Bühne frei für Nosferatu

Es ist soweit: Ein Untoter wird zum Leben erweckt und das Theater mit ihm. Vom 16. Juli bis 7. August lockt endlich wieder Kunst auf der Wismarer St.-Georgen-Bühne. „Nosferatu“ ist die diesjährige Produktion des Theatersommers und eine doppelte Auferstehung: Nicht nur das Bühnenfestival startet nach der coronabedingten Zwangspause wieder durch; 100 Jahre nach den Dreharbeiten zum berühmten Stummfilm von Friedrich Murnau kehrt auch Nosferatu nach Wismar zurück.

Wir erinnern uns: Der nach Blut dürstende Graf aus Transsilvanien segelt nach Wisborg und bringt nicht nur das Grauen, sondern auch die Pest in die Stadt. Regisseur Holger Mahlich hat den Gruselklassiker nun auf neue Weise in Szene gesetzt: „Wir lassen die Zuschauer Zeuge des ersten Drehtags dieses Stummfilms werden“, sagt der erfahrene Regisseur und Schauspieler. Das verspricht einen amüsanten Einblick in die Attitüden von Künstlern und ihre großen und kleinen Affären in der glamourösen Kinowelt der damaligen Zeit. Schauerromantik neu gedacht und inszeniert – unterhaltsam, witzig und natürlich gruselig. Zu den Filmszenen gibt’s Live­musik, bereits erfolgreich aufgeführt und arrangiert von Kantor Christian Thadewald-Friedrich.

Humorvoll schauriges Artwork: Zeichnung von der „Nosferatu“-Bühnenbildnerin Julia Scheurer

Die Verantwortung fürs Kostüm- und Bühnenbild liegt in den Händen von Julia Scheurer, die in dem Spielort mit seinen besonderen Raum- und Lichtverhältnissen eine spannende Herausforderung sieht. „Wir haben hier einen Gegensatz der Zeiten. Zum einen die Biedermeier-Zeit mit dem typischen Familien-Idyll und gleichzeitig die 20iger Jahre mit Aufbruch und Selbstverwirklichung“, nennt sie eine weitere Aufgabe. Für den fiktiven Filmdreh hat Julia Scheurer ein kleines Babelsberg entstehen lassen

Zuschauer dürfen sich also auf einen spannenden wie witzigen Abend freuen. Sie erleben nicht nur, wie die verschiedenen Szenen (vermutlich) gedreht wurden, sondern können diese Szenen gleichzeitig auf einer großen Leinwand über der Bühne betrachten. Das verspricht deutsche Dramatik und Erzählkunst in einzigartiger Atmosphäre und Architektur und die humorvoll-gruselige Stückfassung des fiktiven Filmdrehs als zusätzlichen Leckerbissen.

Damit das Theaterfestival sorgenfrei über die Bühne gehen kann, hat der Verein zur Förderung des Wismarer Theaters einen umfangreichen Hygieneplan ausgearbeitet. Täglich zwei Aufführungen – um 17.30 und um 20 Uhr – machen es möglich, dass trotz limitierter Zuschauerzahl möglichst viele Besucher in den „Drehtag des Grauens“ eintauchen können.

Theatersommer St. Georgen
Es begann 2014 mit dem „Jedermann“ von Hugo von Hoffmannsthal. 2016 und 2017 war Goethes „Faust“ zu sehen, 2018 „Der Drache“ von Jewgeni Schwarz. In diesem Jahr nun steht „Nosferatu. Ein Drehtag des Grauens“ auf dem Programm.

„Nosferatu. Ein Drehtag des Grauens“ – die Termine

  • Fr, 16. Juli, 20 Uhr (Premiere)
  • Sa, 17. Juli, 17.30 und 20 Uhr
  • Do, 22. Juli, 17.30 und 20 Uhr
  • Fr, 23. Juli, 17.30 und 20 Uhr
  • Sa, 24. Juli, 17.30 und 20 Uhr
  • Do, 29. Juli, 17.30 und 20 Uhr
  • Fr, 30. Juli, 17.30 und 20 Uhr
  • Sa, 31. Juli, 17.30 und 20 Uhr
  • So, 1. August, 16 Uhr (barrierefrei)
  • Do, 5. August, 17.30 und 20 Uhr
  • Fr, 6. August, 17.30 und 20 Uhr
  • Sa, 7. August, 17.30 und 20 Uhr

 

Die Kirche „spielt immer mit“

Interview mit der Bühnen- und Kostümbildnerin Julia Scheurer

Julia Scheurer ist für das Bühnenbild und die Kostüme beim Stück „Nosferatu. Ein Drehtag des Grauens“ zuständig. Sie beantwortet drei Fragen zu ihrer Arbeit.

Sie sind selbstständige Bühnen- und Kostümbildnerin. Haben Sie als Kind schon davon geträumt, in fremde Kostüme zu schlüpfen und diese auch zu erschaffen?
Was Kostüme für mich als Kind bedeutet haben, gilt vielleicht auch heute noch: die Begeisterung für die unterschiedlichsten Rollen, in die man mit einem Kostüm schlüpfen kann. Die Freiheit die jedes Kind im Verkleiden spürt – zu sein wer oder was man möchte – ist ja unglaublich faszinierend. Und das Faszinierende am Theater sind für mich die Figuren mit den unterschiedlichen Charakteren, da spielt das Kostüm eine unterstützende und wichtige Rolle.

In diesem Sommer darf man in der Hansestadt Wismar Ihre Arbeit kennen lernen – für die „Nosferatu“-Inszenierung von Holger Mahlich. Wie kam es dazu?

Bühnen- und Kostümbild-nerin Julia Scheurer Foto: privat

Der ehemalige Bühnenbildner des Wismarer Theaterfestivals Falk von Wangelin hat für seine Arbeit beim Theatersommer aus Altersgründen eine Nachfolge gesucht. Ich kenne ihn als einen der Prüfer der Abschlussklassen für Bühne und Kos­tüme an der Design­akademie Ros­tock. Holger Mahlich ist auch ein langjähriger Mitstreiter beim Theatersommer und hat die Design­akademie besucht, um uns sein neues Projekt vorzustellen. Falk von Wangelin hatte für Nosferatu bereits einen ersten Bühnenentwurf erarbeitet. Dieser war allerdings vor der fertigen Stückfassung entstanden und musste nun zum Teil geändert und angepasst werden. Ich fand es notwendig, Kulissen zu bauen, so wie das auch in den Filmstudios üblich war, also wirklich so ein kleines Babelsberg der zwanziger Jahre auf der Bühne entstehen zu lassen. Für die Vorarbeit von Falk von Wangelin an Nosferatu bin ich sehr dankbar.
Spannend fürs Kostüm, das darf ich vielleicht noch verraten, sind auch die zeitlichen Ebenen, besonders sichtbar an der Schauspielerin der Ellen beziehungsweise Greta. Einmal spielt sie die Ellen in der Biedermeierzeit um 1830, also eher zurückgezogen aufs heimische Idyll, und dann wiederum ist sie die selbstbewusste Greta der zwanziger Jahre, die die Ellen auf der Bühne spielt. Dieser charakterliche Gegensatz wird auch im Kostüm sichtbar sein.

Worin besteht für Sie die spezielle Herausforderung, Theater in einer großen Kirche zur Wirkung zu bringen, und was ist der Unterschied zum geschlossenen Theaterraum?
Eine Herausforderung für mich als Bühnenbildnerin ist der wunderschöne Spielort – die St. Georgen-Kirche Wismar als kraftvoller Ort mit seinen speziellen Raum-, Klang- und Lichtverhältnissen.
Das ist etwas ganz anderes als ein geschlossener Theaterraum. Die Kirche darf man bei der Entstehung des Entwurfs nicht außer Acht lassen, da sie immer „mitspielt“. Der schwarze Guckkasten, als Bühne eines Stadttheaters dagegen, verschwindet im besten Fall.