
beweist Victoria Voigt Humor. Foto: Katja Haescher
Dada in der Griesen Gegend. Das klingt spannend und verheißungsvoll und wird – so verspricht es Victoria Voigt – wunderbar überdreht. Die Hamburgerin muss es wissen: Sie ist Regieassistentin bei der Inszenierung von „Flametti“ im Theater Kulturkate in Pritzier –und steht selbst auf der Bühne. Das Stück ist nach einem Roman von Hugo Ball entstanden, einem der Mitbegründer von Dada, jener Bewegung, die gegen konventionelle Kunst meuterte und sie so gern parodierte. Die Theaterfassung des Romans hat Victoria Voigt zusammen mit Regisseur Ulrich Bähnk geschrieben. So bevölkern in diesem Sommer skurrile Gestalten aus dem Ball‘schen Kosmos das platte Land. Und genau da, wo die Zahl kultureller Angebote sonst eher überschaubar ist, lässt es Flamettis Varieté
ordentlich krachen. Victoria Voigt freut sich darauf riesig.
Sie genießt die Arbeitsatmosphäre in Pritzier genauso wie die magische Stimmung im Park hinter dem Herrenhaus, wo die Bühne steht. „Als meine Schwester zum ersten Mal hierher kam, fühlte sie sich wie Alice im Wunderland“, erinnert sie sich. Und wenn sie während der heißen Arbeitsphase morgens auf ihrem Motorrad von Hagenow nach Pritzier düst, dann ist das sommerliche Mecklenburg eine gute Zugabe zum Genießen.
Victoria Voigt liebt das Theater. Schon früh hat es sie in seinen Bann gezogen; als Regieassistentin und Souffleurin, Schauspielerin und Regisseurin hat sie bereits gearbeitet, war in Häusern wie dem Ohnsorg-Theater und dem Hamburger Schauspielhaus, bei den Salzburger Festspielen. „Zwischendurch dachte ich, ich muss vernünftig werden und eine kaufmännische Ausbildung abschließen“, sagt Victoria. Die Sehnsucht nach dem Theater aber war in dieser Zeit so groß, dass sie schnurstracks ins St.-Pauli- Theater marschierte und sich zusätzlich für den Abenddienst meldete.
In ihrem erlernten Beruf als Fremdsprachen-Assistentin arbeitete Victoria Voigt dann nur kurz – wieder war die Sogwirkung der Bühne stärker. „Theatermädchen“ nennt sie sich selbst und liebt die Arbeit im Team, die Kreativität, die erst in der Gruppe groß wird. Vor drei Jahren hatte sie ihre erste eigene Inszenierung.
Ist sie nun lieber Regisseurin oder lieber Schauspielerin? Diese Frage möchte Victoria Voigt gar nicht beantworten. Für sie hat beides seinen Reiz. „Als Schauspielerin genieße ich es, mich für einen Moment selbst vergessen zu können, zu 100 Prozent in eine Figur einzutauchen“, sagt sie, nur um gleich hinzuzufügen: „Das Tolle an der Regie ist, dass die Bilder, die ich im Kopf habe, plötzlich auf der Bühne zu sehen sind und andere diese Vorstellung teilen und mitentwickeln.“ Kreativ zu sein, Neues auszuprobieren, den ganzen Tag tolle Dinge zu tun und abends
todmüde ins Bett zu fallen – das ist ihre Vorstellung von Glück.
Diese Freiheit will sie sich in Zukunft noch mehr nehmen. Nach acht Spielzeiten beendet sie deshalb eine Anstellung als Souffleurin am Deutschen Schauspielhaus: „Ich will das Eigentliche nicht aus den Augen verlieren.“ Ganz gerührt ist sie immer noch von dem Abschied „oben auf der Bühne, vor Publikum“. Übrigens: Lampenfieber empfindet die junge Künstlerin in der Rolle als Souffleurin oder Spielleiterin viel größer, als wenn sie selbst auf der Bühne steht. „Da ist es nach kurzer Zeit vorbei. Aber wenn ich die Verantwortung habe, muss ich Gelassenheit fürs ganze Ensemble ausstrahlen.“ Wünsche für eigene Inszenierungen hat sie viele. „Ich würde so gern einmal ,Die Leiden des jungen W.‘ von Ulrich Plenzdorf machen – mit einer Frau in der Hauptrolle“, sagt Victoria Voigt. Sie mag diese Figur, die sich im jungendlichen Erwachsenenalter ihre kindliche Wut bewahrt hat.
Nun aber erst einmal Max Flametti, der Varietédirektor. Der zeichnet sich dadurch aus, das er gern unperfekte Leute um sich hat, „gerempelte Menschen“, wie er sagt. Das birgt Komik, die das Ensemble in der Inszenierung nach vorn holt. „Momentan lachen wir nur“, gesteht Victoria Voigt. Eingebunden in die Arbeit sind Profis und Laien und das gefällt ihr gut: „Kreativität ist nichts Elitäres. Jeder Mensch hat sie und mich stört in der Kulturszene, wenn manche nur um sich selbst kreisen“.
Dass Kunst überall zu Hause sein kann – im großen Schauspielhaus wie auf der kleinen Bühne – werden die Theatermacher auch dieses Jahr in der Griesen Gegend beweisen. „Wir zeigen, dass man auch zum Arbeiten nach Pritzier fahren kann“, sagt Victoria Voigt. Genauso wie ins Theater – Premiere ist am 30. Juli um 20 Uhr.
Katja Haescher
www.kulturkate.de