Gerald Grewolls dokumentiert die Geschichte von Schwerin und die seiner eigenen Familie

Das alte Palais am Alten Garten mit Markisen vor den Fenstern, das Pfaffenteich-Südufer mit Waschpavillon, die Paulskirche im Bau: Es sind Fotos wie diese, die einen Blick ins Schwerin des 19. Jahrhunderts erlauben. Und Gerald Grewolls ist derjenige, der diese Blicke zusammenträgt, aufbewahrt und schützt. „Sammlung Gerald Grewolls“, dieser Vermerk taucht im Katalog der 2025 gezeigten Foto-Ausstellung „Schwerin – die Stadt der Großherzöge“ häufiger auf. Die Aufnahmen aus der Kollektion waren ein wichtiger Grundstock, um das Aussehen der Stadt und ihr Alltagsleben zu bebildern.
Gerald Grewolls‘ Interesse an Schwerin kommt nicht von ungefähr. Aufgewachsen ist er „mit dem Schloss vor der Nase“. Oma und Onkel lebten in einer der Villen in der Werderstraße und bis zu seinem zwölften Lebensjahr war auch Grewolls mit Eltern und Geschwistern hier zu Hause. Sein Onkel Günter – ein Urgestein des Schweriner Theaters und interessiert an allem, was es zur Geschichte des Hauses zu sagen gab. Sein Vater – Lehrer und nebenbei Stadtführer, der mit seinem Wissen Reisegruppen verzückte und ein großes Interesse an regionaler Geschichte und dem Haus Mecklenburg hatte. So lernte bereits der kleine Gerald, Erinnerungen sorgfältig zu dokumentieren. Mit einer Pouva Start, die heute noch bei ihm im Regal steht, fing er an zu fotografieren. Und er schnappte vieles auf, was aus dem alten Schwerin übriggeblieben war. „Mein Onkel Günter sagte nie: Wir gehen ins Café Prag, er ging immer noch zu Krefft“, erinnert sich der 65-Jährige.
Gerald Grewolls weiß, was Schätze sind. Er hat den Nachlass seines verstorbenen Vaters, den seines verstorbenen Onkels und weitere Sammlungen übernommen. Und natürlich ist er selbst stets auf der Suche nach Fotos und Postkarten – zum Beispiel auf Versteigerungsplattformen. Auf seiner Facebookseite teilt er zur Freude einer großen Fangemeinde jeden Tag ein altes Foto aus der Stadt mit Text und historischem Hintergrund.
Neben der Stadtgeschichte hat es ihm die Familiengeschichte angetan: Bis 1725 ist er in der Grewolls‘schen Linie in die Vergangenheit zurückgereist. „Schade, dass ich mich noch nicht in meiner Jugend für die Familiengeschichte interessiert habe, meine Urgroßmutter mütterlicherseits hatte immer so viel zu erzählen“, sagt der Schweriner und fügt hinzu: „Heute hätte ich ganz andere Fragen!“
Fotos dominieren auch die Ordner mit der Familiengeschichte. Da ist die Urgroßmutter, die viel zu erzählen hatte. Der Großvater, der als Lehrer in Kirch Stück arbeitete. Der Halbbruder des Großvaters, der Schauspieler war… Dazu kommen Fotos der Wohnorte, Ansichtskarten – zum Beispiel von der Schule in Kirch Stück – und jede Menge amtliches Papier.
Die Taufscheine, Ehedokumente und Sterbeurkunden weisen auf eine weitere Tätigkeit, die Gerald Grewolls schon viele Jahre seines Lebens beschäftigt: Er ist Mitarbeiter im Einwohnermeldeamt. Anfangs in Schwerin, später in Crivitz, sorgte er dafür, Meldedaten zu registrieren und Bürger mit den nötigen Dokumenten auszustatten. Er betreute den Friedhof und das Standesamt. Noch heute ist er dort stundenweise tätig und bringt Heiratswillige offiziell zusammen. Besondere Vorkommnisse? Nein, sagt er, dass ihn mal ein Paar versetzt oder jemand nein gesagt hat, sei noch nicht vorgekommen. Wohl aber, dass eine Braut Bräutigam und Trauredner eine Dreiviertelstunde warten ließ. „Sie war noch beim Friseur und mir blieb nichts anderes übrig, als Smalltalk mit dem Bräutigam zu machen, der völlig entspannt blieb“, erinnert er sich. Gerald Grewolls selbst ist seit 44 Jahren verheiratet. „Sternenhochzeit“, so hat er es im allwissenden Internet herausgefunden, ist die Bezeichnung für diesen Hochzeitstag. Und er hat sich auch schon etwas überlegt: Zusammen mit seiner Frau möchte er den Tag unter Sternen verbringen. Bei einem Besuch in der Schweriner Schlosskirche nämlich, an deren gemaltem Firmament sich sein Onkel Günter vor Jahren einen Stern gekauft hat. Und dann – wer weiß – vielleicht noch in der Schweriner Sternwarte…
Solche persönlichen Geschichten sind ihm wichtig. Er flicht sie auch in Reden ein, die er für traurige Anlässe vorbereitet. Seit Mitte der 1990-er Jahre spricht Gerald Grewolls auf Beerdigungsfeiern, erinnert an die gelebten Leben und findet tröstende Worte für trauernde Familien. Dazu kam es, weil in Crivitz ein Trauerredner ausgefallen war und ihn die Schwiegermutter des örtlichen Bestatters ansprach: „Sie machen so einen ruhigen Eindruck, können Sie es sich vorstellen?“ „Natürlich habe ich erstmal überlegt“, sagt der Schweriner. Aber elf Jahre Erfahrung in der Telefonseelsorge hatten ihn auch mit den Themen Tod und Trauer vertraut gemacht. Er sagte zu. Noch heute spricht er auf Beerdigungsfeiern und manchmal fällt das auch dem Redner unglaublich schwer – zum Beispiel, als der Sohn eines Kollegen verunglückte und er auf der Beisetzung die Trauerrede hielt. Wenn später ein Angehöriger auf ihn zukommt und sagt: „Vielen Dank für Ihre Rede!“, dann bedeutet ihm das viel. Und trotz der emotionalen Nähe hat Gerald Grewolls die Trauerrede für seine vor vier Jahren verstorbene Mutter selbst gehalten. „Ich kenne meine Mutter am besten, das will ich keinem Fremden überlassen“, sagte er sich damals. Auch als vor zwei Jahren sein Onkel Günther hochbetagt starb, sprach er am Grab. Und er gibt auch die Geschichten weiter.
Katja Haescher