Naturfreund, Töpfer, Netzwerker

Jeder rote Punkt auf der Karte ist eine Töpferei. Und die Karte sieht aus als hätte sie die Windpocken – so viele Werkstätten in MV machen beim Tag der offenen Töpferei am 14. und 15. März mit. Der Nord­osten ist ein Refugium für Keramiker und Hans-Heinrich Döscher ist einer von ihnen. Ein Punkt ganz im Südwesten des Landes steht für seinen Töpferhof in Hohenwoos.

Hohenwo? fragt jetzt so mancher und weil Hans-Heinrich Döscher das weiß, hat er auf seiner Internetseite unter diesem Stichwort die exakten Koordinaten hinterlegt. Koordinaten, die zu ihm in den Wald führen. Vorbei an Feldern, auf denen Kraniche äsen. Unter dem hohen Himmel hindurch, an dem Gänse reisen. Bis zur Lichtung mit Seeblick und Töpferhof, wo die Familie Döscher schon seit mehreren Generationen zu Hause ist. „Mein Ururgroßvater hat diesen Hof gekauft“, erzählt Hans-Heinrich ­Döscher mit Blick auf den alten Giebel, in dessen Gebälk der Name seiner Urgroßmutter steht: Anna Döscher. Der 33-Jährige hat das Anwesen 2013 übernommen. Er ist um die Ecke in Neu-Kaliß geboren und hier aufgewachsen. „Für mich war klar, dass ich den Hof erhalten möchte, weil ich gern hier lebe“, sagt Döscher.

Ein einsames Haus mitten im Wald – was hält einen jungen Mann hier? Der muss bei dem Wort einsam schon mal lachen. Draußen spielen an diesem ersten Vorfrühlingstag die Vögel völlig verrückt. Immer wieder klingelt das Telefon und kurz darauf rollt ein Auto mit Hamburger Nummernschild auf den Hof – „zum Gucken in der Werkstatt“. Es ist also immer etwas los auf dem Töpferhof und im Café – und trotzdem kann Hans-Heinrich Döscher hier auch die Natur genießen, der er so sehr liebt. „Wenn ich zur Jagd gehe und auf dem Ansitz einschlafe und beim Aufwachen sitzt eine Amsel auf meinem Knie, ist das für mich unbezahlbar“, schwärmt er und zieht Zufriedenheit daraus, sein Lebensumfeld selbst gestalten zu können.

Bis 1972 befand sich auf dem heutigen Töpferhof eine Ziegelei, ursprünglich in Familienbesitz. Danach entstand ein Sägewerk und als auch das verstaatlicht wurde, bauten Döschers Eltern 1983 die Töpferei auf. Die Absatzmöglichkeiten waren ausgezeichnet – bis zur Wende, als es plötzlich alles gab. „Mein Vater hat immer erzählt, dass er umstudieren musste: von der Beschaffung vor der Wende bis hin zum Verkauf danach“, erzählt der Sohn.

Der Junior war drei, als die Mauer fiel – er kennt diese Zeit nur aus den Schilderungen anderer. Er konnte gleich alle Möglichkeiten nutzen. Nach dem Abitur absolvierte er ein einjähriges Praktikum bei der Bundesgartenschau und lernte eine Menge über Veranstaltungsmanagement und den Umgang mit Menschen. Oft waren Charme und Feingefühl gefragt und Hans-Heinrich Döscher merkte, dass er gut mit anderen ins Gespräch kommen kann.
Ein Talent, das ihm heute auch auf dem Töpferhof zugute kommt. Zuvor studierte der 33-Jährige noch Agrarökologie an der Universität Rostock. Und auch diese Kenntnisse kann er gut anwenden, denn eine kleine Landwirtschaft gehört ebenfalls zum Familienunternehmen.

Ohnehin ist er auf dem Hof als Allrounder tätig: Wenn es darauf ankommt, bäckt Döscher auch den Kuchen fürs Café „Kornscheune“, das bei Busreisenden und Biosphäre-Urlaubern gleichermaßen bekannt ist. Zum selbstgebackenen Kuchen gibt es den Kaffee aus selbstgetöpferten Tassen. Und was heißt Kaffee: „Das ist unsere Tasse für den Espresso, hier die für die heiße Schokolade, für den Kaffee Crema und die Bauchige für den Milchkaffee“, stellt der Hausherr den Reigen auf der Anrichte vor. Mitarbeiterin Christine Hengevoß hat jedes einzelne Geschirrteil gleich nebenan auf der Töpferscheibe gedreht.

Hans-Heinrich Döscher selbst hat die Töpferei nicht als Ausbildungsberuf gelernt. Doch er hat bei einem Töpfer in Thüringen einen Crashkurs an der Scheibe absolviert und ist mit Hilfe zahlreicher Bücher und durchs Learning by doing in die Materie eingestiegen. „Ich will bei allen Dingen genau wissen, wie sie funktionieren“, sagt er. Und diese Möglichkeit gibt er auch anderen: Bei Drehkursen, in der Töpferwerkstatt und im Malstudio können sich Besucher in der Kunst des Töpferns versuchen. Natürlich gibt es auch zum Tag der offenen Töpferei für Gäste die Gelegenheit, selbst die Finger in den Ton zu drücken. Zeit zum Schauen und Staunen und der selbstgebackene Kuchen dürfen natürlich auch nicht fehlen. Kinder dürfen sich auf viele Spielmöglichkeiten und die Mini-Schafe freuen, die ebenfalls in Hohenwoos zu Hause sind.

Und nicht zuletzt ist es auch das Paradies vor der Haustür, das Hans-Heinrich Döscher immer wieder inspiriert. Pusteblumen, Röhricht, eine schlichte Fichte: Sie alle tauchen als Dekor auf Döschers Steingut auf, genauso wie Tiere aus dem Wald, die er auf Wunsch manches Jägers schon in die Glasur geritzt hat. Auch deshalb ist für den Töpfer, Naturfreund, Schwedenliebhaber und Vater zweier Kinder dieses Handwerk eines der schönsten überhaupt: „Die Möglichkeit, etwas herstellen zu können, das funktional und trotzdem schön ist, macht die Töpferei zu etwas ganz Besonderem.“ Katja Haescher

Foto: Ein seltener Moment der Ruhe: Hans-Heinrich Döscher hat auf dem Töpferhof in Hohenwoos immer etwas zu tun. © Katja Haescher