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Grenzenlose Wut

Joanna Lewicka gibt ihren Einstand am Mecklenburgischen Staatstheater mit „Thyestes“

Mecklenburgisches Staatstheater: Thyestes
Astrid Meyerfeldt als Atreus und Norbert Stöß als Thyestes. Foto: Gábor Hollós

In Tantalos-Enkel Atreus wallt der Zorn. Sein Bruder Thyestes hat ihm nicht nur die Frau gestohlen, sondern auch das wertvolle Vlies eines Widders. Zwar hat er sich in der Machtfrage durchgesetzt und den Bruder verbannt. Aber reicht das? Nein, die Wut ist grenzenlos, sie sprengt alles. Und wenn sich schon der Geist des Tantalos zurück zu seinen Qualen im Hades sehnt, dann steht es schlecht um die Welt.

„Thyestes“ in der Inszenierung von Johanna Lewicka (Premiere 25. September) wirft elementare Fragen auf. Zur Gier nach Macht und dem damit einhergehenden Größenwahn. Dem Durst nach Rache. Der Wahl der Mittel und der Gewalt, die sich fortpflanzt, weil im Verbrechen immer das Verbrechen begründet liegt. Alles kommt auf den Seziertisch. Oder besser gesagt auf den Küchentisch, denn die Erben des Tantalos haben der Anmaßung des Ahnen noch eins draufgesetzt. Schlachtete und kochte Tantalos einst seinen Sohn, um die Allwissenheit der Götter zu testen, schlachtet Atreus gleich drei Söhne seines Bruders und setzt diese dem unwissenden Vater zum Versöhnungsmahl vor.

Es ist Theater voller Wucht, mit dem Joanna Lewicka ihren Einstand als Schauspieldirektorin am Mecklenburgischen Staatstheater gibt. Hugo Claus‘ „Thyestes“ nach der Tragödie des römischen Dramatikers Seneca vereint als spartenübergreifende Produktion Schauspiel, Ballett und Mecklenburgische Staatskapelle, Singakademie und Statisterie auf der Bühne, deren äußerer Verfall den inneren widerspiegelt.
„Sollen mich doch alle hassen, wenn sie mich nur fürchten“, sagt Atreus auf seinem Küchenstuhl-Thron. Dass dieser komplett durchgeknallte Größenwahn nichts Vergangenes ist, dass hier ein Psychopath wütet, dem jedes Mittel recht ist, macht das Ganze so aufwühlend. Dazu tragen auch Astrid Meyerfeldt als Atreus und Norbert Stöß als Thyestes mit ihrer Darstellung bei, ihre Figuren gieren und intrigieren, rasen und hassen und entfesseln einen Furor, der über Moral und Ethik hinwegfegt. Es ist schwerer Stoff, der aber schlüssig erzählt, das Anschauen lohnt. Katja Haescher


Nächste Termine: 18./31. Oktober, 7./15. November
www.mecklenburgisches-staatstheater.de