
Ich denke, also bin ich. Nun bin ich vielleicht kein Philosoph, aber ich stelle mir schon die Frage, was das im Umkehrschluss bedeutet. Wie wirkt es sich auf mein Sein aus, wenn ich nicht mehr denke? Ich meine, seit es KI gibt, scheint Denken etwas für Leute zu sein, die zu blöd zum Prompten sind. Falls es sich noch nicht herumgesprochen hat: Prompten bedeutet die Formulierung von Fragen an die Künstliche Intelligenz. Und angeblich muss man lange denken, um diese Fragen richtig gut zu stellen.
Allerdings bin ich skeptisch. So las ich neulich, dass Menschen KI benutzen, um Liebesbriefe zu schreiben. Begründung: viel einfacher und schöner zu lesen. Ja geht’s noch? Reichen denn im Perfektionswahn die bearbeiteten Bilder nicht mehr aus, auf denen Falten ausradiert sind und jeder aussieht wie ein x-beliebiger Avatar? Ich meine: Das fliegt doch spätestens bei der ersten Begegnung auf, wenn der Kandidat nicht so formuliert wie Romeo kurz vor der Abreise nach Mantua!
Abgesehen von dieser Diskrepanz macht mir eine andere Sache zu schaffen. Wer sind wir, wenn uns Gehirnbewegung als anstrengend erscheint? Philosoph Descartes wollte mit dem Denken den dogmatischen Glauben an Autoritäten ersetzen. Aber denkste! Schwuppdiwupp wird Denken ersetzt durch „Cognitive offloading“. Heißt zu Deutsch: Das Kognitive wird ausgelagert. Vielleicht klappt das ja irgendwann auch mit dem Sein – und ich schwebe dann als Avatar durch den perfekten Cyberraum.
Euer Matti
(notiert von Katja Haescher)