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Wächter über den wahren Tod

Leichenwärterhaus und Grabkapellen in Wismar erzählen von Wandel in der Bestattungskultur

Familiengruft Martens
Die Familiengruft der Martens‘, eine klassizistische Grabanlage und das größte Mausoleum in MV.
Fotos: Katja Haescher

Wer kennt das nicht: Da steht ein schönes Haus in der Straße, hundertmal und öfter ist man schon vorbeigegangen. Aber was verbirgt sich hinter der Fassade? Welche Geschichten stecken hinter den Mauern, wer geht hier ein und aus? Denn schließlich sind Geschichten von Häusern immer auch Geschichten von Menschen. In dieser Serie wollen wir gemeinsam mit Ihnen hinter Fassaden blicken. Heute dort, wo niemand wirklich wohnt: in den Grabkapellen des Wismarer Friedhofs.

In der Halloween-Industrie sind Grabsteine, Gruftzubehör und Aufschriften wie R.I.P. beliebte Dekorationselemente. Doch seit wann haben Friedhöfe das Image eines schaurigen Ortes? Und was hat das mit dem Friedhof in Wismar zu tun?

Das Grab von Bürgermeister Haupt vor der Grabkapelle der Familie Herrlich
Das Grab von Bürgermeister Haupt vor der Grabkapelle der Familie Herrlich. Das Kreuz steht dort, wo einst der Galgen stand …

Fest steht: Der Wismarer Ost- und der wenig später entstandene Westfriedhof stammen aus einer Zeit, in der sich die Bestattungskultur fundamental änderte. Waren Friedhöfe bis dahin Kirchhöfe gewesen, die an Gotteshäuser grenzten, wanderten die Begräbnisplätze im 18. und 19. Jahrhundert vor die Tore der Stadt. Parallel dazu wurden um die Wende zum 19. Jahrhundert die Bestattungen im Innern der Kirchen verboten. Für beides gab es vor allem hygienische Gründe: Die Kirchhöfe platzten aus allen Nähten, weil in der mittelalterlichen Stadt schlichtweg Platz fehlte und in Seuchenzeiten viele Tote zu bestatten waren. In den Kirchen selbst sorgte der Verwesungsgeruch aus den unter dem Fußboden liegenden Grabkammern für unhaltbare Zustände, gegen die auch der Weihrauchduft kaum etwas ausrichten konnte.

In Wismar wurde im Vergleich zu anderen Orten lange in Kirchen bestattet – bis 1832. Im Jahr zuvor hatte Bürgermeister Haupt vermutet, dass die Stadt der einzige Ort in ganz Norddeutschland sei, in dem das Kirchenbegräbnis noch praktiziert wurde. Man brauchte also einen Begräbnisplatz an der Peripherie und fand ihn vor dem Mecklenburger Tor auf dem eins­tigen Galgenberg. Bereits im Oktober 1831 wurde das Areal geweiht – wenngleich mancher Bürger mit der Vergangenheit des Ortes ein Problem hatte. Wer wollte schon dort begraben liegen, wo einst Verurteilte gehängt worden waren? Doch die Offiziellen setzten sich durch. Diejenigen Familien, die noch eine Grabstätte in der Kirche besaßen, wurden nun mit einem Begräbnisplatz auf dem Friedhof entschädigt. Natürlich spielten dabei auch Repräsentationsbedürfnis und Standesbewusstsein eine wichtige Rolle. Das Privileg eines Kirchengrabs ließ sich nicht mit einem einfachen Platz im Rasen kompensieren. In dem Buch „Häuser der Ewigkeit“ schreibt die Kunsthistorikerin Anja Kretschmer, dass bereits bei der Anlage des Friedhofs zehn der schönsten Plätze für die Errichtung von massiven Gruftgebäuden reserviert wurden. Fünf Mausoleen waren bereits kurz nach der Einweihung des Friedhofs fertig. Dazu gehörte das Mausoleum Martens, der größte städtische Grabbau in Mecklenburg-Vorpommern. Johann Gottfried Martens war Mitglied der Gottesackerkommission und saß somit – was einen Bauplatz auf dem Friedhof betraf – an der Quelle. Der Bau besteht aus einem tempelartigen Hauptgebäude, an das sich über eine mauerartige Verbindung zwei Anbauten mit Kuppeldach anschließen. Im Hauptgebäude war ein Andachtsraum, der allerdings nur für Trauerfeiern geöffnet wurde. Darunter befand sich die unterirdische Gruftanlage mit je zwölf Sargnischen in drei Ebenen. Im Vergleich mit anderen Friedhöfen im Land sind auf dem Ost- und Westfriedhof in Wismar – letzterer entstand ab 1862 als Erweiterung – die meisten Mausoleen und Kapellen zu finden.

Grabkapelle Keding in Wismar
Die Grabkapelle Keding ist im neugotischen Stil erbaut.

Ein weiteres interessantes Gebäude ist das Leichenwärterhaus. Die Angst vor dem Scheintod war im 19. Jahrhundert groß und deshalb wurden die Verstorbenen dort aufgebahrt und von einem Wärter regelmäßig auf mögliche Lebenszeichen kontrolliert. Erst, wenn erste Verwesungszeichen sichtbar wurden, übernahm der Totengräber.

Klingt gruslig? Ist es auch. Und so waren es das ausgehende 18. und das 19. Jahrhundert, in denen Friedhöfe Eingang in die Schauerromantik fanden. Dafür sorgten auch die Schriftsteller dieser Zeit, die mit dem Schauerroman ein neues Genre etablierten. Und noch etwas kam dazu: Durch die Verlegung an den Stadtrand verschwanden die neuen Friedhöfe aus dem Alltagsleben. Waren die mittelalterlichen Kirchhöfe Orte des öffentlichen Treibens gewesen, auf denen man sich traf, verhandelte und sogar Recht sprach, war die Ruhestätte an der Peripherie ein „Gegenort“ zu solcher Lebhaftigkeit. Melancholie und Vergänglichkeit prägten jetzt das Bild, und was des Nachts auf den Toten­äckern passierte, konnte niemand mehr aus dem Fenster heraus verfolgen. Da blieb viel Raum für Phantasie.

Katja Haescher