jagdleidenschaft von Chris­tian Ludwig II. fing alles an. Rund um das Dörfchen Klenow gab es Wald und Wild und der Fürst ritt hier regelmäßig auf die Hatz. Da lohnten sich ein eigenes Jagdhaus und natürlich auch ein klangvoller Name für den Ort, in dem es stand: Ludwigs-Lust. Das machte etwas her und es tat nichts zur Sache, dass die so bezeichnete Siedlung immer noch ein Dorf war. 1756 starb der Herzog und Sohn Friedrich übernahm nicht nur die Regierung, sondern auch die Vorliebe für Ludwigslust. Und er machte eine Stadt daraus, die im Gefolge des Schlosses zuerst auf dem Reißbrett und später aus Backstein entstand.

Baumeister Johann Joachim Busch plante ein komplettes Ensemble mit Stadtkirche, Bürger- und Beamtenhäusern. Und so beginnt dann auch die Geschichte des Gebäudes mit der Nummer 38 in der damaligen Gro­ßen Straße, die von der Schloss­brücke zum heutigen Alexandrinenplatz führte. Das 1780 mit zwei Geschossen, Walmdach, Zwerchgiebel, Balkon und barocker Fensterteilung errichtete Haus entstand an einer der hervorgehobenen Stellen, an denen sich die Schloßstraße zu kleinen Plätzen weitet.

Schon damals war es ein echtes Multifunktionsgebäude – mit Platz zum Wohnen, fürs Gericht und für die Ludwigs­luster Carton-Fabrique. Letztere trug zum Ruhm der Residenz bei, denn Büsten, Statuen und Reliefs, Tapetenleisten und Konsolen aus der hauseigenen Produktion wurden bis ins Ausland verkauft. Und auch was im Ludwigsluster Schloss wie Gold glänzt, ist oft schlichtweg aus Pappe – oder besser gesagt aus dem berühmten Pappmaché. Ein Lakai namens Johann Georg Bachmann hatte die Kunst des Modellierens aus Papierbrei vervollkommnet und kam damit sowohl der Repräsentationslust als auch dem klammen Portmonee von Herzog Friedrich entgegen.

Fortan ließ der Regent alte Akten aus der Verwaltung des Herzogtums an die Carton-Fabrique nach Ludwigslust liefern, wo sie ein neues Leben begannen – ob als Schmuckleiste, Säule oder Kaiser Napoleon. Bis 1817 hatte die Carton-Fabrique ihren Sitz im heutigen Rathaus, dann wurde die Produktion eingestellt.

Papier allerdings blieb in dem Gebäude wichtig – oder besser gesagt: Wertpapier. Als am 1. Januar 1884 die Ludwigsluster Sparkasse ihre Arbeit aufnahm, befand sich hier die Geschäftsstelle. Allerdings reichte dafür ein Raum: Die Sparkasse hatte nur wenige Stunden in der Woche geöffnet und wurde nebenamtlich verwaltet. Das alles hat Sylvia Wegener, Mitarbeiterin für Öffentlichkeitsarbeit im Rathaus Ludwigslust, bei ihren Recherchen zur Geschichte des Gebäudes herausgefunden.

Und noch viel mehr: 1921 zog die Sparkasse ins Erdgeschoss, weil der Kundenverkehr mit Einführung des Bankkontokorrents zugenommen hatte. Zuvor hatte in diesen Parterre-Räumen der Bürgermeister gewohnt. Ludwigslust besaß nämlich seit 1876 offiziell das Stadtrecht und so fand das Stadtoberhaupt in dem Backsteingebäude praktischerweise nicht nur seine Wohnung, sondern auch sein Arbeitszimmer. Ebenfalls im Haus wohnte der Polizeidiener, der die Aufsicht über das gleich dahinter gelegene Gefangenenhaus hatte.

Bei so vielen verschiedenen Nutzungen ist klar, wie oft umgebaut werden musste. Und angesichts der Tatsache, dass auch Sitzungssaal, Grundbuchamt und Wartezimmer, Stadtkasse, Standesamt und militärisches Ersatzbüro nebst Stammrolle im Gebäude untergebracht waren, ist genauso klar, dass es bald zu eng wurde. Die Situation entspannte sich etwas, als zusätzliche Büros im Gefangenenhaus entstanden. Später kaufte Bürgermeister Dr. Wilhelm Behn ein benachbartes Grundstück und zog aus. 1935 folgte die Sparkasse, die sich weiter vergrößerte.

In den nächsten 55 Jahren passierte am Ludwigsluster Rathaus wenig, es wurden nur die notwendigsten Reparaturen ausgeführt. Und so war das Gebäude 1990 für eine Kommunalverwaltung mit vielen neuen Aufgaben erstens zu marode und zweitens zu klein. Zwischen 1993 und 1996 erhielt das Rathaus unter sorgfältiger Wahrung der historischen Ansicht moderne Büroräume und einen Zuwachs an Nutzfläche. Das freut die Mitarbeiter genauso wie die Einwohner. Denn mit der Bibliothek und dem überdachten Lichthof ist hier auch ein beliebter städtischer Veranstaltungsort entstanden. Katja Haescher

 

Dorfkirche aus dem Mittelalter

Schlagsdorfer Gotteshaus geht bis in die Zeit deutschsprachiger Besiedlung zurück

Die Schlagsdorfer Kirche mit der Gerichtslinde Foto: Katja Haescher

Wer kennt das nicht: Da steht ein schönes Haus in der Straße, hundertmal und öfter ist man schon vorbeigegangen. Aber was verbirgt sich hinter der Fassade? Welche Geschichten stecken hinter den Mauern, wer geht hier ein und aus? Denn schließlich sind Geschichten von Häusern immer auch Geschichten von Menschen. In dieser Serie wollen wir gemeinsam mit Ihnen hinter Fassaden blicken. Diesmal: in der Dorfkirche Schlagsdorf, die im 12. Jahrhundert erstmals erwähnt wurde.

Wie alt? Je weiter es auf dem Zeit­strahl zurückgeht, umso schwieriger ist diese Frage zu beantworten. Oft sind es kleine Schriftvermerke, die Auskunft geben. Mit ihnen taucht eine Kirche in Schlagsdorf im 12. Jahrhundert zum ersten Mal aus dem Dunkel der Geschichte auf. Das Gotteshaus entstand im Zuge der Christianisierung der Region als Filialkirche des Ratzeburger Klosters.

Und wer den nur wenige Kilometer von Schlagsdorf entfernt gelegenen Ratzeburger Dom kennt, glaubt sogar Ähnlichkeiten zu erkennen – fast so, als sollte ein Stück Glanz des Großen auch nach „Slaukestorp“ geholt werden. „Die Kirche ist nach dem Vorbild des Doms entstanden“, bestätigt Pastorin Hanna Blumenschein. Und immer wieder kreuzten sich in den folgenden Jahrhunderten die Wege. Da wäre zum Beispiel der aus dem Jahr 1641 stammende Altar zu nennen, ein Werk Gebhardt Jürgen Tiedtkes, der ein ähnliches Stück zuvor auch für die Ratzeburger geschaffen hatte. Und als der Kirchenraum des Doms eingewölbt wurde, war den Schlagsdorfern die ursprüngliche Flachdecke ihres Gotteshauses auch nicht mehr gut genug. Aber vielleicht sollte man die Kirche im Dorf und das Vergleichen lassen, denn die Schlagsdorfer Kirche – wenngleich einige Nummern kleiner – hat ihren eigenen Reiz.

Sie ist eine von wenigen zweischiffigen Hallenkirchen in Norddeutschkand. „Ein Architekturprofessor aus Kiel kommt regelmäßig mit den Teilnehmern seiner Kurse hierher“, sagt Hanna Blumenschein. Und auch ihr gefällt der von mächtigen Säulen geteilte Kirchenraum – auch wenn das bedeutet, dass zum Beispiel nach einer Hochzeit das Paar nicht Hand in Hand durch den Gang schreiten kann. „Einer meiner Vorgänger, Pastor Krause, hat immer gesagt, dies sei wie im echten Leben. Man geht ein Stück des Weges getrennt, dann wieder gemeinsam“, sagt die Pastorin.

Das Kirchenschiff ist der älteste Teil des Bauwerks und datiert noch auf die spätromanisch-frühgotische Periode. Ende des 15. Jahrhunderts kamen der Chor und Mitte des 16. Jahrhunderts der Turm dazu. Auch zur Ausstattung gibt es viel zu erzählen. Etwas Besonderes ist zum Beispiel der Leuchter mit einer Darstellung des Heiligen Georgs nebst Drachen zwischen zwei Geweihstangen. Und ein ganz außergewöhnliches Stück können die meis­ten gar nicht sehen, sondern nur hören: eine Glocke aus dem russischen Nowgorod, gegossen im Jahr 1559. Sie bildet zusammen mit den Glocken von 1578 und 1649 das historische Geläut der Kirche. Die Schlagsdorfer erwarben die Glocke in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts in Lübeck. Sie stammte aus der Kirche der 40 Märtyrer in Nowgorod, die 1569 genauso wie die Stadt von den Soldaten Iwan des Schrecklichen verwüstet worden war. Hanseatische Kaufleute hatten die Glocken daraufhin über die Ostsee an die Trave gebracht.

Und das sind der abenteuerlichen Geschichten noch nicht genug. Da wäre noch die Legende um die Linde auf dem Kirchhof, unter die Herzog Magnus von Sachsen 1518 die Schlagsdorfer Bauern zu einem Landgericht berufen hatte. Als Austragungsort für eine solche Veranstaltung muss der Baum schon damals recht stattlich gewesen sein. Und glaubt man eine Sage, dann wäre die Gerichtslinde sogar so alt wie die Kirche. Denn hier, so wird erzählt, soll der Schimmel begraben worden sein, der die Steine für den Bau herangezogen hatte. Ob das stimmen kann? Die Pastorin jedenfalls meint, dass diese Sage nicht einfach nur vom Pferd erzählt. Plausibel erscheint ihr die Erklärung eines Regionalhistorikers, der darin ein Sinnbild für den Übergang zum Christentum in einer slawisch geprägten Region sieht: das weiße Pferd als heiliges Tier der Slawen, mit dessen Tod etwas Neues beginnt – und trotzdem auf das Alte aufbaut. Katja Haescher

Im Reich der Prämonstratenser

Kloster Rehna hat festen Platz in der mecklenburgischen Geschichte – und ist heute ein Schmuckstück

Im Kreuzgang befand sich zu DDR-Zeiten eine Schießanlage der GST. Heute finden hier Ausstellungen statt. Foto: Katja Haescher

Wer kennt das nicht: Da steht ein schönes Haus in der Straße, hundertmal und öfter ist man schon vorbeigegangen. Aber was verbirgt sich hinter der Fassade? Welche Geschichten stecken hinter den Mauern, wer geht hier ein und aus? Denn schließlich sind Geschichten von Häusern immer auch Geschichten von Menschen. In dieser Serie wollen wir gemeinsam mit Ihnen hinter Fassaden blicken. Diesmal: im Kloster Rehna, in dem Vergangenheit lebendig wird.

Das Krönchen sitzt schief auf dem Kopf, die Frisur derangiert. Und auch die Lampe mit dem Öl ist umgekippt – die junge Frau scheint eine echte Schlafmütze zu sein. Ganz anders ihr Gegenüber: Die Haare adrett, die Lampe bereit. Das Gleichnis von den törichten und den klugen Jungfrauen, im eins_tigen Kloster in Rehna ist es in Stein gemeißelt. Die Konsolsteine unter den Gewölberippen des Gäs­te­refektoriums zeigen das in der Kunst häufig aufgegriffene biblische Thema – und zwar auf besonders schöne Weise, wie Antje Reinhold, Mitarbeiterin der Klos­ter- und Stadtinformation meint. Die Bildnisse gehören zu den Kunstschätzen einer Anlage, die seit 1237 mecklenburgische Geschichte mitschreibt.

In jenem Jahr wurde das Kloster gegründet – ausgehend von einer Prämonstratenseranlage in Ratzeburg. Unter dem Benediktinerorden gestartet, gehörten die Rehnaer Nonnen vermutlich ab 1319 ebenfalls dem Prämonstratenserorden an. Diese Gemeinschaft, die den Namen ihrem Entstehungsort Prémontré verdankt, wurde 1121 von Norbert von Xanten ins Leben gerufen.

Der Ort Rehna war zur Entstehungszeit des Klosters noch jung: Im Zuge der Ostexpansion unter Heinrich dem Löwen gegründet, waren es Siedler aus dem Hessischen, die auf dem heutigen Kirchplatz den ersten Pflock einschlugen. Sie brachten nicht nur ihre komplette Habe mit, sondern auch den Namen ihrer heimatlichen Siedlung – Rhena. Mit dem Kloster nahm der Ort weiter Aufschwung: Gottfried von Bülow, dessen Familienname mit der mecklenburgischen Geschichte eng ver­bunden ist, war einer der Gründungsstifter – und so schmückt das Bülowsche Wappen noch heute einen der Schlusssteine im Gästerefektorium.

Neben dem bis auf den Westflügel erhaltenen Kreuzgang entstanden die wichtigen Gebäude einer klösterlichen Klausur: Kapitelsaal, Skriptorium, Nonnenrefektorium und darüber das Dormito­rium. Von diesen Gebäuden gibt es heute nur noch Grundmauern.

Wie war es nun, so ein Klosterleben? Nicht immer angenehm – das steht fest. Ein nach römischem Vorbild angelegtes Hypocaustum, eine Art mittelalterliche Fußbodenheizung, schaffte es im Winter vermutlich nur, die Raumtemperatur im Skriptorium etwas über dem Gefrierpunkt zu halten. „Die Nonnen müssen mächtig gefroren haben“, sagt Antje Reinhold. Dazu kam das frühe Aufstehen zum ers­ten Stundengebet, das mitten in der Nacht stattfand. Der Rhythmus der Gebete prägte den Arbeitstag der Schwestern, die direkt vom Dormitorium über einen Dachboden des Kreuzgangs zu ihren Plätzen auf der Nonnenempore gelangten.

Mit rund 30 Nonnen und 60 Laienschwestern war Rehna ein großes Kloster und – wie alle Frauenklöster – eine Versorgungseinrichtung. Die Ordensfrauen stammten in erster Linie aus Lübecker Patrizierfamilien, die hier unverheiratete Töchter unterbrachten. Diese konnten dann trefflichst fürs Seelenheil der Angehörigen beten – eine gute Sache, die man sich einiges kosten ließ. Schenkungen ließen das klösterliche Vermögen wachsen.

Nach der Reformation wurde das Kloster 1552 aufgelöst und der Besitz zum Leibgedinge – also einer Rente – der Herzogswitwen. Das so genannte Lange Haus blieb 180 Jahre Witwenstift. Später zogen in die verschiedenen Gebäude Forstamt und Forstschule ein, ein Teil des Kreuzgangs wurde in jenen Zeiten zum Gefängnis, in denen sich hier auch das Amtsgericht befand. Während der Jahre der DDR war im Langen Haus eine Schule und im Kreuzgang ein Schießstand der GST untergebracht. Und einen guten Blick auf die steinernen Jungfrauen hatten die Kinder, die im nun zum Sportraum gewordenen Saal an der Sprossenwand turnten.

Dank des Engagements von Stadt und Klosterverein Rehna ist die ganze Anlage heute wieder ein Schmuckstück – mit Klostergarten, einer Open-Air-Bühne inmitten der einstigen Klausur und viel Kultur. Im kommenden Jahr ist Rehna Korrespondenzort der Ausstellung „Mit Bibel und Spaten“, mit der in Löwen, Magdeburg und Prag 900 Jahre Prämonstratenserorden gefeiert werden. Und aus dem Gästerefektorium ist ein wunderbares Trauzimmer geworden, in dem sich Paare unter den Augen der klugen und der törichten Jungfrauen das Ja-Wort geben. Katja Haescher

Von Brauern und Ackerbürgern

Museum Hagenow zeigt Geschichte der Region – und ein Haus, das selbst Ausstellungsstück ist

Die monochrome Fassade nimmt die Situation zur Entstehungszeit des Hauses auf. Foto: Katja Haescher

Wer kennt das nicht: Da steht ein schönes Haus in der Straße, hundertmal und öfter ist man schon vorbeigegangen. Aber was verbirgt sich hinter der Fassade? Welche Geschichten stecken hinter den Mauern, wer geht hier ein und aus? Denn schließlich sind Geschichten von Häusern immer auch Geschichten von Menschen. In dieser Serie wollen wir gemeinsam mit Ihnen hinter Fassaden blicken. Diesmal in der Langen Straße 79 in Hagenow, wo ein altes Ackerbürgerhaus die Geschichte einer ganzen Region bewahrt.

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erlebte Hagenow einen Bauboom. Einen kleinen zwar, passend zum kleinen Ackerbürgerstädtchen, aber immerhin. In der Hagenstraße entstand 1828 die Synagoge der jüdischen Gemeinde. Und in der Langen Straße ließ sich der Hagenower Christian Jessel im gleichen Jahr ein Haus bauen. Es war ein modernes schmuckes Gebäude, das in unmittelbarer Nähe der Kirche emporwuchs; auf einem Grundstück, das zuvor dem Ackerbürger Weltzien gehört hatte. Ackerbürger war auch Jessel, dessen Familie seit Jahrhunderten in der Stadt ansässig war. Außerdem war er Bierbrauer und Branntweinbrenner und brauchte für diese Profession einen entsprechenden Ort.

Nachdem das Haus, das mit zwei Etagen und einem Lagerboden sehr großzügig ausfiel, fertig war, entstand kurz darauf auch ein Anbau für die Brennerei. Ställe und Speicher auf der Rückseite vervollständigten das Ensemble zu einem ganzen Wirtschaftshof, der über eine große Durchfahrtstür von der Straßenseite erschlossen wurde. „Zum Teil standen diese Gebäude schon auf dem einstigen Kirchhof, der bis 1814 genutzt worden war“, weiß Museumsleiter Henry Gawlick. Und bei allem Respekt für den Tod: Es waren die Bedürfnisse der Lebenden, denen die Aufmerksamkeit des Handwerkers Christian Jessel galt.

Die Wirtschaft florierte – später auch unter Jessels Neffen Friedrich, dem der kinderlose Handwerker Unternehmen und Haus anvertraute. Dieser Friedrich, so hat es Henry Gawlick dem Wanderbuch des Brauers entnommen, muss ein „plietscher Kerl“ gewesen sein. Zweimal machte er sich auf den Weg in die ostbayrische Stadt Amberg, jahrhundertelang der Ort mit den meisten Brauereien in Europa. Bei dem Meister Sebastian Schieferl lernte Friedrich Jessel die bayrische Braukunst kennen und brachte dieses Wissen mit nach Hagenow.

In seinem Haus in der Langen Straße richtete er einen Raum für den Ausschank ein. Hier fanden zudem die Quartalsversammlungen der Zünfte statt. Und auch Fremdenzimmer muss es bei Jessel gegeben haben: So fand hier Orgelbauer Friedrich Friese Logis, wenn er aus Schwerin nach Hagenow kam, um die Kirchenorgel zu warten.
Die Geschichte des Hauses hat auch Eingang in die Geschichte des Museums gefunden. Gerade ist Teil zwei der Dauerausstellung frisch überarbeitet worden und widmet sich dem Handwerksstandort Hagenow mit Erweiterung auf die Griese Gegend.

Das Erbe der Schusterstadt, die Kunst der Waldglasherstellung, dargestellt mit einer hochkarätigen Sammlung, und natürlich das Handwerk des Brauens spielen dabei eine große Rolle. So befindet sich heute in dem Raum, in dem vermutlich Jessels Ausschankstube lockte, die Gaststube des einstigen Hotels „Stadt Hamburg“ in Wittenburg. Sie ist original ausgestattet und von Wirtin Anni, dem Bierlieferanten Fritz und Gast Jochen besetzt, der wieder ordentlich „Döst“ hat. Moderne Technik macht es nämlich möglich, dem Gespräch der drei zu lauschen, das es auf diese oder ähnliche Art bestimmt in so manchem Gastraum gegeben hat.

Moderne Technik ist auch ein gutes Stichwort für das Museum heute. Denn das Alte, um das es hier geht, findet in der Präsentation des 21. Jahrhunderts den Weg zum Betrachter. Seit 1983 befindet sich die 1974 gegründete Einrichtung in der Langen Straße 79. Die Nachfahren des Erbauers Christian Jessel überschrieben damals das Haus an die Kommune und die stadtgeschichtliche Sammlung fand endlich einen passenden Platz.

Seitdem ist das Gebäudeensemble umfassend saniert und auch die zwischenzeitlich geschlossene Hofdurchfahrt des alten Ackerbürgerhauses wieder geöffnet worden. Viel Platz also für Sonderausstellungen, Museumspädagogik und das Eintauchen in die Zeit, die hier nicht erst mit Christian Jessels Hausbau, sondern bereits mit den ersten Siedlungsspuren aus der Steinzeit be­ginnt. Katja Haescher

Stein auf Stein bis zum Himmel

St. Georgen erzählt Baugeschichte vom Mittelalter bis heute – und ist ein Symbol für die Wende

Die Kirche St. Georgen Foto: Katja Haescher

Wer kennt das nicht: Da steht ein schönes Haus in der Straße, hundertmal und öfter ist man schon vorbeigegangen. Aber was verbirgt sich hinter der Fassade? Welche Geschichten stecken hinter den Mauern, wer geht hier ein und aus? Denn schließlich sind Geschichten von Häusern immer auch Geschichten von Menschen. In dieser Serie wollen wir gemeinsam mit Ihnen hinter Fassaden blicken. Diesmal: in der Wismarer Kathedrale St. Georgen, die zu einem Symbol für den Aufbau nach der Wiedervereinigung geworden ist.

Sie wird als „das Wunder von Wismar“ bezeichnet – die Kathedrale St. Georgen oder besser noch gesagt: ihre Rettung. Wer heute auf die Hansestadt zufährt, wird schon von Weitem von ihrem hoch über die Dächer ragenden Schmuckgiebel begrüßt. Kommt man näher, verschmilzt die Kirche mit der Stadt, um beim Spaziergang durch deren gepflasterte Straßen wieder aufzutauchen: hanseatisch schlicht und doch majestätisch.

Im Innern ein sakraler Saal, der Besucher den Kopf in den Nacken legen lässt: Das Hoch, Höher, Am-Höchsten der Gotik steigert sich hier zu einem atemberaubenden Kirchenraum. Nicht zuletzt ist die backsteinerne Schönheit und kulturhistorische Bedeutung von St. Georgen ein wichtiger Aspekt für den ­UNESCO-Welterbestatus Wismars – zusammen mit St. Marien und St. Nikolai.

In der Blütezeit der Hanse entstanden, wurde das 20. Jahrhundert zu einem schicksalhaften für die Georgenkirche. Im April 1945 trafen Bomben das gotische Viertel und seine Kathedralen. Es folgten die Zeit der DDR und damit „40 Jahre ohne Dach“, wie Thomas Junggebauer sagt. Er ist Mitarbeiter im Hochbauamt der Stadt Wismar, die alle drei großen Kirchen in ihrer Verantwortung hat. Bis 1990 war St. Georgen immer weiter zur Ruine verfallen – der Bauschutt im Innern türmte sich zwei Meter hoch. „Keine Dächer, keine Fenster, keine Türen“, bringt Junggebauer den desaströsen Zustand in wenigen Worten auf den Punkt. Als dann 1990 auch noch der Nordgiebel auf die gegenüberliegende Häuserzeile stürzte, war klar, dass die Georgenkirche schnelle Hilfe brauchte.

Der Wiederaufbau, von Wismars damaliger Bürgermeisterin Rosemarie Wilcken mit Herzblut vorangetrieben, wurde zu einem der größten Projekte der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, die mehr als 16,6 Millionen Euro beisteuerte. Der Großteil dieser Summe, mehr als 10,5 Millionen Euro, wurde von der Glücksspirale zur Verfügung gestellt. Damit haben sich in den zurückliegenden 30 Jahren viele weitere Spender, Stifter und Baumeister in das die Jahrhunderte überdauernde Gemeinschaftswerk St. Georgen eingereiht.

Die erste Kirche an dieser Stelle wird bereits 1259 erwähnt. Nur ein halbes Jahrhundert später entsteht der heute noch erhaltene Chor mit der gerade Abschlusswand. „Eine solche Form gibt es in Deutschland vielleicht zehn, zwanzig Mal“, sagt Junggebauer. Interessant, dass einst sogar ein Übergang vom Fürstenhof hierher führte: Der Landesherr, der in St. Georgen den Gottesdienst besuchte, brauchte nicht den Umweg über die Straße zu nehmen.

Jedoch war auch Bau Nummer zwei schnell wieder zu klein. Bereits 1404 wurde St. Georgen noch einmal erweitert – sozusagen „im laufenden Betrieb“. Noch heute fallen einige Stellen auf, an denen Mauern doppelt stehen. „Man hat die alte Kirche weiter genutzt und die neue sozusagen darübergestülpt und erst dann die alte nach und nach zurückgebaut“, erklärt Junggebauer. Fasziniert ist er von der Statik des mittelalterlichen Baus und dessen lebendigem Baustoff, dem Backstein. Die Georgenkirche hat ihren Ursprung in den Tongruben rund um Wismar und zeigt, dass Steine, übereinandergestapelt, bis in den Himmel reichen können.

Ausstattungsstücke im Innern gibt es nicht mehr, die Architektur selbst ist Schmuck genug. So steht dem Auge nichts im Wege, wenn der Blick den 21 Meter hohen Chor durchmisst und das 34,5 Meter hohe Hauptschiff. Für eine leere Kirche gibt es viel zu sehen: Wandmalereien, die aktuell gesichert werden, Grabplatten mit seltenen Schiffsdarstellungen, Fotos und Entwürfe aus der Zeit des Wiederaufbaus, oft auch Ausstellungen. Glanzpunkt ist der Turm, auf dem in 35 Metern Höhe eine Aussichtsplattform lockt und die Stadt den Besuchern zu Füßen liegt. Die gotische Kathedrale St. Georgen nimmt jeden mit nach ganz oben. Katja Haescher

 

Signalgeber für sichere Fahrt

Seit 1872 grüßt der Leuchtturm in Timmendorf

Der Leuchtturm in Timmendorf auf der Insel Poel gehört zu den ältesten an der mecklenburgischen Ostseeküste. Foto: Haescher

Wer kennt das nicht: Da steht ein schönes Haus in der Straße, hundertmal und öfter ist man schon vorbeigegangen. Aber was verbirgt sich hinter der Fassade? Welche Geschichten stecken hinter den Mauern, wer geht hier ein und aus? Denn schließlich sind Geschichten von Häusern immer auch Geschichten von Menschen. In dieser Serie wollen wir gemeinsam mit Ihnen hinter Fassaden blicken. Diesmal: im Leuchtturm in Timmendorf, der zu den ältesten an der Mecklenburgischen Ostseeküste gehört.

Blinken im Gleichtakt. Drei Sekunden hell, drei dunkel. So schickt der Leuchtturm in Timmendorf auf der Insel Poel sein Licht in die Nacht. Der 21 Meter hohe Turm gehört zu den ältesten Bauwerken seiner Art an der mecklenburgischen Ostseeküste – auch wenn er zum Zeitpunkt seiner Entstehung noch gar nicht so hoch strebte. Aber dazu später mehr.

Tau‘n Lüchttorm. Für Urlauber klingt schon dieser Straßenname verheißungsvoll. Und lange brauchen sie auch nicht zu suchen, denn die rote Turmlaterne leuchtet schon von weitem. Was für die einen ein Fotomotiv mit maritimem Flair ist, ist für andere ein wichtiger Signalgeber. „Die Ansteuerung des Seehafens Wismar ist mit vielen Kursänderungen verbunden und gerade deshalb ist dieser Leuchtturm so wichtig“, erklärt Mario Fröhlich. Er ist Leiter des Außenbezirks Wismar beim Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt Lübeck, in dessen Verwaltung sich der Leuchtturm befindet. Besonders die Untiefen „Hannibal“ und „Lieps“ sind in diesem Bereich tückisch – so tückisch, dass Lotsen bei diesigem Wetter manchmal auch tagsüber in der Verkehrszentrale Travemünde darum bitten, den

Turm zuzuschalten. Von Travemünde aus wird er nämlich fernüberwacht.
Davon konnten die Feuerwärter früherer Jahre nur träumen. Sie lefen täglich treppauf und treppab, um die Petroleumlampe zu füllen, das Feuer in Gang zu halten, die Linsen zu putzen. Am 1. Oktober 1872 schickte der Leuchtturm erstmals sein Licht in die Wismarbucht. Neben dem massiven Turm, der eine hölzerne Spierenbake ersetzte, entstand auch das Lotsenhaus, aus dem das Leuchtfeuer aufragte. Allerdings nicht hoch genug, denn bereits 1930 setzte sich der nautische Verein Wismar für eine Aufstockung ein. Der Leuchtturm erhielt vier weitere Meter – jenen Bereich, der heute als unverputztes Ziegelwerk sichtbar ist.

„Je höher der Turm, umso weiter ist auch das Licht zu sehen“, nennt Fröhlich den Hintergrund des Höhenrauschs. Rund 30 Kilometer schafft der Leuchtturm in Timmendorf, der als Leit- und Quermarkenfeuer Schiffen den richtigen Weg weist. Das sind rund 16 Seemeilen.

Leuchttürme gab es übrigens schon in der Antike, der wohl bekannteste ist der um 300 vor Christus entstandene Pharos von Alexandria. Sein Name besteht in der Bezeichnung eines Leuchtturms in den romanischen Sprachen fort – sei es nun beim französischen „phare“, dem „faro“ aus dem Spanischen und Italienischen oder dem portugiesischen „farol“. Und die seit alters her einen festen Platz in der Technik- und Verkehrsgeschichte innehabenden Meisterwerke werden auch in Zeiten moderner Navigationsgeschichte nicht weichen. „Leuchttürme als visuelle Schifffahrtszeichen bilden eine zweite Rückfallebene bei einem Blackout“, erklärt Mario Fröhlich. Außerdem würden viele Schiffe aus Finnland, Russland und dem Baltikum, die mit Holzlieferungen in Richtung Wismar unterwegs seien, noch mittels herkömmlicher Technik navigieren. Ohne Leuchttürme ist da nichts zu machen.

Und so werden Urlauber und Seefahrer den Timmendorfer „Lüchttorm“ weiter blinzeln sehen. Einmal im Jahr ist dann „Open Leuchtturm“ – organisiert zusammen mit der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger. Katja Haescher

Einkehr an der Himmelspforte

Das alte Zisterzienserinnenkloster am Schaalsee in Zarrentin ist ein Schatz für eine ganze Region

Der Ostflügel, vom Schaalsee aus gesehen Fotos: K. Haescher

Wer kennt das nicht: Da steht ein schönes Haus in der Straße, hundertmal und öfter ist man schon vorbeigegangen. Aber was verbirgt sich hinter der Fassade? Welche Geschichten stecken hinter den Mauern, wer geht hier ein und aus? Denn schließlich sind Geschichten von Häusern immer auch Geschichten von Menschen. In dieser Serie wollen wir gemeinsam mit Ihnen hinter Fassaden blicken. Diesmal: im Zisterzienserinnenkloster in Zarrentin, das zu einer Zeitreise ins Mittelalter einlädt.

Aufstehen um 1 Uhr zur Vigil, dem Nachtgebet. Ein Tag voller Verpflichtungen, mit Meditation, Konventsgottesdienst und dem Kapitel, einer Lesung aus den Ordensregeln der Zisterzienser. Beten fürs eigene Seelenheil und für das anderer: Eine Zisterziensernonne hatte im Mittelalter ein straffes Pensum. Und doch war das Kloster in Zarrentin in dieser Zeit kein schlechter Ort zum Leben: am Hang über dem Schaalsee gelegen, mit Einkünften aus Fischerei und Grundbesitz, in dem das täglich Brot auf dem Tisch stand.

Die Geschichte dieses Ortes reicht bis in die Zeit der Ostexpansion unter Heinrich dem Löwen zurück. Dieser übertrug seinem Vasallen Gunzelin von Hagen die neu gebildete Grafschaft Schwerin und Gunzelin III., ein Enkel des Schweriner Grafen, und seine Mutter Audacia stifteten 1246 das Kloster. Der Bedarf an religiöser Sorge war da – vor allem, nachdem 1284 eine Gräfin aus der Familie im Kloster bestattet worden war.

Weitere Familienmitglieder folgten und auch aus diesem Grund wurde die Anlage in den darauffolgenden Jahren immer ansehnlicher: Was anfangs eine kleine Ansiedlung an der bereits seit 1194 existierenden hölzernen Zarrentiner Pfarrkirche gewesen war, wuchs bis 1300 zu einem repräsentativen Bau. Es entstanden der östliche Klausurflügel, der heute noch besichtigt werden kann, sowie der südliche und der nördliche Kreuzgang. Auch die Kirche wurde umgebaut, der Chor dabei um mehr als das Doppelte erhöht. Außerdem entstanden Wandmalereien, die Szenen aus dem Alten und Neuen Testament zeigen: Kain erschlägt Abel, Christus thront als Weltenrichter, Maria wird als Himmelskönigin gekrönt.

Auch nach der Ansiedlung des Klos­ters behielt die Kirche ihre Funktion als Pfarrkirche. Die Nonnen be­traten das Gebäude durch eine Tür an der Südwand, um auf ihrer Empore sitzend an den Gottesdiensten teilzunehmen.
Das Konvent in Zarrentin war eine illustre Gesellschaft. Die Schwes­tern entstammten dem Adel, ja sogar dem Hochadel: So trat 1282 auch die dänische Prinzessin Margarete, eine Enkeltochter Waldemars II., in das Kloster ein.
War das Kloster bereits bei seiner Gründung mit 60 Hufen Land ausgestattet worden, erhielt es durch Schenkungen und Besitzübernahmen beim Eintritt neuer Insassinnen weitere Güter und Einnahmequellen. Nur: Verwalten durften die Schwestern sie nicht. Dafür wurde 1258 ein Propst ernannt, weil Frauen im Mittelalter als nicht vollständig rechtsfähig galten.

Mit der Reformation wurde das Kloster säkularisiert und in einen herzoglichen Wirtschaftsbetrieb umgewandelt. Der nördliche, westliche und südliche Kreuzgang wurden – weil stark verfallen – abgetragen. In den Folgejahren was das einstige Klostergebäude Brauhaus und Kornhaus, Amtsgebäude mit Gerichtssaal und Jugendherberge. Zu DDR-Zeiten wurde das einstige Dormitorium der Nonnen in der östlichen Klausur wieder zu „Schlafräumen“ – hier entstanden Wohnungen. „Das ganze Haus war verputzt und ähnelte mehr einem Wohnblock“, sagt Natalie Niehus von der Tourist-Information der Stadt Zarrentin. Als dann nach der Wende laut über einen Verkauf des Klosters nachgedacht wurde, starteten die Zarrentiner eine Unterschriftenaktion mit dem Ziel, die Gebäude für die Stadt zu erhalten.

Das ist gelungen: Zwischen 2003 und 2006 wurde das Kloster umfassend saniert. Ergebnis ist ein kulturhistorisches Juwel, eine Anlage, die die Stadt Zarrentin als Amtssitz, Museum, Bibliothek und Veranstaltungsort nutzt. Besucher können heute den Kreuzgang mit kunstvoll gestalteten Schlusssteinen in der nördlichen Klausur bewundern, den Kapitelsaal mit vierjochigem Gewölbe und mittelalterlicher Fußbodenheizung, die Malereien in der Kirche und natürlich den wundervollen Blick auf den See. Mehr als 100 Trauungen finden hier jährlich statt.

Dies und noch viel mehr ist im Vergleich zur Zeit der Bewohnerinnen, die der Ehe entsagten, anders geworden. Eines jedoch hat sich nie geändert: Hier am Kloster „Himmelspforte“, wie der Papst es 1255 in seinem Schutzbrief nannte, mit Blick auf den Schaalsee, befindet sich ein kleines Paradies. Katja Haescher

Mecklenburgs Pentagon

Die Festung Dömitz ist die einzige vollständig erhaltene Renaissancefestung Norddeutschlands

Der Festungsgraben ist heute ein Paradies für Tiere und Pflanzen. Foto: Katja Haescher

Wer kennt das nicht: Da steht ein schönes Haus in der Straße, hundertmal und öfter ist man schon vorbeigegangen. Aber was verbirgt sich hinter der Fassade? Welche Geschichten stecken hinter den Mauern, wer geht hier ein und aus? Denn schließlich sind Geschichten von Häusern immer auch Geschichten von Menschen. In dieser Serie wollen wir gemeinsam mit Ihnen hinter Fassaden blicken. Diesmal: in der Festung Dömitz, der einzigen vollständig erhaltenen Festung aus der Renaissance in Norddeutschland.

Wie ein Stern, der seine Zacken ins Grüne streckt, liegt die Festung Dömitz am Ufer der Elbe. Fünf Spitzen sind es, die sich beim Näherkommen als fünf Bastionen erweisen und die den Festungsbau zu Mecklenburgs Pentagon machen. Zur reizvollen Lage und architektonischen Harmonie kommt die historische Bedeutung der einzigen vollständig erhaltenen Renaissancefestung Norddeutschlands. Wallenstein war hier, die Pappenheimer und Fritz Reuter, wenngleich nicht freiwillig. Doch dazu später mehr.

Ist die Festung je erobert worden? Museumsleiter Jürgen Scharnweber kennt diese Frage. Sie drängt sich ja auch auf, denn angesichts von Fes­tungsgraben, Wällen und Kasematten scheint es unvorstellbar, dass dieses Bollwerk nicht standgehalten hat. Doch auch die Mauern der Festung Dömitz wurden im Sturm genommen. Vor allem während der 30-Jährigen Krieges im 17. Jahrhundert erlebten die hier stationierten Soldaten und auch die Einwohner der Stadt eine schwere Zeit. Die Besatzer wechselten immer wieder, schwedische Truppen zogen ein, genauso wie kaiserliche unter Tilly und Wallenstein.

Damals war das Bauwerk noch keine 100 Jahre alt. Herzog Johann Albrecht zu Mecklenburg hatte es an dem strategisch wichtigen Punkt in Elbnähe vermutlich an der Stelle einer älteren Burg bauen lassen – zur Sicherung der mecklenburgischen Grenze und der Zollhebestelle, in der mit dem Elbzoll eine lukrative Einnahmequelle des Fürs­tenhauses sprudelte.

Der Bau – zwischen 1559 und 1565 errichtet – gehörte im 16. Jahrhundert zum Modernsten, was die Fortifikation zu bieten hatte. In dieser Kunst, Befestigungsanlagen zu bauen, waren zu dieser Zeit die Italiener besonders versiert. Der Herzog hatte den Baumeister Francesco Bor­nau aus Brescia bei Mailand verpflichtet, der neben dem Know-how auch einen Trupp Arbeiter aus Italien mitbrachte. Die für die Anlage benötigten Ziegel wurden bei Feldbränden neben der Baustelle hergestellt. Nach dem Erdaushub begann der Bau der Kasematten, mit Erde bedeckter Gewölbe, in denen wie auf den Bastionen Kanonen standen. „Diese konnten jeden Bereich um die Festung unter Feuer nehmen, es gab keinen toten Winkel“, nennt Jürgen Scharnweber eine der aus militärischer Sicht bedeutsame Neuerung dieser Bauweise.

Die Kasematten können noch heute besichtigt werden. In den Gebäuden im Festungsring sind Ausstellungen untergebracht: das Museum in der Hauptwache, im Zeughaus eine Schau des Biosphärenreservats Flusslandschaft Elbe und eine zur Geschichte der Elbbrücken, ein alter Kolonialwarenladen in der Kommandentenremise.

Aktuell saniert wird das Kommandantenhaus, das im Lauf der Historie auch mal zum Schloss avancierte: Herzog Karl Leopold verlegte während der Reichsexekution seinen Regierungssitz nach Dömitz – nur eine von vielen Geschichten, die Gäste hier erfahren. Eine weitere ist die des Stock- und Tollhauses, die eine unrühmliche Episode des Umgangs mit behinderten Menschen erzählt. Die „Irren“ – so der damalige Sprachgebrauch – wurden auf der Festung unter unwürdigen Bedingungen eingesperrt – zum Teil bewacht von Insassen des Gefängnisses und deren Grausamkeiten ausgeliefert.

Heute zählt die Festung jedes Jahr rund 30.000 Besucher. Seit 1953 ist hier ein Museum, das sogar die Zeit bis 1973 überstand, in der Dömitz zum Sperrgebiet gehörte und niemand ohne Passierschein in die Stadt kam. Ein wichtiger Grund dafür war der Name Fritz Reuter: Der niederdeutsche Schriftsteller hatte in Dömitz das letzte Jahr seiner Fes­tungshaft verbracht, zu der er wegen „Hochverrats“ verurteilt worden war. 1840 erreichte ihn hier eine Amnestie. Zahlreiche Ausstellungsstücke erinnern an den Aufent­halt Reuters – an historischer Stelle in der Hauptwache, in deren Obergeschoss er untergebracht war.

Und von so viel Historie einmal abgesehen gibt es noch etwas, was sich Besucher auf keinen Fall entgehen lassen sollten: den Blick auf die Elbe von der Bastion „Drache“. Katja Haescher

Das Glück ist manchmal schief

Mit dem Parchimer Giebelhaus konnte ein bedeutendes Baudenkmal gerettet werden

Straßenseite zum Marstall: Hier sind die alten Inschriften interessant. Foto: Katja Haescher

Wer kennt das nicht: Da steht ein schönes Haus in der Straße, hundertmal und öfter ist man schon vorbeigegangen. Aber was verbirgt sich hinter der Fassade? Welche Geschichten stecken hinter den Mauern, wer geht hier ein und aus? Denn schließlich sind Geschichten von Häusern immer auch Geschichten von Menschen. In dieser Serie wollen wir gemeinsam mit Ihnen hinter Fassaden blicken. Diesmal: im Giebelhaus in Parchim, das zu den ältesten Fachwerkhäusern Mecklenburgs gehört.

Schief. Das ist ein Wort, das Betrachtern beim Anblick dieses Hauses schnell in den Sinn kommt.So, als hätte jemand von außen kräftig gerüttelt, um rechte Winkel zu vermeiden – Winkel, die der Schweifgiebel ohnehin nicht assoziiert. Innen setzt sich der Eindruck fort. Viele der alten Wände biegen sich hinter Schränken und Regalen zurück und mancher neue Türrahmen ist oben tiefer als unten – und umgekehrt. Trotzdem ist Marko Schirrmeister glücklich, wenn er in dem frisch sanierten Gebäude steht. Der Geschäftsführer der Lewitz Werkstätten gGmbH spricht von einem positiven Zusammentreffen: „Ein Haus, das dem Verfall preisgegeben war, konnte gerettet werden und bekommt eine soziale Nutzung, die die Gesellschaft stark macht.“

Es war Ende 2016, als die Idee reifte, das Giebelhaus für die Lewitz-Werkstätten herzurichten. Die Wohnungsbaugesellschaft Parchim (Wobau) kaufte das denkmalgeschützte Gebäude von der Stadt und sanierte es unter Berücksichtigung des historischen Werts und für die Bedürfnisse des Mieters. Baubeginn war im Herbst 2018, jetzt sind die ersten Bewohner zweier Wohngruppen eingezogen, die in dem Komplex ein Zuhause finden werden.
Ein neues Zuhause für 18 behinderte Menschen und die Rettung eines prägenden Einzeldenkmals für die Stadt:

Das zwischen 1601 und 1604 errichtete Giebelhaus gehört zu den herausragendsten Beispielen dieses Haustyps in Mecklenburg-Vorpommern. Als zu Beginn des 17. Jahrhunderts der Parchimer Ratsherr Johann Busse sein Bauprojekt gegenüber dem Rathaus quasi als Spiegelbild desselben abschloss, untermauerte er damit vor den Augen der Stadtbevölkerung auch einen Repräsentationsanspruch. In dem so genannten Längsdielenhaus nahm die Diele auf der Höhe von zwei Geschossen die komplette Länge des Hauses ein. Hier spielte sich das Leben ab – außer fürs Schlafen war dies der Raum für alle Lebenslagen. Dennoch markiert das Giebelhaus bereits den Übergang zu einer neuzeitlicheren Wohnweise mit unterschiedlichen Nutzungen von unterschiedlichen Räumen.

Etwa 100 Jahre blieb der repräsentative Bau im Besitz der Busses. Nach dem Verkauf gelangte es in die Hände des Gewürz- und Weinhändlers Joachim Brasche und erhielt seinen ersten Umbau. Die Diele im Innern wurde aufgegeben und durch eine Zwischendecke unterteilt, mehrere kleine Räume entstanden. Der Las­tenaufzug wanderte nach außen, an der Traufseite zum Marstall entstand dafür eine Ladegaube.

Weitere Kaufleute folgten in der Reihe der Besitzer. Dem Haus war davon äußerlich nichts anzumerken – bis nach wiederum 100 Jahren ein Mann namens Friedrich Wilhelm Dankert erneut merkbar in die Bausubstanz eingriff. Dankert ließ die Fenster im Giebel vergrößern, vereinheitlichen und symmetrisch anordnen. Zeitgenössische Fotos zeigen, dass er sich dabei recht genau an das historische Vorbild hielt. Trotzdem stammt der Renaissancegiebel des Hauses streng genommen aus den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts.

Um Backsteine im alten Format nutzen zu können, ließ der Bauherr diese vermutlich sogar anfertigen. Nur einmal verließ Dankert die historische Sorgfalt – nämlich, als er die Jahreszahl 1310 im Mauerwerk platzierte. Auf der Grundlage eines 1882 entstandenen Aufsatzes über die Geschichte von Parchim war Dankert nämlich von einem viel älteren Erbe ausgegangen – einem, das Fürst Nikolaus II. von Werle hatte erbauen lassen. Ein Irrtum, den moderne dendrochronologische Untersuchungen aufklären können. Denn das in dem Haus verbaute Eichenholz – übrigens von bester Qualität – war zwischen 1599 und 1603 gefällt worden.

Diese ursprüngliche Fachwerk­kons­truktion ist heute fast vollständig erhalten und nur ein Indiz für den kunsthistorischen Wert des Gebäudes. Als nach abermals 100 Jahren die nächste Sanierung anstand, war es deshalb eine Herausforderung, das Haus in allen seinen Facetten zu erhalten und trotzdem behindertengerecht zu erschließen. Das gelingt mit einem „Komplex Giebelhaus“: Hinter dem Gebäude aus dem 17. Jahrhundert reihen sich eines aus dem 19. Jahrhundert, das ebenfalls saniert wurde, und ein Neubau.

Hier befindet sich ein Fahrstuhl, der alle drei Gebäude zugänglich macht. Und so kommen am Ende lauter Vorteile zusammen, die für Marko Schirrmeister den Reiz des Standorts ausmachen: Bus­halte­stelle vor der Tür, Parkplätze hinterm Haus, Cafés und Einkaufsmöglichkeiten um die Ecke … Dass der historische Charme des Giebelhauses auch die neuen Bewohner fasziniert, freut ihn dabei sehr. Als erste Zimmer waren nämlich die im ältesten Gebäudeteil vergriffen.

Das Haus soll aber auch darüber hinaus zu einem sozialen Zentrum in Parchims Innenstadt werden. Ins Parterre ist die Lebenshilfe eingezogen, außerdem soll dort eine Begegnungsstätte für geistig-behinderte Menschen im Ruhestand ihren Platz finden. Katja Haescher

Zwischen Himmel und Erde

Balkonien ist überall: Schönste Balkone in Westmecklenburg gesucht

Balkone in Ludwigslust Foto: Rainer Cordes

Wer kennt das nicht: Da steht ein schönes Haus in der Straße, hundertmal und öfter ist man schon vorbeigegangen. Aber was verbirgt sich hinter der Fassade? Welche Geschichten stecken hinter den Mauern, wer geht hier ein und aus? Denn schließlich sind Geschichten von Häusern immer auch Geschichten von Menschen. In dieser Serie wollen wir gemeinsam mit Ihnen hinter Fassaden blicken. Oder in diesem Fall besser gesagt davor: auf den Balkon. Nicht auf einen bestimmten, sondern den Balkon im Allgemeinen, der mehr ist als ein paar Quadratmeter vor der Hauswand.

Zu Hause bleiben. So lautet aktuell der Leitspruch, der für jeden von uns eine besondere Herausforderung bedeutet. Wer einen Balkon besitzt, wird ihn jetzt besonders lieben. Denn egal, wie klein der Freisitz ist: Die Möglichkeiten darauf sind nahezu unbegrenzt. Zeit also für eine kleine Kulturgeschichte des Balkons.

Die Definition im Duden klingt etwas unromantisch: „Vom Wohnungsinnern betretbarer offener Vorbau, der aus dem Stockwerk eines Gebäudes herausragt“. Dabei ist ein Balkon ungleich viel mehr. Man kann sich darauf sonnen, gärtnern, Gummihühner halten, in die Sterne gucken, am Computer sitzen, Cocktails schlürfen, Wäsche trocknen, tafeln, Urlaub machen –„Balkonien“ ist fast schon ein geflügeltes Wort. Auch die Gestaltungsmöglichkeiten sind unbegrenzt. Der eine hat den Gartenzwerg im Blumenkasten, der andere den Bierkasten unter der Balustrade. Der eine pflegt hingebungsvoll seine Tomatenpflanzen, während ein anderer die Gummipalme aufbläst und sich frei von gärtnerischen Verpflichtungen der Erholung widmet.

Die ersten Balkone enstanden vermutlich bereits vor Christi Geburt. Der sumerische Stadtfürst Gudea, ein leidenschaftlicher Bauherr, soll vor 4000 Jahren seinen Palast damit geschmückt haben. Spätestens mit dem Repräsentationsdrang des Bürgertums sprossen Balkone an zahlreichen Fassaden. Denn der Austritt in der Höhe war immer auch eine Demonstration von Macht und Bedeutung. Der Papst, die Queen, der FC Bayern München, sie alle sind regelmäßig auf dem Balkon zu sehen. Denn der zeigt sehr schön, wo oben und wo unten ist.

So bedeutungsgeladen hat der Balkon natürlich auch in der Literatur einen Platz. Astrid Lindgrens Pippi Langstrumpf hat ihr Pferd darauf untergebracht und das Liebesgeflüs­ter von Romeo und Julia ist als „Balkonszene“ in die Geschichte eingegangen. Zwar fällt dieses Wort bei Shakespeare gar nicht, der von „Julia am Fenster“ schreibt. Und auch der so berühmte Balkon an der „Casa di Giulietta“ in Verona ist eine Fälschung. Wahrscheinlich hatten die Veroneser irgendwann keine Lust mehr, das Nichtvorhandensein dieses Orts zu erklären und nahmen kurzerhand einen antiken Sarkophag, um ihn an die Wand des Julia-Hauses zu montieren – passt, sieht gut aus und wenn‘s auch falsch ist: Den Verliebten ist‘s egal.

Heute sind Balkone aus dem Gesicht von Städten nicht mehr wegzudenken. Einige der schönsten Exemplare befinden sich oft an Rathäusern: Ludwigslust, Hagenow, Wismar, Neustadt-Glewe, überall Balkone. In der dörflichen Architektur spielt er weniger eine Rolle, hier wurde kein Freisitz vor der Hauswand gebraucht. Lediglich Gutshäuser wurden gern mit repräsentativen Balkonen geschmückt – die Sache mit dem Oben und dem Unten spielte auch hier eine wichtige Rolle.

Und apropos repräsentieren: Gingen die fürs Gesehenwerden be­nö­tig­ten Balkone früher naturgemäß zur Straßenseite, sind bei Stadtbewohnern von heute die Freisitze nach hinten, wenn möglich Süd­seite, beliebt. Blühende Mini-Oasen sind nicht zuletzt Schnell-Res­taurants für viele Insekten und leisten einen nicht zu unterschätzenden Beitrag zur Erhaltung der Artenvielfalt.

Die allerbeste Balkonzeit ist jetzt. Alles ist frisch bepflanzt und das große Wachsen und Blühen be­ginnt. Wo sind die schönsten Balkone in Westmecklenburg? Schicken Sie uns gern ein Foto von Ihrem Lieblingsplatz an redaktion@
journal-eins.de. Katja Haescher

Das Kloster am See

In Dobbertin jährt sich in diesem Jahr die Gründung des Konvents zum 800. Mal

Die einzige doppeltürmige Kirche Mecklenburgs steht in Dobbertin. Foto: Katja Haescher

Wer kennt das nicht: Da steht ein schönes Haus in der Straße, hundertmal und öfter ist man schon vorbeigegangen. Aber was verbirgt sich hinter der Fassade? Welche Geschichten stecken hinter den Mauern, wer geht hier ein und aus? Denn schließlich sind Geschichten von Häusern immer auch Geschichten von Menschen. In dieser Serie wollen wir gemeinsam mit Ihnen hinter Fassaden blicken. Diesmal im Kloster Dobbertin, das in diesem Jahr 800 Jahre Geschichte feiert.

Es war im Jahr 1220, als Benediktinermönche am Ufer des Jawir-Sees ein Kloster gründeten. Lange blieben sie nicht: Schon zwischen 1231 und 1234 folgten Nonnen des gleichen Ordens und übernahmen bereits einige Bauten und ein kleines Bethaus. Im Laufe der Zeit wuchs daraus eine Anlage, die zu den am besten erhaltenen Klöstern im Land zählt. Und so sind es heute 800 Jahre Mecklenburger Geschichte, die hier geschrieben wurden. Aufmüpfige Nonnen und tugendhafte Damen, Küchenmeister und Hexen, der Dichter Fontane und viele andere spielten darin eine Rolle.

Ora et labora. Bete und arbeite. Diese Säulen bestimmten den Tages­ablauf. Fürs Gebet und den Gottesdienst entstand im 13. Jahrhundert eine Kirche mit Empore. Dort versammelten sich die Benediktinerinnen bereits in aller Frühe zum Morgenlob – auch deshalb schloss sich unmittelbar das Dormitorium, der Schlafsaal, an. Die Oberkirche verfügte über einen eigenen Altar und ein eigenes Chorgestühl. Beides ist nicht erhalten. Ans Mittelalter erinnern hier heute neben der Gliederung nur noch einige Fugenmalereien.

Angesichts einer zugemauerten Tür erzählt Klosterführer Horst Alsleben, der hier viele Jahre als verantwortlicher Bauleiter tätig war, eine besondere Geschichte. Als in Zeiten der Reformation den Klöstern Säkularisierung drohte, wollten sich die Dobbertiner Nonnen damit nicht abfinden. Eine herzogliche Visitationskommission, die für die Durchsetzung der neuen Lehre sorgen sollte, empfingen sie mit Steinwürfen und Wassergüssen von der Empore. Die Tür zwischen Dormitorium und Kirche wurde daraufhin zugemauert. Trotzdem dauerte der „Nonnenkrieg“ mehrere Jahre und so manche Kommission musste unverrichteter Dinge abziehen, während die Schwestern längst wieder die Horen sangen.

1572 war damit Schluss. Das Klos­ter wurde in ein „evangelisches Damenstift zur christlichen Auferziehung inländischer Jungfrauen“ umgewandelt. Inländisch bedeutete mecklenburgisch – und wieder ist es die Empore, die von dieser Geschichte erzählt. Aktuell wird hier gebaut, aber nach Fertigstellung der Oberkirche werden mehr als 150 aus Zinn gefertigte Wappen an der Wand in altem Glanz erstrahlen. Sie sind ein „Who ist Who“ der mecklenburgischen Adelsfamilien, die ihre Töchter in Dobbertin unterbrachten. Auch ein Kanzelaltar und Adelslauben aus dem 18. Jahrhundert sind hier erhalten.

Viel gibt es noch zu sehen. Den Kreuzgang mit jahrhundertealten Grabplatten. Das Refektorium, später Teil der Wohnung der Kloster­dame und Fontane-Freundin Mathilde von Rohr, die den Dichter hier auch zu Gast hatte. Gefängniszellen, in denen der Hexerei Beschuldigte und andere Delinquenten bis zu ihren Prozessen schmorten. Die Wohnhäuser der Damen und die Häuser von Klosterhauptmännern und Küchenmeistern. Letztere waren Geschäftsführer und Finanz­beamte des Klosters, das im 19. Jahrhundert zu den größten Wirtschaftsunternehmen Mecklenburgs zählte – mit Land- und Forstwirtschaft, Handwerk und Betrieben.

Heute ist die Anlage Sitz des Diakoniewerks Kloster Dobbertin. Hier leben, lernen und arbeiten behinderte Menschen, deren Privatsphäre Touristen bei ihren Besuchen akzeptieren müssen. Davon abgesehen ist viel Raum für ein harmonisches Miteinander. Spazierwege am wunderschönen See, jahrhundertealte Bäume und die Kloster­gastronomie laden ein. Am liebsten, so schrieb Fontane, wäre er alle sechs Wochen nach Dobbertin gereist: „… um die verbrauchten Nerven durch Ruhe, frische Luft und Rotwein wiederherzustellen“. Katja Haescher

Wo der Bergfried grüsst

In Neustadt-Glewe lockt Mecklenburgs älteste Wehrburg zum Spaziergang durch die Geschichte

Die Burganlage entstand um 1300, der Turm kam im 15. Jahrhundert dazu. Foto: Katja Haescher

Wer kennt das nicht: Da steht ein schönes Haus in der Straße, hundertmal und öfter ist man schon vorbeigegangen. Aber was verbirgt sich hinter der Fassade? Welche Geschichten stecken hinter den Mauern, wer geht hier ein und aus? Denn schließlich sind Geschichten von Häusern immer auch Geschichten von Menschen. In dieser Serie wollen wir gemeinsam mit Ihnen hinter Fassaden blicken. Diesmal: in Neustadt-Glewe, wo Mecklenburgs älteste Wehrburg thront.

Vom Graben ist nur ein kleiner Teich geblieben. Hier raschelt das Schilf, während gleich nebenan die Flügel der schweren Holztür weit offen stehen: Die alte Burg in Neustadt-Glewe ist heute ein einladender Ort. Und trotzdem: Angesichts von Bergfried und Wehrgängen, meterdicken Mauern und Schießscharten braucht es nicht viel Phantasie, um zurück in die Blütezeit dieses Orts zu reisen.
Die begann nach der Ostexpansion unter Heinrich dem Löwen im 13. Jahrhundert. Damals ging es heiß her an der südöstlichen Grenze der jungen Grafschaft Schwerin. Ein Verteidigungsstützpunkt war vonnöten, um das Territorium zu sichern. Um 1300 entstand das rechteckige Burgareal, dem vermutlich schon ein weiterer Bau vorausgegangen war.

Zwei Längshäuser, der Bergfried und die nördliche Wehrmauer haben die Zeiten überdauert – das macht das Ensemble zu einer der besterhaltenen Burgen Mecklenburgs. Wenn Museumsleiterin Britta Kley heute Besucher mit auf die Zeitreise nimmt, führt der Weg zuerst ins Neue Haus. Wie der Name verrät, ist es das jüngere der beiden Längshäuser. Es entstand in der Mitte des 15. Jahrhunderts und wurde als Wohnhaus genutzt. Klarer hervor tritt die Aufteilung im  16. Jahrhundert dank eines Inventars von 1576, das die herzoglichen Gemächer im Obergeschoss beschreibt. Im Erdgeschoss befand sich eine große Hofstube, in der man zu Beratungen, zum Essen und nach erfolgreicher Jagd zusammen kam. Auf letzteres weist ein Fries mit Jagdszenen hin, dessen Fragmente heute noch zu sehen sind. Und hier entdeckte Bärenknochen mit Schnittspuren sind ein Indiz, dass fürstlich geschmaust wurde.

Die Burg befand sich zu diesem Zeitpunkt im Besitz der Herzöge von Mecklenburg. Albrecht II. hatte sie 1358 von den Erben der Grafschaft Schwerin erworben. Allerdings war Neustadt-Glewe keine Residenz – die Herrschaften nutzten den Ort zum Beispiel während ihrer Jagdausflüge in die Lewitz. Das bedeutete jedoch nicht, dass sie auf Bequemlichkeiten verzichten wollten. Davon erzählt eine mittelalterliche Fußbodenheizung, die unterhalb der Hofstube im Neuen Haus entdeckt wurde. Sie stammt aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts, konnte von außen befeuert werden und entließ die Wärme über Öffnungen im Boden in den Saal. Heute geben begehbare Glasscheiben einen Blick darauf frei.

Wärme war auf der Burg ein kostbares Gut. Das erfahren Besucher auch im Obergeschoss, wo eine Ausstellung Auskünfte über den Alltag gibt. Der war alles andere als romantisch: „Ruß und Gestank, Dunkelheit, Zugluft und Kälte, Ratten, Mäuse, Läuse und Flöhe gehörten dazu“, zählt Britta Kley auf. Ob Herzog Adolf Friedrich I. deshalb 1618 den Bau eines Schlosses gleich gegenüber in Auftrag gab? Fest steht, dass es gut 100 Jahre dauerte, bis mit Christian Ludwig II. ein Mitglied des Herrscherhauses hier einzog. Gut zwei Jahrzehnte später, 1750, wurde das Neue Haus zum Marstall umgebaut.

Fast 300 Jahre zuvor hatte die Burg noch einmal aufgerüstet. Im 15. Jahrhundert entstanden Bergfried, Wehrmauern und Zinnen. 28 Meter misst der Turm von der Sohle des Verlieses bis zur Spitze und die zwei bis drei Meter dicken Mauern scheinen zu sagen: Rein gehts hier nur mit Einladung. Oder mit Anklage: In dem acht Meter tiefen Verlies, dessen einziger Zugang eine Luke in der Decke – das so genannte Angstloch – ist, sollen der Hexerei beschuldigte Frauen und Männer bis zu ihren Prozessen geschmachtet haben. „Bis ins 18. Jahrhundert wurden Menschen in Neustadt-Glewe und Umgebung öffentlich auf dem Scheiterhaufen verbrannt“, erzählt Britta Kley aus einem dunklen Kapitel der Geschichte.

Wesentlich beschwingter ging es in dem im 16. Jahrhundert aufgesetzten Wohngeschoss des Turms zu. Verteidigung spielte jetzt keine Rolle mehr. Davon zeugen große Fens­ter mit Vorhangbögen, in deren Nischen man Platz nahm, plauderte und auf die liebliche Landschaft zu Füßen des Turms schaute – echte Burgromantik eben. Ein Kamin und ein Abort-Erker sorgten zusätzlich für Komfort.

Und so erzählt Neustadt-Glewes Burg die Geschichte eines Landstrichs genauso wie die der Menschen, die hier zu Hause waren. Eine gut aufbereitete Ausstellung macht das Entdecken auf eigene Faust leicht. Wer eine Führung wählt, erfährt zusätzlich manch spannende Anekdote. Katja Haescher

Ein Haus vom Feinsten

Willkommen bei Schabbells: Im stadtgeschichtlichen Museum Wismar ist das Gebäude Exponat

Das Schabbellhaus mit dem gedrehten Giebel Foto: Christoph Meyer

Wer kennt das nicht: Da steht ein schönes Haus in der Straße, hundertmal und öfter ist man schon vorbeigegangen. Aber was verbirgt sich hinter der Fassade? Welche Geschichten stecken hinter den Mauern, wer geht hier ein und aus? Denn schließlich sind Geschichten von Häusern immer auch Geschichten von Menschen. In dieser Serie wollen wir gemeinsam mit Ihnen hinter Fassaden blicken. Diesmal in Wismar, wo an der Schweinsbrücke 6 und 8 zwei Häuser zum stadtgeschichtlichen Museum zusammengewachsen sind.

Kaufmann, Brauer, Ratsherr, später Bürgermeister: Heinrich Schabbell war in seiner Heimatstadt Wismar ein einflussreicher Mann. Und jeder sollte es sehen: Wohl auch deshalb griff er tief in die Tasche, als er sich mit Blick auf die Nikolaikirche ein repräsentatives Wohn- und Geschäftshaus errichten ließ.

450 Jahre später zieht das Gebäude immer noch die Blicke auf sich. Um so mehr, als nach siebenjähriger Res­taurierung hier seit 2017 das stadtgeschichtliche Museum mit einer neu konzipierten Ausstellung und deutlich mehr Platz einlädt. Denn zum ursprünglichen Museumssitz an der Schweinsbrücke 8 ist das Haus Nummer 6 hinzugekommen. Das passt auch historisch: Heinrich Schabbell kam durch die Heirat mit Anna Dargun in den Besitz dieses Gebäudes und des darauf liegenden Brauprivilegs. Zwischen 1569 und 1571 ließ er daneben das Haus an der Schweinsbrücke 8 errichten.

„Und so sind die Häuser selbst bei uns Exponate“, sagt Museumsleiterin Corinna Schubert. Eine der angebotenen Führungen führt quer durch die beiden Gebäude zu den „Häusern des Heinrich Schabbell“. In der Zeit geht es dabei sogar weiter zurück als bis in die Renaissance, in der der Hausherr lebte. Denn die Nummer 6 – ein Dielenhaus mit Kemladen – entstand bereits im 14. Jahrhundert. Auf 1364 datiert das dendrochronologische Gutachten den Dachstuhl, der noch genauso zu besichtigen ist wie die Kellerwände aus dem Mittelalter. Um den Spaziergang durch die Zeit noch spannender zu machen, stehen neben Originalbefunden so genannte „Erklär-Stelen“, mit deren Hilfe Besucher selbst durch die Geschichte navigieren können.

Ebenfalls zum Konzept des Museums gehört, dass alle Räume vom Keller bis zum Dach geöffnet sind. Der Weg führt von einem Haus ins andere und wieder zurück, vom ältes­ten Gebäudeteil mit Kemladen über einen neuen, modernen Verbindungstrakt in den repräsentativen Seitenflügel bis ins Giebelhaus der Renaissance.

Apropos Giebel: Den ließ Schabbell – entgegen dem Lübischen Baurecht – kurzerhand in Richtung Nikolaikirche drehen, anstatt ihn neben dem bereits vorhandenen der Nummer 6 auszurichten. „Das ist nur eines von vielen Dingen, die an diesem Haus ungewöhnlich sind“, sagt Corinna Schubert. So beauftragte der Bauherr mit Philipp Brandin auch einen ausländischen Meis­ter. Der Niederländer hatte bereits in fürstlichen Diensten gestanden und brachte neben modernsten Auffassungen so jede Menge Pres­tige mit. Brandin, der später die Wismarer Wasserkunst konzipierte, nutzte Vorlagebücher, die gerade drei Jahre zuvor erschienen waren.

Für die Außenfassade verwendete er anstelle der großen, einheimischen Backsteine im Klosterformat zierlichere, in Holland gebräuchliche Abmessungen. Mit Schmuckfriesen aus gotländischem Sandstein und dem schwarzen Schieferdach musste dieses Haus einfach auffallen – und dank des gedrehten Giebels konnte es auch jeder in voller Pracht sehen, der vom Poeler Tor der Lübschen Straße als wichtigster Ost-West-Verbindung zustrebte.

Heute ist das ganze Ensemble eine Schatzkiste, die viel verrät. Von der Geschichte Wismars, vom Mittelalter bis in die Neuzeit, von Handwerkstraditionen und Wohnverhältnissen. So leistete sich Schabbell zum Beispiel eine innenliegende Wendeltreppe. Und auch der Abort­schacht ist erhalten, dessen verzierte Öffnungen verraten, dass vermutlich kein Vorhang den Blick auf den Toilettennutzer versperrte.

Am 31. Dezember 1600 starb Heinrich Schabbell. Bis 1701 blieb das Gebäudeensemble im Besitz seiner Familie, die Nummer 8 war bis 1924 Brauhaus. 1933 zog das bereits 1863 gegründete kulturhistorische Museum Wismars ein und einige Jahre später wieder aus, bis es dann 1950 erneut seinen Platz an der Schweinsbrücke erhielt und seitdem hier geblieben ist. Katja Haescher

Kirche erzählt Dorfgeschichte

In Kladow steht ein kleines Gotteshaus mit vielen Besonderheiten / Glocke ist ältestes Stück

Die kleine Winzer-Orgel hat ein Manual und zwei Register. Foto: Katja Haescher

Wer kennt das nicht: Da steht ein schönes Haus in der Straße, hundertmal und öfter ist man schon vorbeigegangen. Aber was verbirgt sich hinter der Fassade? Welche Geschichten stecken hinter den Mauern, wer geht hier ein und aus? Denn schließlich sind Geschichten von Häusern immer auch Geschichten von Menschen. In dieser Serie wollen wir gemeinsam mit Ihnen hinter Fassaden blicken. Diesmal: in der Kirche Kladow, die sich – von außen eher unscheinbar – im Innern als Schatzkästlein zeigt.

Ein bisschen duckt sie sich hinter den Bäumen des Friedhofs, reckt nur den Turm heraus. Deshalb fährt so mancher durch Kladow, ohne einen Blick auf die Kirche zu werfen. Das ist schade. Denn das kleine Gotteshaus in dem Ort nahe Crivitz hat eine Menge aus der Dorfgeschichte zu erzählen.

Und das, obwohl das Gebäude mit dem Backsteinturm und dem verputzten, klassizistischen Chor noch gar nicht so alt ist – zumindest nach Kirchenmaßstäben betrachtet. 1780 wurde es unter Verwendung mittelalterlicher Umfassungsmauern errichtet. „Es gab Vorgängerbauten, aber Zeichnungen sind nicht überliefert“, sagt Norbert Wolfram. Der Kladower erledigt die Aufgaben des Küsters und steht auch dem Förderverein vor. Dieser leistet seinen Beitrag, die Anfang des 20. Jahr­hun­derts im Jugendstil umgebaute Kir­che zu erhalten.

Eine Glocke aus dem 15. Jahrhundert, per Hand zu läuten, Glasbilder eines Silbermedaillengewinners auf einer Weltausstellung und ein Kanzelaltar mit symbolischer Bedeutung, ein versteckter Schornstein und die Grabplatte eines renitenten Pastors auf dem Kirchhof – wer sich auf die Entdeckungsreise begibt, findet eine Menge Geschichten. Die auf 1488 datierte Bronzeglocke ist das älteste Ausstattungsstück – und klares Indiz für einen Vorgängerbau. In Schwingung wird sie mit Hilfe eines Seils gesetzt, das durch den Glockenboden bis ins Erdgeschoss des Turms reicht.
Allerdings herrscht aktuell Läutverbot, denn die Köpfe der mächtigen Eichenbalken, die das Gerüst des Turms bilden, sind stark geschädigt – ein nächster Punkt auf dem Aufgabenzettel bei der Sanierung. Ein anderer ist gerade abgehakt: Norbert Wolfram freut sich, dass die Klinker des Turms neu verfugt und auch die Verbindung zwischen Turm und Schiff abgedichtet wurde. Wasserflecken im Innern des Turms zeugen noch von den Schäden.
Das Innere des hübschen Kirchenraums mit der bemalten Holzbalkendecke wurde bereits 1999 erneuert. Ein Blickfang sind hier sechs farbige Bleiglasfenster, die der in Crivitz geborene Glasermeister

Rudolf Königsberg schuf. Königsberg hatte 1904 im amerikanischen St. Louis an der Weltausstellung teilgenommen und dort als einziger Handwerker aus Mecklenburg eine Silbermedaille gewonnen. Die Kladower gaben ihre Kirchenfenster im Jahr darauf also bei einem Meister mit internationalem Renomee in Auftrag. Die bunten Bleiglasflächen stecken voller Symbolik: Da sind die Taube als Sinnbild des Heiligen Geistes, der Anker für die Hoffnung, der Kelch und das Kreuz, der Weinstock und die Korngarbe. Die Einheit von Wort und Sakrament wiederum symbolisiert der so genannte Kanzelaltar, ein Typ Altar, der typisch für die Zeit nach der Reformation ist. Der Predigtstuhl befindet sich hier direkt über dem Altar an der Ostwand der Kirche.

Die Inneneinrichtung – Fußboden, Gestühl, Fenster – entstand 1905. An den Bänken weisen Inschriften wie Augustenhof, Kölpin, Basthorst darauf hin, welche Orte zum Kirchspiel gehörten und wessen Einwohner in welcher Kirchenbank schwitzten. Das ist durchaus wörtlich zu nehmen: Wird der alte eiserne Ofen geheizt, ist es im Gotteshaus mollig warm. Ein kleiner Dachreiter auf dem Kirchenschiff verbirgt den Schornstein und auch das Ofenrohr ist im Innern hinter dem Altar kaum auszumachen.

Es bliebe noch viel mehr zu sagen, Über die Orgel, die der in Mecklenburg wirkende Meister Friedrich Wilhelm Winzer baute – seine kleinste soll es sein. Über die Tür hinterm Altar, durch die der Pfarrer, aus dem Pfarrhaus kommend, in die Kirche huschen konnte. Vor dieser Tür wurden vor einigen Jahren zwei Grabplatten ent­deckt, die an den Kladower Pastor Laße und seine Frau erinnern. Dieser Laße war einige Jahre vor seinem Tode wegen ungebührlichen Verhaltens suspendiert worden. Einzelheiten hat Norbert Wolfram bisher nicht in Erfahrung bringen können. Es gibt also noch Gelegenheit, weitere Geschichten rund um die Kladower Kirche zu entdecken. Katja Haescher

Ein Haus, ein Dorf, Ein Plan

Das Kulturhaus Mestlin sollte einst Herz eines sozialistischen Musterdorfs sein – und blüht neu auf

Das Kulturhaus am Marx-Engels-Platz: Sogar Karat trat hier auf. Foto: Rainer Cordes

Wer kennt das nicht: Da steht ein schönes Haus in der Straße, hundertmal und öfter ist man schon vorbeigegangen. Aber was verbirgt sich hinter der Fassade? Welche Geschichten stecken hinter den Mauern, wer geht hier ein und aus? Denn schließlich sind Geschichten von Häusern immer auch Geschichten von Menschen. In dieser Serie wollen wir gemeinsam mit Ihnen hinter Fassaden blicken. Diesmal: im Kulturhaus Mestlin, das von der Geschichte des einstigen sozialistischen Musterdorfs erzählt.

Wenn das Wort „Koloss“ zu einem Gebäude passt, dann zu diesem. Es wäre für keine Großstadt zu klein, steht aber in Mestlin, da, wo sich eine leicht holprige Dorfstraße zum Marx-Engels-Platz öffnet.
Das Kulturhaus ist vielerlei. Ein Erbstück. Ein Denkmal, sogar eines von nationaler Bedeutung. Ein Haus, das sich auch heute noch für Veranstaltungen eignet – Platz ist da. Gerade an diesem Wochenende – vom 15. bis 17. November – findet hier der Kunsthandwerkermarkt „hinterland“ statt.

Um mit dem Erbstück zu beginnen: Anfang der 1950-er Jahre beschloss die DDR den Ausbau so genannter sozialistischer Musterdörfer. Ziel war, in Stadt und Land gleiche Lebensbedingungen zu schaffen. Dazu musste die Chance gehören, sich als sozialistische Persönlichkeit auch kulturell umfassend zu bilden. Zwischen 1954 und 1957 entstand zu diesem Zweck das Kulturhaus im Stil des Neoklassizismus, auch sozia­listischer Klassizismus oder Stalin-Barock genannt. Architekt war Erich Bentrup, aus dessen Skizzenbuch auch das Schweriner Kino Capitol stammt. Mit dem großen Walmdach und dem zum Marx-Engels-Platz vortretenden Mittelrisalit ist das 57 Meter lange Gebäude einem Gutshaus nicht unähnlich – eine ironische Fußnote vor dem Hintergrund, dass hier die „Überlegenheit des Sozialismus“ demonstriert werden sollte.

Damit kommt auch das Denkmal Mestlin ins Spiel, zu dem nicht nur das Kulturhaus, sondern das gesamte Ensemble um den Marx-Engels-Platz gehört. Dort waren zwischen 1954 und 1962 weitere Gebäude – darunter Schule sowie Häuser mit Wohnungen und Geschäften – entstanden. Kurze Wege zum Arzt und zum Einkaufen, zum Friseur, ins Restaurant und ins Konzert sollten den Dorfbewohnern ähnliche Annehmlichkeiten wie in der Stadt gewähren. Mehrere hundert dieser Musterdörfer plante der junge Arbeiter- und Bauernstaat. Am Ende wurde nur Mestlin realisiert, weshalb der Marx-Engels-Platz mit seinen Bauten heute steingewordenes Zeugnis dieser sozialistischen Utopie ist. Das Ensemble steht bereits seit 1977 unter Denkmalschutz und wurde wegen seiner Einmaligkeit 2011 als Denkmal von nationaler Bedeutung eingestuft.

Mittendrin das Kulturhaus, dessen Kernstück der große Saal mit Bühne und Orchestergraben ist. Jugendweihen und Erntefeste, Tanz, Kino und Konzerte fanden hier statt, Bands wie Karat aus der ersten Riege der DDR-Rockmusik traten auf. Die Veranstaltungen lockten im Jahr 50.000 Besucher. Daneben gab es noch einen kleinen Saal und Räume für Gastronomie und Arbeitsgemeinschaften, ein Hörstudio und Büros.

Mit der Wende änderte sich alles. Das Kulturhaus wurde jetzt Großraumdisko. Ein Betreiber ließ dafür die Wände im Innern schwarz streichen – auch die Decken. Der Nächs­te ließ fuhrenweise Sand in den Saal karren, um Flair für Beachpartys zu schaffen. Zahlreiche Einrichtungsgegenstände und ein großer Teil der Ausstattung verschwanden während dieser Episode. Das Kulturhaus war jetzt in einem noch bedenklicheren Zustand als zum Ende der DDR.

Aber es gab Menschen, die es nicht aufgeben wollten. Ende der 1990er-Jahre fand sich ein erster Förderverein zusammen, der zum Beispiel die Dachsanierung auf den Weg brachte. 2008 gründete sich der Verein „Denkmal Kultur Mestlin“, der 2017 für sein Engagement mit dem Deutschen Preis für Denkmalschutz geehrt wurde.
Es gibt wieder Veranstaltungen, ambitionierte Ausstellungen, Gedankenaustausch. Damit hat sich eines in den mehr als 60 Jahren des Bestehens nicht geändert: Kultur hat einen Platz mitten im Leben. Katja Haescher

Wasserhaus und Schatzkammer

Fontänenhaus in Ludwigslust versorgte einst Springbrunnen im Park und ist heute Natureum

Die Rückseite des Fontänenhauses mit dem Ludwigsluster Schloss im Hintergrund Foto: Katja Haescher

Wer kennt das nicht: Da steht ein schönes Haus in der Straße, hundertmal und öfter ist man schon vorbeigegangen. Aber was verbirgt sich hinter der Fassade? Welche Geschichten stecken hinter den Mauern, wer geht hier ein und aus? Denn schließlich sind Geschichten von Häusern immer auch Geschichten von Menschen. In dieser Serie wollen wir gemeinsam mit Ihnen hinter Fassaden blicken. Diesmal: im Fontänenhaus in Ludwigslust, das älter ist als das danebenstehende Schloss.

So ein Springbrunnen ist eine feine Sache. Morgens nach dem Aufstehen auf das sprudelnde, hüpfende Wasser zu schauen, erfreut Auge und Herz. Das sagte sich vermutlich auch Herzog Christian Ludwig von Mecklenburg, als er hinter seinem neuen Jagdschloss einen Park anlegen ließ – mit zwei Springbrunnen auf dem Rasenparterre. Nur: Mit dem Wasser war es schwierig. Einen Fluss oder See gab es in der Nähe des Schlosses nicht, so dass die Springbrunnen mit Hilfe des Grundwassers beplätschert werden mussten. Aus diesem Grund entstand im Park ein „Fontänenhaus“, auch Pumpenhaus genannt, das einen Wasserbehälter beherbergte und die Brunnen speiste.

Das Fontänenhaus ist älter als das heutige Schloss, ein Nachfolgebau von Christian Ludwigs einstöckigem Anwesen. Wie alt – das lag lange im Dunkeln. Dann wurde vor einigen Jahren in Schwerin ein Konvolut aus Bauzeichnungen, Gebäudeplänen und Rechnungen entdeckt – der so genannte Planschatz. Mit dabei auch ein detaillierter Kos-tenvoranschlag für das Fontänenhaus, aus dem sowohl der Name des Erbauers als auch die Bauzeit – 1752/53 – hervorgehen. Damit wird klar, was zuvor bereits vermutet worden war: Landbaumeister Anton Wilhelm Horst plante das Gebäude.

Zum damaligen Zeitpunkt bestand es lediglich aus drei Fensterachsen, war also nahezu quadratisch. Im Innern gab es keine Decken, sondern ein Stützsystem, das den Wasserbehälter hielt. Rund 20 Kubikmeter konnten dort hinein und in die Höhe gepumpt werden, um dann über Rohrleitungen in Richtung Springbrunnen zu fließen. Einfluss auf die Ausführung des Baus nahm möglicherweise später auch Hofbaumeister Jean-Laurent Le Geay, der dennoch an Horsts Arbeit kein gutes Haar ließ: Nicht gut gelegen sei das Gebäude und nicht gut dekoriert. „Es gleicht einem, das man aus einer Stadt entführt hat und in einem Garten duldet“, ließ Le Geay verlauten. Dass Horst darüber sauer war – nicht zuletzt, weil ihm der Franzose den Posten als Hofbaumeister weggeschnappt hatte – ist klar. Und so war das Verhältnis der beiden Architekten von Intrigen geprägt.

Das Haus jedoch stand, wenngleich die Karriere als Pumpenhaus nicht lange währte. Der Bau des Ludwigsluster Kanals zwischen 1756 und 1760 als Verbindung zwischen Stör und Rögnitz machte eine ganz andere Dimension von Wasserspielen möglich – Wasserspiele, die auch ohne Pumpen sprudelten, denn der Kanal hatte allein im Park ein Gefälle von acht Metern.

Im Fontänenhaus entstanden jetzt Wohnungen für Hofbedienstete. Um 1800 wurde das Gebäude um zwei Achsen erweitert. Weil die Haustür jetzt nicht mehr mittig saß, erhielt das Haus um der Symmetrie willen eine Scheintür, in Wahrheit ein Fenster. Fach- und Mauerwerk bekamen den monochromen hellen Anstrich, auf den die heutige Farbfassung zurückgeht. „Möglicherweise auch ein Mittel, um das einfache Fachwerk so dicht neben dem Schloss zu verstecken“, sagt Uwe Jueg. Er ist Vorsitzender der Naturforschenden Gesellschaft Mecklenburgs, womit man bei der aktuellen Nutzung des Fontänenhauses angekommen ist. Es beherbergt heute das Natureum, ein vom Verein betriebenes naturkundliches Museum, das die Natur Westmecklenburgs präsentiert. Flora, Fauna, Gesteine – das von außen so klein wirkende Haus offenbart sich im Innern als großartige Schatzkammer, die einer der wertvollsten naturkundlichen Sammlungen des Landes Raum gibt. Ein Besuch lohnt sich!

Auch der „Hülle“ um diese Sammlung widmet sich der Verein. Nach der Übernahme des Gebäudes durch die Naturforschende Gesellschaft begann 2004 die Sanierung des Fontänenhauses, die neben Städtebaufördermitteln und Fördermitteln der Bingo-Umweltlotterie auch durch Eigenleistungen der Mitglieder und eingeworbene Sponsorengelder möglich wurde. So ist alles im Fluss – und das kleine Haus am Rande des Schlossparks vom Wasserspender für Springbrunnen zum Museum geworden. Katja Haescher

Das Haus des Barbiers

Deutsches Haus in Rehna ist eins der ältesten kleinstädtischen Fachwerkgebäude Mecklenburgs

Der Ursprungsgiebel mit den dekorativen Fächerrosetten ist noch heute in der Fassade erkennbar. Foto: Katja Haescher

Wer kennt das nicht: Da steht ein schönes Haus in der Straße, hundertmal und öfter ist man schon vorbeigegangen. Aber was verbirgt sich hinter der Fassade? Welche Geschichten stecken hinter den Mauern, wer geht hier ein und aus? Denn schließlich sind Geschichten von Häusern immer auch Geschichten von Menschen. In dieser Serie wollen wir gemeinsam mit Ihnen hinter Fassaden blicken. Diesmal: in der Gletzower Straße in Rehna, wo das „Deutsche Haus“ die Blicke der Vorüberfahrenden auf sich zieht.

Schere und Barbiermesser sind sorgfältig in den Balken geschnitten. Hans Seehase, der hier in Rehna „in Gottes Gnade“ ein Haus bauen ließ, war Wundarzt und Barbier. So richtig ließen sich diese Berufe im
16. Jahrhundert nicht trennen: Beide mussten mit dem Messer umgehen können und Barbiere rasierten nicht nur, sondern kümmerten sich auch ums Zähneziehen, den Aderlass und die Versorgung von Wunden. Hans Seehase musste es zu einigem Wohlstand gebracht haben, denn der reiche Holzzierat in der Fassade des Fachwerkbaus war sicher von keinem armen Schlucker in Auftrag gegeben worden.

Heute gehört das so genannte Deutsche Haus in Rehna zu den ältesten kleinstädtischen Fachwerkhäusern Mecklenburgs – und zweifellos auch zu den schönsten. 500 Jahre hat es auf dem Buckel – oder muss man bei Häusern sagen auf dem Gebälk? Das zumindest gibt Auskunft über das wahre Alter: Ein dendrochronologisches Gutachten datiert die Entstehung des Fachwerkbaus ins 16. Jahrhundert. Dies betrifft allerdings nur den ältesten Teil des Hauses, dessen ursprünglicher Giebel sich noch heute im Fachwerk der Vorderfront abzeichnet. Nachfolgende Generationen brauchten mehr Platz, so dass das Haus rund 100 Jahre nach seiner Errichtung verbreitert wurde und eine vorspringende, so genannte „Utlucht“ bekam.

Wenn sie in diesem „Ausguck“ Platz nimmt, ist Rebekka Duge davon überzeugt, den schönsten Arbeitsplatz der Stadt zu haben. Bis zum Rehnaer Marktplatz reicht der Blick aus der heutigen Stadtbibliothek – sicher ein Grund für den Anbau, der möglicherweise auch modischen Erwägungen der Zeit folgte.

In der Liste der Bewohner, die auf Hans Seehase folgten, gibt es einige weiße Flecken. Fest steht, dass ein Johann Kassow dazugehörte – er hinterließ seinen Namen in der Inschrift über der Eingangstür. Das war im Jahr 1750.
Später war das Deutsche Haus Schmiede und Ausspanne. Die Familie Grevismühl, die hier zusammen mit Angestellten lebte, betrieb außerdem einen Ausschank. „Das bot sich ja auch an, wenn jemand zum Beispiel auf sein Pferd warten musste“, sagt Rebekka Duge, Chefin der Rehnaer Bibliothek. Möglicherwiese leitet sich aus dieser Gastronomie-Episode auch der heute gebräuchliche Name des Gebäudes ab. Mehrere Gastwirtschaften und Hotels in ganz Deutschland tragen den Namen „Deutsches Haus“.

Ob es Grevismühls in dem immer wieder erweiterten und verschachtelten Fachwerkbau bequem hatten – wer weiß. Während die Ausfachungen der hohen Diele heute weiß gekalkt sind, waren die Farbfassungen früherer Jahre dunkel – sicher auch vom Ruß der Schmiede. Berühmte Gäste sind ebenfalls überliefert: Der Martensmann, der einmal im Jahr mit einem Fass Rotspon von Lübeck nach Schwerin reist, soll bei seiner Übernachtung in Rehna im Deutschen Haus geschlafen haben. Zu DDR-Zeiten lebten sogar mehrere Familien in den teils winzigen Stuben des Fachwerkbaus.

Nach der Sanierung 2004 ist die Stadtbibliothek ins Deutsche Haus eingezogen. Rebekka Duge genießt das historische Flair. Und sie vergisst auch nicht, Besucher beim Betreten der Anmeldung ans Kopf-Einziehen zu erinnern: Die Türöffnung hat noch die Höhe aus der Zeit Hans Seehases. Katja Haescher

Fachwerk in der Bunten Stadt

Das Rathaus in Grabow entstand im 18. Jahrhundert nach dem großen Stadtbrand

Das Grabower Rathaus entstand 1727 nach dem großen Stadtbrand. Foto: Katja Haescher

Wer kennt das nicht: Da steht ein schönes Haus in der Straße, hundertmal und öfter ist man schon vorbeigegangen. Aber was verbirgt sich hinter der Fassade? Welche Geschichten stecken hinter den Mauern, wer geht hier ein und aus? Denn schließlich sind Geschichten von Häusern immer auch Geschichten von Menschen. In dieser Serie wollen wir gemeinsam mit Ihnen hinter Fassaden blicken. Diesmal: im Rathaus in Grabow, das zusammen mit einer ganzen Stadt entstand.

Der 3. Juni 1725 teilt die Geschichte von Grabow in ein Davor und ein Danach. An diesem Tag brannte die kleine Ackerbürgerstadt innerhalb weniger Stunden fast vollständig ab. Die Flammen fraßen sich durch die dichtgedrängt stehenden Häuser und Buden in den verwinkelten Straßen, fanden in Strohdächern und Holzschuppen reichlich Nahrung, sprangen ins Schloss, das Rathaus, die Kirche. Innerhalb weniger Stunden war der Ort ein schwelender Trümmerhaufen.

Neben den repräsentativen Bauten waren rund 300 Häuser ein Raub der Flammen geworden.
Die Grabower standen vor einer gigantischen Aufgabe: Es ging nicht darum, ein paar neue Häuser zu bauen, sie brauchten eine neue Stadt. Ob das der Grund war, dass schon zwei Jahre nach dem Brand an ursprünglicher Stelle wieder ein Rathaus als Ort wichtiger politischer Entscheidungen stand? Wer weiß. Fest steht, dass mit dem prächtigen Fachwerkgebäude am Markt auch ein Impulsgeber für den Wiederaufbau und die Entstehung der Fachwerkstadt Grabow errichtet wurde.

Bis 1740 folgten nach einem Regulierungsplan zahlreiche Fachwerkbauten – „die bunte Stadt an der Elde“ erhielt ihr heutiges Gesicht. Bauholz war in der Gegend reichlich vorhanden und die Zimmerer hatten jahrelang zu tun. Herzog Carl Leopold nutzte die Tabula rasa gleichzeitig, um das neue Grabow moderner und sicherer zu machen: Die Straßen wurden breiter, Holzschindeln und Stroh als Material zum Dachdecken waren genauso verboten wie Scheunen und Schuppen innerhalb des Ortes.

Das 1998 gründlich sanierte Rathaus gehört heute zu den wertvollsten Stücken im Schmuckkästchen Grabow. Amtsbaumeister Christian Reichel und Zimmermeister Joachim Schlubeck bauten das zweigeschossige Haus mit dem hohen Mansarddach im Stil des Barock. Gekrönt wird das Dach von einem kleinen Turm mit Haube, einer so genannten Laterne, die eine Wetterfahne mit Mond und Sternen schmückt. Dieses Stadtwappen geht in der jetzigen Form auf die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts zurück. Bereits nach der Reformation im 16. Jahrhundert hatten die Grabower den Heiligen Georg aus ihrem Wappen verbannt und sich für einen Mond mit Stern als heraldisches Symbol entschieden, der sich über die Jahre zur heutigen Form wandelte.

Und während das historische Rathaus vor seiner Sanierung Ende des 20. Jahrhunderts zusätzlichen Platz im Innern benötigte, war es bei seiner Entstehung in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts großzügig dimensioniert. So großzügig, dass es neben ein bis zwei Verwaltungsräumen und der Bürgermeisterwoh­nung auch noch ein Hotel, ein Billardzimmer und einen Konditoreiladen beherbergen konnte.

Eine spannende Fußnote in der Geschichte erhielt es 1839, als der Gefangene Fritz Reuter aus Graudenz auf die Festung Dömitz verlegt wurde. Auf dem Weg dorthin machte der begleitende Gendarm mit dem Delinquenten im Grabower Rathaus Station. Dort traf Reuter seinen alten Freund Franz Floerke, mit dem er auf dem Gymnasium Parchim die Schulbank gedrückt hatte. Dieser war inzwischen Hofrat und Bürgermeister und setzte sich als solcher in der darauffolgenden Zeit sehr für die Freilassung Reuters ein. Nachdem dieser 1840 das Gefängnis verlassen durfte, besuchte er Grabow erneut.

Über die nächtliche Begegnung vor dem Rathaus schrieb Reuter später in seiner „Festungstid: „,Gun Abend, Franz!‘ röp ick ut den Wagen, ,täuw noch en beten!‘ – Un as ick nu mit minen Schandoren tau Rum un gegen ‘t Licht kamm, freu‘te de oll Knaw sick ordentlich un verget ganz, dat hei Burmeister was un ick Delinquent (…) Äwer den Abend wull de Schandor ganz utenanner gahn, as hei hürte, dat de Burmeister sick mit den Vagebunden duzte, un as hei sach, dat hei mit em ‘ne Buddel Win drünk (…)“.

So setzte Reuter der Stadt Grabow, ihrem Bürgermeister und auch dem Rathaus in seinem Werk ein literarisches Denkmal. Und apropos Denkmal: Auf dem Kirchenplatz hinterm Rathaus stehen die beiden Freunde Reuter und Floerke noch heute. Aus Bronze und mit Weingläsern in der Hand stoßen sie aufs Wiedersehen an.
Katja Haescher

Die Hüter der Hafeneinfahrt

Die Geschichte von Wismars Baumhaus ist noch heute eng mit der Schifffahrt verbunden

Blick vom Baumhaus auf St. Nikolai
Foto: Katja Haescher

Wer kennt das nicht: Da steht ein schönes Haus in der Straße, hundertmal und öfter ist man schon vorbeigegangen. Aber was verbirgt sich hinter der Fassade? Welche Geschichten stecken hinter den Mauern, wer geht hier ein und aus? Denn schließlich sind Geschichten von Häusern immer auch Geschichten von Menschen. In dieser Serie wollen wir gemeinsam mit Ihnen hinter Fassaden blicken. Diesmal: im Baumhaus am Alten Hafen von Wismar.

Es ist ein Arbeitsplatz mit Aussicht.  Im Sommer lässt Sylvia König die Außentür auf und blickt direkt vom Empfangstresen auf die Silhouette von Wismar. Auf  den steil emporragenden Turm von St. Marien und das hohe Schiff der Nikolaikirche, die dem Schutzpatron der Seefahrer geweiht ist. Auf die flanierenden Touristen, die Räucherfischkutter, die alten Speicher und Silos. Und damit ist Sylvia König mittendrin in Wismars maritimem Erbe, dem jetzt eine Ausstellung im Baumhaus am Alten Hafen gewidmet ist.

Das Baumhaus selbst ist Teil dieser Geschichte. Seinen Namen bekommt es weniger von den beiden Linden vor der Tür, als von seiner einstigen Funktion als Wächterhaus: An dieser Stelle musste der „Bohmschlüter“ vor Einbruch der Nacht eine Kette vor die Hafeneinfahrt ziehen und den Hafen mit einem Schlagbaum sichern. „Hier war natürlich ein neuralgischer Punkt“, sagt Sylvia König. Wer die Hafeneinfahrt passiert hatte, stand vor der Stadtmauer. Unerlaubtes Einlaufen galt es aber auch aus anderen Gründen zu verhindern: Neben den Waren reisten häufig auch Krankheiten mit den Schiffen.

Bereits Mitte des 16. Jahrhunderts soll es deshalb in Wismar ein Haus „up‘n Bohm“ gegeben haben. Dieses Gebäude wurde Mitte des 18. Jahrhunderts durch das heutige Baumhaus ersetzt. Das Ziegelgebäude im Barockstil war der Sitz des Hafenmeisters, der hier auch eine Dienstwohnung hatte. An seine Zeit erinnert eine Windrose an der Decke des Foyers, die über eine Stange mit der Wetterfahne auf dem Dach verbunden ist. „Der Hafenmeister brauchte seine Nase also nicht in den Wind zu stecken“, sagt Sylvia König. Ob nun Nord-Nordwest oder Süd-Südost, alles ließ sich bequem von der bunten Scheibe im Innern des Hauses ablesen. Durchaus gemütlich – um so mehr, da der Hafenmeister eine Zeitlang sogar über das Schankrecht verfügt haben soll. „Das wurde ihm allerdings schnell wieder entzogen, vielleicht, weil es sich für eine Amtsperson nicht schickte“, sagt Sylvia König.

Das barocke Gebäude diente einst den „Bohmschlütern“ als Unterkunft.

Sie betreut zusammen mit ihrem Mann Werner König und Gerd Lemke die Ausstellung im neu geschaffenen maritimen Traditionszentrum. Die drei gehören zum Förderverein „Poeler Kogge“, der das Baumhaus von der Stadt 2018 in Erbbaurecht übernahm und seitdem zusammen mit den Fördervereinen „Schoner Atalanta“ und „Marlen“ mit Leben füllt. Die Ausstellung widmet sich der Geschichte von Hafen und Werft, erzählt aus der Zeit der Hanse und legt den Fokus auf die drei Schiffe, denen sich die Vereinsmitglieder verschrieben haben. Ein besonders spannendes ist eine Kogge, die 1999 vor Poel gefunden wurde und deren Nachbau, die „Wissemara“, noch heute die Zeit der Hanse wieder aufleben lässt. Regelmäßig nimmt die Koggen-Crew, zu der auch Sylvia und Werner König gehören, Touristen mit an Bord, verschiedene Touren  sind  im Angebot. „So nah am Wasser ist man auf keinem Kreuzfahrtschiff“, schwärmt Sylvia König, die sich selbst als echtes „Küstenkind“ bezeichnet und sich freut, wenn sie vom Baumhaus die Kogge an deren Liegeplatz im Alten Hafen sieht.

Das unter Denkmalschutz stehende Haus als maritimes Zentrum kommt bei Touristen und Einheimischen gut an. Täglich kommen zahlreiche Besucher durch die von zwei Schwedenköpfen flankierte Tür. Auch die bunten Herren haben ihren Platz vor dem Baumhaus nicht erst seit gestern. Die so genannten Herkulesbüsten waren ursprünglich barocke Schiffsdekorationen und standen später auf Dalben in der Hafeneinfahrt. Dort beschädigte sie 1902 ein finnisches Schiff. Anschließend wurden Nachgüsse von den Köpfen angefertigt, ein Original befindet sich heute im stadtgeschichtlichen Museum. Die beiden Herkulesköpfe vor der Tür des Baumhauses sind also Repliken und wachten bereits zu Zeiten des Seefahrtsamts, das sich zu DDR-Zeiten hier befand, über den Eingang.

Später war das Baumhaus noch eine kleine Galerie, nun erzählt es als Ganzes und mit einer ambitionierten, von den Vereinen zusammengestellten Ausstellung Seefahrtsgeschichte. Und wer jetzt schon immer mal wissen wollte, wie das Kalfatern funktioniert oder was ein Krängungsmesser ist, der sollte sich die Präsentation unbedingt anschauen. Geöffnet ist von April bis Oktober montags bis sonntags von 11 bis 17 Uhr und von November bis März freitags bis sonntags von 11 bis 15 Uhr.

 

Der Letzte einer ganzen Burg

Wahrzeichen und Markenzeichen: Amtsturm prägt das Bild von Lübz

Der spätromanische Amtsturm: Er gehört heute zum Stadtmuseum und kann besichtigt werden Foto: Katja Haescher

Wer kennt das nicht: Da steht ein schönes Haus in der Straße, hundertmal und öfter ist man schon vorbeigegangen. Aber was verbirgt sich hinter der Fassade? Welche Geschichten stecken hinter den Mauern, wer geht hier ein und aus? Denn schließlich sind Geschichten von Häusern immer auch Geschichten von Menschen. In dieser Serie wollen wir gemeinsam mit Ihnen hinter Fassaden blicken. Diesmal: im Lübzer Amtsturm, dem letzten Zeugen der alten Eldenburg.

Mitte des 19. Jahrhundertsbrauchte die Stadt Lübz eine öffentliche Uhr. Ein Platz war schnell gefunden: der Amtsturm. Hier ging jeder jeden Tag vorbei, während sich die Stadtkirche in zweiter Reihe den Blicken entzog.
Das zum Uhrturm beförderte Bauwerk war zu diesem Zeitpunkt schon 550 Jahre alt. Zwischen 1306 und 1308 war der Wehrturm als Teil einer Burg von den Markgrafen Otto und Hermann von Brandenburg gebaut worden.

In der Gegend, die damals noch zu Brandenburg gehörte, ging es zu dieser Zeit hoch her. Auch die mecklenburgischen Nachbarn hatten ein Auge auf Land und Burg geworfen. Die 2,20 Meter dicken Mauern des Lübzer Amtsturms erzählen noch heute davon, dass es besser war, wenn man sich zu verteidigen wusste. Der Turm hat dabei allerdings eine Besonderheit, über die schon viele Historiker gegrübelt haben: Die Wendeltreppe in der Mauer dreht sich nicht wie anderenorts rechts-, sondern linksherum – für Verteidiger, die den rechten – den Schwertarm – frei bewegen müssen, ungünstig.

„Wir haben schon gescherzt, dass der Baumeister vermutlich Linkshänder war“, sagt Ilona Paschke. Sie kennt den Amtsturm wie ihr Wohnzimmer, leitete jahrlang das Museum und ist heute beim Verein Lübzer Land beschäftigt, in dessen Trägerschaft sich der Turm befindet.

Und apropos Wohnzimmer: Als die Eldenburg nach einigen Scharmützeln schließlich zu Mecklenburg gehörte und es im Lande ruhiger geworden war, brauchte man Platz zum Wohnen. Aus der unbequemen Burg wurde ein Schloss, das noch zwei weitere Türme hatte.

1547 zog hier Anna, die Witwe Herzogs Albrecht VII., ein. Ihr folgten zwei weitere verwitwete Herzoginnen, darunter 1591 Sophie. Die Frau Johann VII. war zu diesem Zeitpunkt erst 23 Jahre alt. Sie verwaltete ihre Güter sehr umsichtig und bot sogar Wallenstein die Stirn. Im Gegensatz zu ihren Söhnen, den Herzögen Adolf Friedrich I. und Johann Albrecht II., ließ sie sich nicht außer Landes jagen.

Nach Sophies Tod 1634 verfiel das Schloss. Die Steine wurden anderswo verbaut. Warum der Turm als einziger dem Baustoffrecycling widerstand – wer weiß. Er blieb stehen und wurde erst Uhrturm und 1976 Museum. Die 1856 eingebaute Uhr ist übrigens im obersten Geschoss zu besichtigen. Einmal in der Woche muss sie aufgezogen werden. Gern übernehmen Besucher die Aufgabe, die drei Feldsteingewichte nach oben zu kurbeln. Die Steine wandern dabei durch alle Geschosse des 23,70 Meter hohen Turms.

Der ist übrigens seit 1925 Markenzeichen des wohl berühmtesten Unternehmens der Stadt. Die Lübzer Brauerei trägt den Turm im Wappen und so haben ihn schon Bierliebhaber in aller Welt gesehen. Katja Haescher

Ein Schloss hoch über dem See

Zweimal Johann Albrecht: Wiligrad ist mit Herzögen dieses Namens verbunden

Der Eingangsbereich mit dem Braunschweiger Löwen Foto: Katja Haescher

Wer kennt das nicht: Da steht ein schönes Haus in der Straße, hundertmal und öfter ist man schon vorbeigegangen. Aber was verbirgt sich hinter der Fassade? Welche Geschichten stecken hinter den Mauern, wer geht hier ein und aus? Denn schließlich sind Geschichten von Häusern immer auch Geschichten von Menschen. In dieser Serie wollen wir gemeinsam mit Ihnen hinter Fassaden blicken. Diesmal in Wiligrad, dem jüngsten der einst landesherrlichen Schlösser.

Wiligrad ist slawisch und bedeutet „Große Burg“. Dass Herzog Johann Albrecht ausgerechnet diesen Namen für sein Schloss wählte, ist wohl der Familiengeschichte geschuldet. Das Haus Mecklenburg zählt zu den ältesten deutschen Dynastien und kann seinen Stammbaum direkt bis zu den slawischen Obotriten und deren Fürst Niklot zurückverfolgen.

Doch ein bisschen trügt die historisch klingende Bezeichnung, denn Schloss Wiligrad ist das jüngste der großherzoglichen Schlösser im Land. Johann Albrecht ließ es zwischen 1896 und 1898 nach Plänen des Architekten Prof. Dr. Albrecht Haupt bauen – und zwar mit allem, was die Moderne zu bieten hatte. Wiligrad verfügte über eine eigene Wasser- und Stromversorgung, einen Elektroaufzug im Gästeflügel, Zentralheizung, Telefon und sogar eine Sprinkleranlage, für die im großen Turm ein Wasserbehälter eingebaut wurde. Nach außen allerdings zeigte sich das Anwesen mit einer Neorenaissance-Fassade deutlich traditioneller.

Die in Mecklenburg auch Johann-Albrecht-Stil genannte Bauweise ist von Terrakotta-Bändern geprägt, wie sie auch an Schlössern in Gadebusch und Schwerin oder am Fürstenhof in Wismar zu finden sind. Mit dem Erbauer von Schloss Wiligrad hat der Name allerdings nichts zu tun. Es war ein berühmter Vorfahre, der hier Pate stand: der Renaissance-Fürst Johann Albrecht I. (1525-1576), Förderer von Kunst, Architektur und Wissenschaft.

Im Gegensatz zu ihm war der im 19. Jahrhundert geborene Johann Albrecht, fünftes Kind des Großherzogs Friedrich Franz II. und dessen erster Frau Auguste, kein regierender Herzog – wenngleich doch Regent. Als sein älterer Bruder Friedrich Franz III. 1897 starb, übernahm er für seinen noch minderjährigen Neffen, den späteren Großherzog Friedrich Franz IV., bis zu dessen 19. Geburtstag 1901 die Regierungsgeschäfte. Außerdem war er 1895 Präsident der deutschen Kolonialgesellschaft geworden.

Reiseandenken aus aller Welt schmückten auch die Räume des Schlosses Wiligrad – auf alten Fotos sind sie noch zu sehen. Zu den repräsentativen Räumen gehört die Halle mit der nach oben zur Galerie führenden Treppe. Heute ist sie einer der Ausstellungsräume des Kunstvereins Wiligrad, der neben dem Landesamt für Bodendenkmalpflege Mieter in dem landeseigenen Schloss ist.

Ein besonderer Schatz des Anwesens befindet sich jedoch draußen vor der Tür: der 210 Hektar große Park, der fließend in den Wald zwischen Wiligrad und Lübstorf und an der Steilküste zum Schweriner Außensee übergeht. Hier entdecken Spaziergänger die Elisabethquelle und ein Stück weiter die Kaisertreppe, die zum Fähranleger am See führt und nach einem Besuch Wilhelms II. diesen Namen erhielt.

Johann Albrecht empfing häufiger in seinem kleinen Reich hochrangige Gäste. Während des ersten Weltkriegs handelte er mit dem bulgarischen König auf Wiligrad den Vertrag aus, der Bulgarien zum Kriegseintritt an der Seite der Mittelmächte verpflichtete. 1920 starb der Herzog in seinem Schloss und wurde von hier nach Bad Doberan gebracht, wo er in der herzoglichen Grablege im Münster seine letzte Ruhe fand.

Schloss Wiligrad wurde nach 1945 Parteischule und später Ausbildungsstätte der Polizei. Der einzigartige Park wurde dabei schwer geschädigt – ein ins Quellental Tre Fontane eingebauter Schießstand ist nur ein Beispiel dafür. Heute sind der vom Land denkmalgerecht sanierte Park und das Schloss wieder Juwelen. Und auch ein Nachguss des Welfen-Löwen hat vor dem Eingang seinen Platz gefunden und erinnert daran, dass Johann Albrecht zwischen 1907 und 1913 als Regent über das Herzogtum Braunschweig geherrscht hatte. Katja Haescher

Zwischen Romanik und Gotik

Die Stadtkirche Gadebusch steht auf der Liste der Denkmäler von nationaler Bedeutung

Die Kapellen auf der Nordseite, an der sich der Haupteingang befindet Foto: Katja Haescher

Wer kennt das nicht: Da steht ein schönes Haus in der Straße, hundertmal und öfter ist man schon vorbeigegangen. Aber was verbirgt sich hinter der Fassade? Welche Geschichten stecken hinter den Mauern, wer geht hier ein und aus? Denn schließlich sind Geschichten von Häusern immer auch Geschichten von Menschen. In dieser Serie wollen wir gemeinsam mit Ihnen hinter Fassaden blicken. Diesmal in der Stadtkirche Gadebusch, der ältesten romanischen Hallenkirche im südlichen Ostseeraum.

In jeder Sage steckt ein Körnchen Wahrheit. Ob das auch in Gadebusch, einer der ältesten Städte Meck­lenburgs, so ist? Der Legende nach stammt die Bronze, welche die Rosette der Stadtkirche fasst, aus der Krone des Slawenkönigs Radegast. Zurzeit laufen Untersuchungen mit dem Ziel, das Alter des Metalls zu bestimmen. Und Krone hin, Krone her: Wenn die Bronze wirklich aus altslawischer Zeit stammt, wäre das eine kleine Sensation und wie so vieles an dem Bauwerk einzigartig.

1194 wird in Schriftstücken erstmals eine Kirche erwähnt, 1206 war das Gotteshaus fertig. „In Mecklenburg ist oft von Backsteingotik die Rede, hier haben wir es sogar mit Backsteinromanik zu tun“, sagt
Dr. Gerhard Schotte, der dem Förderverein der Gadebuscher Kirche vorsteht. Wer das Gebäude durch das Südportal betritt, passiert ein Kapitell, das noch aus der Bauzeit stammt und von der Steinmetzkunst der Meister der Ratzeburger Dombauhütte zeugt. Die waren von dort weiter nach Gadebusch gezogen – ein Weg, den Mitte des
12. Jahrhunderts Heinrich der Löwe geebnet hatte. Dem Sachsenherzog folgten deutsche Siedler, die zumeist aus Westfalen kamen und Hallenkirchen aus ihrer Heimat kannten. Es wurde also eine Kirche „wie zu Hause“, hier im fernen Nordosten, der noch vom slawischen Erbe geprägt war.

Der Übergang von der gotischen in die romanische Kirche Foto: Katja Haescher

Die alte romanische Hallenkirche – drei gleich hohe Schiffe, die von wuchtigen Pfeilern getrennt werden – ist noch heute ein spiritueller Ort. Einziger Schmuck sind die farbig verglaste Rosette im Westgiebel und vier kleine Fenster in der Südwand, die im Zuge der 2011 beendeten Sanierung ihre romanischen Dimensionen zurückbekamen und eher den Luken einer Trutzburg ähneln.

Diese „rote Kirche“, wie er sie nennt, liebt Gerhard Schotte besonders. Trotzdem wäre sie nicht vollständig ohne die „weiße Kirche“. Denn während zu Zeiten der Gotik viele Gemeinden ihre romanischen Kirchen abrissen oder komplett umbauten, gingen die Gadebuscher einen anderen Weg: Mutig brachen sie die Ostwand auf und fügten der schlichten romanischen Halle eine gotische Kirche hinzu. Drei Stufen führen heute hinauf in diesen Altarraum und wer sie steigt, schreitet von einer Stilepoche hinüber in die nächste. Der gotische Anbau im Stil einer Basilika mit hoch aufstrebendem Mittelschiff entstand um 1430.

Wenige Jahre zuvor hatte Herzogin Agnes ihrem verstorbenen Mann Albrecht III. eine Kapelle gestiftet, die auch viele schwedische Besucher in die Kirche lockt. Die „Tre Kronors“, die drei Kronen des schwedischen Wappens, sind in dem auch Königskapelle genannten Anbau an mehreren Stellen zu finden. Nicht ohne Grund: Albrecht III. saß zwischen 1364 und 1389 auf dem schwedischen Thron, wenn auch mäßig erfolgreich. Er starb 1412 und wurde im Doberaner Münster beigesetzt. Seine Frau Agnes jedoch fand ihre letzte Ruhe in der Gadebuscher Königskapelle, wo ihre Grabplatte noch heute erhalten ist. Eine Tauffünte aus gotländischem Kalkstein ist in dieser Kapelle und in der ganzen Kirche das älteste Inventarstück.

Dies sind jedoch nicht die einzigen Fäden, die nach Schweden führen. Nachdem die Schweden 1712 in der Schlacht bei Wakenstädt während des großen Nordischen Krieges die Dänen besiegten, sollen deren Offiziere in der Gadebuscher Kirche gefangen gesetzt worden sein. Napo­leonische Truppen nutzten das Gotteshaus ein knappes Jahrhundert später als Pferdestall.
Heute ist die Kirche wieder Kirche. Und was für eine: Aufgrund ihrer besonderen Bauweise wurde sie in die Liste der Denkmäler von nationaler Bedeutung aufgenommen. Katja Haescher

Ein Haus fürs Welterbe
Gebäude in Wismar beherbergt viele Schätze und eine ambitionierte Ausstellung

Der bemalte Boden des Kemladens missfiel dem neuen Besitzer im 19. Jahrhundert. Er drehte die Bretter um und ließ sie verputzen. Foto: Katja Haescher
Der Tapetensaal: Der Farbauftrag der Motive für die Telemach-Tapete erfolgte mit mehr als 2000 hölzernen Druckplatten. Foto: Katja Haescher

Wer kennt das nicht: Da steht ein schönes Haus in der Straße, hundertmal und öfter ist man schon vorbeigegangen. Aber was verbirgt sich hinter der Fassade? Welche Geschichten stecken hinter den Mauern, wer geht hier ein und aus? Denn schließlich sind Geschichten von Häusern immer auch Geschichten von Menschen. In dieser Serie wollen wir gemeinsam mit Ihnen hinter Fassaden blicken. Heute in der Lübschen Straße 23 in Wismar, wo das Welt-Erbe-Haus aus der Geschichte der Hanse erzählt.

Der Blick aus den Fenstern des Vorderhauses fällt auf die Lübsche Straße. Nach Westen, wo in einer Entfernung von 665 Kilometern Amsterdam liegt. Und nach Osten, 685 Kilometer bis nach Danzig, 1542 nach Tallinn. Letzteres waren mehr als 51 Tagesreisen. Sogar nach Stralsund war ein Reisender fast fünf Tage unterwegs zu einer Zeit, als über die heutige Lübsche Straße die wichtige Handelsroute der Via Baltica verlief. Damals, zur Zeit der Hanse, be­ginnt die Geschichte des rund 700 Jahre alten Dielenhauses. Und die Hansezeit ist es auch, die der Stadt das vermachte, was sie heute zusammen mit Stralsund zum Welterbe krönt. Aber der Reihe nach.

Das Doppelgiebelhaus in der Lübschen Straße wurde laut dendrochronologischem Gutachten 1351 gebaut. Es verfügte über eine große Diele im Erdgeschoss, in der der Hauseigentümer seiner Profession nachging – welcher, das konnte noch nicht geklärt werden, sagt Norbert Huschner, der das Amt für Welterbe, Tourismus und Kultur in der Hansestadt leitet. Der Raum im Dachgeschoss war der Lagerraum. Fast scheint es, als sei in dieser prosperierenden Zeit alles wichtiger als das Wohnen gewesen. Lediglich ein länglicher Anbau zum Hof, der so genannte Kemladen, beherbergte Tisch und Bett.

Etwas deutlicher werden die Spuren der Hausbewohner zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Damals erwarb die Ratsherrenfamilie Lembke das Doppelhaus und führte es zu einer gemeinsamen Nutzung zusammen. Beim Umbau leisteten Lembkes ganze Arbeit: Die Diele wurde abgesenkt, damit eine weitere Decke eingezogen und eine Beletage zur standesgemäßen Repräsentation geschaffen werden konnte. Lembkes Statusdenken bescherte dem Haus und damit auch der Hansestadt Wismar einen Schatz, der heute das Glanzstück der Innenausstattung ist: den Tapetensaal. „Die Tapete entstand 1823 in der Pariser Manufaktur Dufour et Leroy und kam 1828 nach Wismar“, sagt Norbert Huschner. Die Wände des Saals sind vollständig damit ausgekleidet. In einem Bilderzyklus wird die Reise von Odysseus‘ Sohn Telemach auf die Insel der Calypso dargestellt. Das Motiv war seinerzeit ein Exportschlager – heute gehört die aufwendig restaurierte Wismarer Tapete zu den wenigen erhaltenen vollständigen Zyklen. Einen weiteren gibt es zum Beispiel in der Villa des einstigen US-Präsidenten Jackson in Tennessee.

Nachdem 1923 der letzte Lembke kinderlos gestorben war, erwarb die Wismarer Kaufmannskompanie das Haus. Es folgten Zweiter Weltkrieg und ein Systemwechsel; ab 1950 wurde das Gebäude Haus der Kultur und Philatelisten, Numismatiker und Künstler zogen ein. Viel für die Erhaltung der Substanz konnte damals nicht getan werden – es wurde hier mal etwas gestrichen, dort ein bisschen geölt. „Aber es wurde geheizt, das Haus wurde genutzt und das war das Wichtigste“, sagt Norbert Huschner. Seine schlimmste Zeit hatte das Gebäude zwischen 1990 und 2005 – als es leer stand. Nachdem die Hansestadt Wismar das Haus übernommen hatte, wurden mit Hilfe von Städtebaufördermitteln sofort Giebel und Kemladen gesichert. „Sonst hätten wir 2010 nichts mehr zu sanieren gehabt“, ist Nobert Huschner überzeugt.

Dank eines Förderprogramms für ­UNESCO-Welterbestätten konnte die Stadt die Mammutaufgabe schließlich anpacken und zu einem guten Ende führen. Seit dem 1. Juni 2014 erzählt das Haus seine Geschichte – und die eines einzigartig erhaltenen Stadtkerns einer mittelalterlichen Hansestadt, der Wismar neben der wunderbaren Backsteinarchitektur den Platz auf der exklusiven Welterbeliste sichert. Was seit der Wende bei der Erhaltung und Sanierung der historischen Bau­substanz geleistet wurde, verdeutlichen auch diese Zahlen: Damals gab es in der Altstadt 1750 unsanierte Gebäude, Ende 2017 waren es noch 128. Und anstelle von 5000 Einwohnern im alten Kern sind es heute 8000. Katja Haescher

Die Alte Synagoge Hagenow

Das frühere Zentrum jüdischen Lebens ist heute Museum, Begegnungsstätte und Veranstaltungsort

Außenansicht des Hauptgebäudes, der einstigen Synagoge. Foto: Rainer Cordes

Wer kennt das nicht: Da steht ein schönes Haus in der Straße, hundertmal und öfter ist man schon vorbeigegangen. Aber was verbirgt sich hinter der Fassade? Welche Geschichten stecken hinter den Mauern, wer geht hier ein und aus? Denn schließlich sind Geschichten von Häusern immer auch Geschichten von Menschen. In dieser Serie wollen wir gemeinsam mit Ihnen hinter Fassaden blicken. Diesmal: die Alte Synagoge Hagenow.

Im Jahr 1820 war die jüdische Gemeinde in Hagenow so groß geworden, dass der bereits seit 1781 bestehende Betraum nicht mehr reichte und die Gemeinde eine eigene Synagoge benötigte. So erwarb der Gemeindevorsteher Hirsch Samuel Meinungen 1820 ein Gartengrundstück in der damals nur sehr wenig bebauten Hagenstraße. Auf dem kleinen Stück Land sollte nun die Synagoge entstehen, ergänzt durch eine Wagenremise sowie ein Schul- und Gemeindehaus inklusive Lehrerwohnung. Dabei galt aber zu beachten, dass seinerzeit die jüdischen Gebetshäuser nicht an eine Straße grenzen durften. Der Plan sah daher vor, das Gemeinde- und Schulhaus direkt an die Straße zu bauen und die Synagoge dahinter. Den Antrag auf Baugenehmigung stellte die Gemeinde entsprechend. Erst 1822, zwei Jahre später, wurde die Erlaubnis erteilt. Am 15. August 1828 wurde die Synagoge, wie die anderen beiden Häuser ein schöner Fachwerkbau, endlich eröffnet.

Bis 1907 war der Ort Zentrum des jüdischen Lebens in Hagenow. In jenem Jahr fand der letzte Gottesdienst statt, nachdem kurz zuvor der letzte Lehrer Marcus Juda gestorben war. Die Gemeinde erhielt die Immobilie trotz knapper Mittel jedoch weiterhin.

In der Pogromnacht 1938, ein Jahr nach dem Tod von Samuel Meinungen, zertrümmerten die Nazis die Inneneinrichtung der Synagoge fast vollständig. Nach der Enteignung der jüdischen Gemeinde wurde die Synagoge 1942 an ein NSDAP-Mitglied zwangsverkauft. Er ließ die Gebäude in den Folgejahren mehrfach umbauen und vermietete Teile der Immobilie an eine Nährmittelfirma. Zu DDR-Zeiten befand sich auf dem Synagogengelände zunächst eine Eierannahmestelle und später der Sitz der Bäckergenossenschaft. 1969 gingen Grundstück und Bauten in Volkseigentum über und wurden 1982 unter Denkmalschutz gestellt.

Anfang der neunziger Jahre übernahm die Jewish Claims Conference das Synagogenensemble, 2001 kaufte die Stadt Hagenow der Claims Conference die leerstehenden, verfallenden Gebäude ab.

Das war der Startpunkt für die Neubelebung: An der Langen Straße 79 sollte ein Kulturzentrum entstehen. Zuvor mussten alle drei Bauten saniert werden. Dies kostete Aufwand – und Geld: 1,2 Millionen Euro. Die Restaurierung wurde aus unterschiedlichen Quellen finanziert. Land, Kreis und Stadt leisteten ihren Beitrag, ein großer Teil des Geldes setzte sich aber auch aus Spenden zusammen.

Gearbeitet wurde ab Januar 2006 in drei Bauabschnitten (Vorarbeiten aber schon ab 2004): zuerst die Wagenremise, dann das Haupthaus und zuletzt das Schulhaus. Der Wittenburger Architekt Marcel Rafi Bakhsh leitete die Restaurierung baufachlich. Die sanierte frühere Synagoge selbst wurde im September 2007 mit einem Konzert von Daniel Hope und Alexander-Sergei Ramirez eröffnet.

Im April 2009 war das Schulhaus fertig. Hier wurde während der Arbeiten übrigens die Mikwe wiederentdeckt, ein rituellen Zwecken dienendes Tauchbad. Heute beherbergt dieser Bau die Ausstellung „Spuren jüdischen Lebens in Hagenow und Westmecklenburg“. Zu Ehren der Enkelin von Samuel Meinungen, die 1942 im Alter von zwei Jahren nach Auschwitz deportiert wurde, heißt das Gebäude seit 2010 Hanna-Meinungen-Haus.
Die Alte Synagoge ist heute Teil des Museums Hagenow, sie wird für Kulturveranstaltungen und als Begegnungsstätte genutzt. S. Krieg

Das Schloss, das gar keines ist

Die Geschichte des Herrenhauses Schloss Bothmer in Klütz

Zum Hauptportal des Schlosses gelangt man über die berühmte Girlandenallee aus Holländischen Linden.

Wer kennt das nicht: Da steht ein schönes Haus in der Straße, hundertmal und öfter ist man schon vorbeigegangen. Aber was verbirgt sich hinter der Fassade? Welche Geschichten stecken hinter den Mauern, wer geht hier ein und aus? Denn schließlich sind Geschichten von Häusern immer auch Geschichten von Menschen. In dieser Serie wollen wir gemeinsam mit Ihnen hinter Fassaden blicken. Diesmal: das Schloss Bothmer in Klütz.

Der Weg ist das Ziel, könnte man fast sagen, wenn man sich auf selbigen begibt, um zum Schloss Bothmer zu gelangen. Der 270 Meter lange Hohlweg wird von Holländischen Linden gesäumt, deren Kronen gespalten und über Jahrzehnte so erzogen wurden, dass sie zwei Girlanden bilden. Deswegen wird die zum Schloss führende Straße auch Festonallee genannt.

Wer diesen wundervollen Weg zwischen den rund 70 Bäumen durchschritten hat, gelangt zunächst auf den Ehrenhof des Schlosses und erblickt den Mittelteil des Haupthauses; die anderen Gebäudeteile sind seitlich symmetrisch angeordnet. Aus der Luft ähnelt das gesamte Ensemble einer Art überdimensionaler Heftklammer.

Ein Schloss in Form einer Krampe? So etwas gibt‘s? In diesem Fall tatsächlich nicht: In Wahrheit handelt es sich bei Schloss Bothmer nicht wirklich um ein Schloss im engeren Sinn, denn das Gebäude diente nie als Residenz adliger Herrscher.

Namensgeber war Johann Caspar Graf von Bothmer, meistens kurz Hans Caspar von Bothmer genannt. In Niedersachsen geboren wirkte er ab 1683 als Diplomat und dies von 1711 bis zu seinem Tod 1732 in London, wo er zum Schluss seinen Dienstsitz in 10 Downing Street hatte.

Das Schloss – wir bleiben jetzt mal bei dem Begriff – ließ der Graf als Stammsitz seiner Familie erbauen. Er selbst wohnte jedoch nie darin, denn er verstarb bereits kurz vor Fertigstellung seines herrschaftlichen Hauses. Baumeister Johann Friedrich Künnecke ließ das Backsteingebäude von 1726 bis 1732 errichten. Er orientierte sich dabei auf Geheiß des Bauherrn an niederländischen und englischen Landhäusern. Dazu muss man wissen, dass Graf von Bothmer vor seiner Zeit in London unter anderem als Diplomat in Den Haag unterwegs war.

„Bedenke das Ende!“ Ob dies der Leitspruch des Adligen war, ist nicht bekannt. Jedenfalls ziert das Motto in Latein das Wappen. Und so steht außen über dem Hauptportal noch heute: „Respice finem“.

Erste Bewohner des Schloss genannten Herrenhauses waren der Neffe des Bauherrn Hans Caspar Gottfried von Bothmer und dessen Gattin Christine Margarethe. Das Anwesen blieb trotz zeitweiliger Streitereien mit einer anderen Adelsfamilie mehr als 200 Jahre im Besitz der von Bothmers.

Wenige Monate nach dem Ende des zweiten Weltkriegs wurden sie jedoch enteignet. Zuvor funktionierte bereits die Wehrmacht Teile des Gebäudekomplexes zu einem Lager um, und ab 1943 waren auch Flüchtlinge dort untergebracht. Dann nutzten kurzzeitig britische Truppen das Haus, und im September 1945 wurde es zu einem Krankenhaus. Zu dieser Zeit lebte noch Hans Kaspar von Bothmer in dem Haus (der Rest der Familie war bereits geflohen); er starb 1946. Auf das Krankenhaus folgte unter anderem ein Seniorenheim, das 1994 geschlossen wurde.

Nach einigem Hin und Her und dem Scheitern eines privaten Investors landete Schloss Bothmer vor elf Jahren im Besitz unseres Landes, inzwischen wird es hier von der Oberen Landesbehörde Staatliche Schlösser, Gärten und Kunstsammlungen Mecklenburg-Vorpommern verwaltet.

Das Land ließ die Immobilie innen und außen umfangreich sanieren, und seit 2015 steht es den Bürgern als Museum und Kulturveranstaltungsort zur Verfügung. Die Ausstellung befindet sich in den früheren Wohnräumen; der angeschlossene Park lädt nicht nur zu schönen Spaziergängen ein, sondern dort können in den Sommermonaten auch klassische Konzerte genossen werden. S. Krieg